Donnerstag, 28. Mai 2020

Die Not der Kinder und Jugendlichen in der Coronakrise

Das Südtiroler Kinderdorf und die Kinder- und Jugendanwältin Höller machen in einer Presseaussendung auf die Not der Kinder und Jugendlichen aufmerksam, die sie durch die Coronakrise erlebt haben und weiterhin erleben.

Auch für Kinder ist die Coronakrise eine schwierige Zeit.
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Auch für Kinder ist die Coronakrise eine schwierige Zeit. - Foto: © shutterstock
Kinder kooperieren von Natur aus mit den Erwachsenen, d.h. sie richten ihr Verhalten an dem der Erwachsenen aus so gut es geht, sie machen vieles mit und geben dafür ihre eigenen persönlichen Grenzen auf.

Bis sie nicht mehr können. Dann zeigen sie ihre innere Not durch auffälliges Verhalten - sie rebellieren oder ziehen sich in sich zurück - oder sie bekommen alle möglichen körperlichen Symptome von Schlafstörungen bis hin zu Bauch- oder Kopfschmerzen.

Darüber hinaus sind Kinder einem massiven Ereignis wie der Covid 19 Krise vollkommen schutzlos ausgeliefert. Sie sind vollkommen auf die erwachsenen Bezugspersonen angewiesen: über sie erfahren sie von dem, was passiert und nur ihnen können sie ihre Bedürfnisse und ihre Sorgen mitteilen.

Lockdown eine schwierige Zeit

„Gesundsein bedeutet nicht ausschließlich, frei von einer Infektionskrankheit zu sein. Gesundheit ist ein weiter Begriff und umfasst das körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden. Vor allem die Komponente der psychischen Gesundheit wurde bei den Covid-19-Maßnahmen jedoch oftmals aus dem Auge verloren. Der Austausch mit den Gleichaltrigen fehlt den Kindern und Jugendlichen, gerade diese emotionale Komponente ist aber essentiell für eine gute Entwicklung“, betont Kinder- und Jugendanwältin Höller.

Durch den Lockdown litten und leiden Minderjährige erheblich: durch die enormen Spannungen in den Familien bis hin zu Gewalt und durch die permanente Angst der Eltern, nicht nur vor der Krankheit, sondern auch vor dem finanziellen Ruin. Für viele Kinder und Jugendliche ist der Kontaktmangel ein belastendes Element und digitale Kommunikation kein wirklicher Ersatz für reale Begegnungen.
Ein großes Feld, das zu sehr vielen Spannungen in den familiären Beziehungen führte und führt, ist der Heimunterricht, weil Eltern weder auf das Unterrichten noch auf die Gleichzeitigkeit von Homeoffice und Kinderbetreuung vorbereitet waren. Das zehrt auf Dauer und führt zu zahlreichen Konflikten, die die allgemeinen Spannungen noch zusätzlich steigern.

Kinder, die von Natur aus einen enormen Bewegungsdrang haben, durften die längste Zeit nicht ins Freie. Was das mit den Kindern gemacht hat, ist nur zu erahnen, kaum angemessen einzuschätzen.
Vieles von dem war in der akuten Krise nicht zu vermeiden, die plötzliche Wucht mit der die Situation über uns hereingebrochen ist, hat uns alle unvorbereitet überwältigt.

Psychische Folgen

Was macht es mit Kindern eine Gesellschaft im Ausnahmezustand zu erleben, ständig von Nachrichten über Tod, Lebensgefahr und Krankheit bombardiert zu werden? Was macht es mit der sich entwickelnden Psyche wenn Menschen Kinder als „Virenschleudern“ bezeichnen und ansehen?

Kinder- und Jugendanwältin Höller meint dazu: „Obwohl noch nicht klar ist, wie wichtig Kinder und Jugendliche für die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung sind, hat man gerade in ihren Alltag tief eingegriffen.“

Wie tiefgreifend ist die Erfahrung für einen jungen Menschen, der auf die Erwachsenen angewiesen ist, wenn er die Angst der Mitmenschen voreinander mitbekommt? Wie irritierend ist es für Kinder, Menschen auf der Straße aber auch Bezugspersonen in der Schule, im Kindergarten zu sehen, die ihr Gesicht ganz unerwartet bedecken, so dass Emotionen kaum mehr zu entziffern sind?

Viele Experten sind sich sicher: Das wird psychische Folgen für die Kinder und Jugendlichen haben. Was tun?

Die Zukunft

Der Fokus liegt in der Gesellschaft auf dem Neustart der Ökonomie. Ja, das braucht es auch. Aber die Gefahr ist, dass wir die erlebte Not der Kinder und Jugendlichen übersehen. Ihnen fehlen oft das Bewusstsein über und die Worte für das eigene Befinden, sie können oft nur ihrem Unbehagen Luft machen. Sie sind auf die Sensibilität und die offenen Ohren der Erwachsenen angewiesen. Kinder und Jugendliche werden die Zukunft dieser Welt gestalten. Ihr ganzheitliches Wohlergehen muss uns ein großes Anliegen sein.

Es brauche jetzt das Interesse der Erwachsenen an den jungen Menschen. Die Kinder- und Jugendanwältin hat vor einem Monat ein Projekt mit den Schulämtern aller drei Landessprachen ins Leben gerufen, wo sie die Grundschüler gefragt hat: Wie geht es euch? Und worauf freut ihr euch besonders, wenn diese schwierige Situation vorüber ist?

Dabei kam folgendes heraus: Die Kinder vermissen ihre engsten Freunde und freuen sich ihre Klassenkameraden und Lehrer zu sehen. V.a. Die Fünftklässler bedauern es sehr sich vor Beginn der Mittelschule nicht von ihren Mitschülern und Lehrern, die sie über viele Jahre begleitet haben, zu verabschieden. Andere Kinder, stört es z.B. dass sie nicht sehen, ob die Menschen unter dem Mundschutz lachen, traurig oder zornig sind. Viele erwarten es kaum ihre Großeltern wieder fest zu umarmen, für andere war es wichtig sich im Freien wieder zu bewegen, auf den Berg zu gehen. Einige schreiben, dass sie im Sommer leider nicht in den Urlaub fahren werden, sie sich aber aufs Schwimmbad freuen.

Innovative Konzepte gefragt

„Es sind also oft ganz einfache Dinge, die sich die Jüngsten wünschen“, erklärt die Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller. Hier brauche es innovative Konzepte.
Jetzt sei es wichtig, dass die Sicht der Kinder und ihr Empfinden in die gesellschaftliche Zukunftsplanung mit einfließen.

Engagierte Menschen und Kindervertretungsorganisationen haben sich in der Coronazeit sehr für das Erleben der Kinder Interessiert. Im Neustart und im „Konkurrenzkampf der Coronaopfer“ werden diese Stimmen aber nicht ausreichend gehört.

„Im Vergleich zu anderen Zweigen ist der Kinder- und Jugendbereich sicherlich jener Bereich, der zu kurz gekommen ist und was unserer Gesellschaft in der Zukunft am meisten schädigen wird. Welche mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die junge Generation noch zukommen, werden wir erst in den kommenden Jahren sehen.“, so Höller.

„Anerkennen“ der Not

Das „Anerkennen“ der Not sei der erste wichtige Schritt. Der zweite sei genauso wichtig, die Fragen: Was braucht ihr jetzt? Wie soll Schule, Kindergarten und euer soziales Leben weitergehen?
Wie soll der zwischenmenschliche Kontakt aussehen? Was sind eure Ideen?

„Reden wir mit den Kindern und Jugendlichen. Lassen wir uns ihre Geschichten und Erlebnisse erzählen, fragen wir sie, wie sich ihr Leben weiterhin vorstellen. Nehmen wir sie mit in diesem Prozess“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung von Kinderdorf und Jugendanwaltschaft abschließend.

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stol

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