Ex-Spitalsärztin Dr. Judith Wörnhart über ihren Wechsel in die Privatwirtschaft, warum Privatmedizin derzeit so floriert, und Zweiklassenmedizin.<BR /><BR /><b>Frau Dr. Wörnhart, Sie haben 13 Jahre für den Sanitätsbetrieb gearbeitet, 2 im Brixner und 11 im Meraner Spital. Jetzt wechseln Sie in die Privatmedizin. Warum?</b><BR />Dr. Judith Wörnhart: Für mich ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Im Privaten zu arbeiten, stellt eine neue Herausforderung dar. Zudem kann ich in einer Struktur wie dem St. Josef trotzdem mit anderen Fachärzten im Team arbeiten. Obendrein ist und war mir schon immer der persönliche Patientenkontakt sehr wichtig. Das geht im Privaten leichter. Gerade in meinem Fachbereich ist kontinuierliche Patientenbetreuung grundlegend. Aber ich nehme von der Krankenhauserfahrung sehr viel mit und stehe auch weiter in Kontakt mit meinen Krankenhaus-Kollegen.<BR /><BR /><b>Haben jüngst vermehrt Ärzte öffentliche Spitäler verlassen oder täuscht der Eindruck?</b><BR />Dr. Wörnhart: Es kann sein, dass die Pandemie der letzte Auslöser war, weil es eine sehr anstrengende Zeit für uns Ärzte war. Denn in der Covid-Zeit hat man einen starken Druck von oben gespürt und die Regelungen rundherum waren erschwerend. Aber bestimmt wären viele Kollegen so oder so in die Privatwirtschaft gegangen, weil vielen eine kontinuierliche Patientenbetreuung sehr wichtig ist. Erschwerend kommt noch dazu, dass im Öffentlichen der Verwaltungsapparat sehr groß ist und dadurch bürokratische Abläufe sehr mühsam sind. <BR /><BR /><b>Das haben Sie selbst auch so erlebt?</b><BR />Dr. Wörnhart: Ja, das habe ich selbst gespürt. Wenn man ein neues Gerät beschaffen möchte, ist das extrem mühsam, weil der Betrieb so groß ist, da sind die Wege entsprechend lang. <BR /><BR /><b>Und die Bürokratie?</b><BR />Dr. Wörnhart: Die Bürokratie oder genauer gesagt die Digitalisierung der Verschreibungen und Bewilligungen ist sehr zeitaufwendig und bestimmt zum Nachteil des persönlichen Arzt-Patientenverhältnisses. <BR /><BR /><b>Wollte der Sanitätsbetrieb wissen, warum Sie weggehen?</b><BR />Dr. Wörnhart: Nein.<BR /><BR /><BR /><b>Martinsbrunn, Medical Area in den Thermen, Annaklinik, Medical Center Meran, Medical Center Quellenhof und jetzt noch das Gesundheitszentrum St. Josef. Warum floriert die Privatmedizin?</b><BR />Dr. Wörnhart: Für den Patienten ist Zeit ein großer Faktor, ebenso die persönliche Arztwahl.<BR /><BR /><b>Ist das nicht Zweiklassenmedizin?</b><BR />Dr. Wörnhart: Ich sehe das nicht als Ursache für eine Zweiklassenmedizin. Ich sehe die Privatmedizin als ergänzendes Element zum Öffentlichen.<BR /><BR /><b>Ein Patient, der zahlt, sucht sich den Arzt aus und kommt früher zu seiner Visite. Keine Zweiklassenmedizin?</b><BR />Dr. Wörnhart: Private Gesundheitszentren und Ärztehäuser können ein Großteil der basismedizinischen Leistungen übernehmen. Dadurch wird das öffentliche Krankenhaus entlastet und auch ein sozial Schwacher hat leichter einen Zugang zur medizinischen Leistung, und der Spitalsarzt hat mehr Zeit. Plus ist das Krankenhaus niemals mittels privater Struktur ersetzbar, weil nur dort spezialisierte Zentren sein können. Zwischen den privaten Strukturen und öffentlichem Betrieb wird eine gute Vernetzung an gestrebt. Diese ist zukunftsträchtig und zum Wohl aller.<BR /><BR /><b>Sie haben 3 Kinder. Wie sehr hat das Ihre Entscheidung beeinflusst?</b><BR />Dr. Wörnhart: Zum Teil. Im Privaten bin ich unabhängiger, weil ich nicht angewiesen bin auf Mittags- oder Nachmittagsbetreuung oder Großeltern. Kinderbetreuung lässt sich in der Privatwirtschaft einfach leichter organisieren.<BR /><BR /><b>Ist für Sie ein Zurück in den Sanitätsbetrieb denkbar?</b><BR />Dr. Wörnhart: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, dass ich beides machen kann, könnte ich es mir schon vorstellen. Aber in Südtirol ist es derzeit nicht möglich, freiberuflich außerhalb des Spitals zu arbeiten, wenn man in Teilzeit arbeitet – wie in meinem Fall.