<b>In Europa stehen die meisten sprachlos vor dem Ergebnis der US-Wahlen. Wie ist es möglich, dass man dort schon wieder einen Donald Trump zum Präsidenten kürt. Warum verfängt sein Populismus?</b><BR /><BR />Roland Benedikter: Die Populismus-Diskussion ist berechtigt. Donald Trump ist einer, der die Menschen mit Vereinfachung für sich gewinnt – und Unrealistisches verspricht. Das deckt aber nur einen – wenn auch wichtigen – Teil der Debatte ab, nicht das Ganze. Die Frage in einer umfassenderen Perspektive muss lauten: Warum ist die amerikanische Gesellschaft überhaupt derart gespalten, mit immer stärker werdenden Rändern? Die Wahl von Donald Trump ist nur Ausdruck davon, dass die politischen Ränder stärker werden und die Mitte verfällt. Das entwickelt eine Eigendynamik, die irgendwann nur mehr schwer zu stoppen ist.<BR /><BR /><BR /><b>Was sind die Gründe dafür?</b><BR />Benedikter: Es gibt – und das keinesfalls nur in Amerika, sondern auch bei uns in Südtirol – einen wachsenden Teil der Bevölkerung, der sich in die Enge getrieben fühlt. Vor allem wirtschaftlich, aber auch sozial. Durch Krisen und dauernde Hiobsbotschaften der Medien, aber auch durch immer schnellere Veränderung. Die Ungewissheit in vielen Gesellschaftssektoren ist immer stärker gepaart mit Beschleunigung von Technologie und sozialer Strukturveränderung. <BR /><BR /><BR /><b>Die Folge?</b><BR /><BR />Benedikter: Zerfall von Gemeinschaft, oder wissenschaftlich ausgedrückt: Kohäsions-Abnahme. Das hat auch mit Überforderung zu tun, von der wir alle betroffen sind. Grundsätzlich gilt: Je stärker über das Internet und die sozialen Medien eine immer größere Vielfalt von Darstellungen, Meinungen und Urteilen zu immer komplexeren Verhältnissen auf den einzelnen einprasselt, desto schneller fühlen sich Personen von der Gleichzeitigkeit dieses unkoordinierten und oft widersprüchlichen Bildes überfordert. In einem solchen Zustand der „vernetzten Unsicherheit“ ziehen klare, vereinfachende Aussagen „starker“ Persönlichkeiten viele Menschen als Orientierungspunkte an. <BR /><BR /><BR /><b>Es geht also bei vielen letztlich darum, sich eine zu komplexe Welt zu vereinfachen?</b><BR /><BR />Benedikter: Ja, und dieses Bestreben ist richtig und nachvollziehbar, eigentlich sogar lebenspraktisch unausweichlich. In einer Demokratie muss ich in einem Gewirr unterschiedlicher, teils unversöhnlicher Meinungen nach einer einigermaßen bewohnbaren Version für mich suchen – nach dem Motto: Ich suche mir lieber das klare und einfache Bild, um in meiner eigenen Nische handlungsfähig zu bleiben, statt in Komplexität zu ersticken ...<BR /><BR /><BR /><b>... und werde anfällig für Populisten?</b><BR /><BR />Benedikter: Wir sollten hier zunächst von ethischen Urteilen absehen – denn wir haben zu dieser Vereinfachungs-Tendenz noch keine gemeinsame demokratische Ethik festgelegt. Die Suche nach Klärung mittels Vereinfachung ist grundsätzlich berechtigt, vor allem in einer Demokratie mit ihren vielen Standpunkten. Diese Lage der meisten Bürger: Dass ihnen die Komplexität zu viel wird und sie vereinfachen müssen, sollten wir zur Kenntnis nehmen, statt sie hochnäsig als „dumm“ abzuwerten. Die Bürger haben ihre Würde. Sie wissen, wie sie die Dinge einschätzen. Das heißt aber noch lange nicht, dass Vereinfachung die Komplexität auflöst – oder die Probleme an der Wurzel packt. Oft ist eher das Gegenteil der Fall. Populisten schieben Probleme hinaus und geben sie an andere weiter.<BR /><BR /><BR /><b>Es geht also nur um ein Gefühl der Menschen, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen?</b><BR /><BR />Benedikter: Nein, durchaus nicht. Eine solche Wahrnehmung hat immer ihre Gründe. Die gesamte westliche Welt scheint seit einigen Jahren einen Sättigungspunkt an Globalisierung erreicht zu haben, ja sogar einen Kipppunkt – auch in Südtirol. Wir haben inzwischen die Wahrnehmung eines Zuviels an allem: die Grenzen sind zu offen, die Informationen sind zu viel, das große Kapital fließt zu frei. Sehen wir uns die Themen an, die die Südtiroler Gesellschaft umtreiben: Migration, Overtourism, Abverkauf unseres Lebensraumes, wachsende Ungleichheit. Fast alle davon sind Globalisierungs-Wirkungen. Mit ihrem „Zuviel“ kommt auch ein Teil der Jugendlichen nicht mehr zurecht. Wir haben uns zu Recht die Globalisierung Südtirols herbeigesehnt, weil wir Öffnung wollten. Aber mittlerweile merken wir: Die ganze Welt ist zu groß als Bezugsrahmen. Die Menschen wollen einen kleineren, überschaubaren Raum, der greifbar ist und um den sie sich kümmern können. Und sie wollen, dass dieser Raum auch bis zu einem gewissen Grad geschützt wird.<BR /><BR /><BR /><b>Was folgt daraus?</b><BR /><BR />Benedikter: Umgrenzungswünsche – teils diffus, teils konkret. Wir haben heute weltweit das Phänomen, dass sich die meisten Gesellschaften zu groß anfühlen für das Ausmaß an Komplexität, das in ihnen herrscht: die USA, China, Russland haben alle massive innere Probleme des Auseinanderbrechens. Hier steht Südtirol gut da, denn wir haben an sich genau die richtige Größe für eine hochtechnologisch-vernetzte und globalisierte Gesellschaft: Wir können die Globalisierungseffekte noch einigermaßen im Zaum halten. Aber auch bei uns befürchten viele: Das könnte sich rasch ändern. Sie sorgen sich über die Perspektiven des Zuviel.<BR /><BR /><BR /><b>Der Zugang zu Wissen aus allen Sparten und allen Teilen der Welt öffnet also nicht unbedingt den Horizont?</b><BR /><BR />Benedikter: Nein, nicht in jedem Fall. Wir Sozialwissenschaftler sprechen hier vom Diskonnektivitäts-Gesetz hochtechnologisch vernetzter Gesellschaften, zu beobachten in allen entwickelten Räumen der Gegenwart. Wenn die Realzeit-Vernetzung aller mit allen zu hoch wird, werden wir von Informationen überschüttet, und es entsteht ein Info-Overkill und ein Orientierungsverlust. Um sich zu schützen, zieht man sich in seine Ecke zurück: in eine Blase. Das Diskonnektivitäts-Gesetz lautet: Je moderner und pluralistisch vernetzter eine Gesellschaft ist, desto mehr zerfällt sie in Blasen. <BR /><BR /><BR /><b>Haben wir uns also in unserer Einschätzung der Informationsgesellschaft getäuscht? Führt gerade sie in den Populismus?</b><BR /><BR />Benedikter: Wir alle hatten gedacht, wenn wir besser informiert sind und über mehr unterschiedliche Gesichtspunkte verfügen, werden wir eine pluralistischere und tolerantere Gesellschaft. Nun müssen wir zur Kenntnis nehmen: Auch das Gegenteil ist der Fall. Das zeigt nicht nur die Wahl Donald Trumps, sondern auch die Entwicklung europäischer Demokratien, wo die Mitte ausgedünnt wird und die Blasen an den Rändern wachsen. Zumindest ein Teil der Gesellschaft sucht Sicherheit in der Ungewissheit durch Rückzug in Blasen, wo man unter sich ist. <BR /><BR /><BR /><b>Blasen, die Internet und soziale Netzwerke mit ihren Algorithmen noch verstärken...</b><BR /><BR />Benedikter: Ja, die Blasenmechanismen werden durch sogenannte Auswahl-Algorithmen sogar immer präziser. Sie schneiden die angebotenen Inhalte genau auf die jeweilige Person zu. Doch weil immer das Gleiche vorgesetzt zu bekommen auf die Dauer langweilt, werden die Inhalte von den Algorithmen nach und nach automatisch zugespitzt, um die Aufmerksamkeit zu binden. Dabei werden sie immer radikaler. Und die Meinung des Users verfestigt sich also in seiner Blase. So ist kein Dialog mit Andersdenkenden mehr möglich, und die Gesellschaft driftet auseinander.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sagten, jede Wahrnehmung hat auch ihre praktischen Gründe.</b><BR /><BR />Benedikter: Ja natürlich. Die Globalisierung hat – neben der Wahrnehmungsveränderung – tatsächlich für einen Teil der Bevölkerung konkrete wirtschaftliche Nachteile gebracht. Wir sehen zwar, dass sich die Länder wirtschaftlich annähern. Aber innerhalb der jeweiligen Gesellschaften geht die Schere von Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Kaufkraft des Mittelstandes ist gesunken. Wir haben eine wachsende Ungleichheit. In Südtirol ist das inzwischen ein entscheidender Faktor für das Wahlverhalten. Nehmen Sie den Wohnungsmarkt: Mittlerweile wird für globale Anleger damit geworben, dass Südtirol der beste Immobilienstandort ist. Das große Geld aus aller Welt kauft – oft über Mittelsmänner – Häuser und Wohnungen, treibt die Preise nach oben. Und ein immer größerer Teil der Südtiroler Bevölkerung hat das Gefühl, sich die eigene Lebenswelt nicht mehr leisten zu können. Wir sind hier noch keineswegs in einem Notzustand. Aber die Tendenz dieser Entwicklung und des wachsenden Unbehagens des Mittelstandes ist deutlich.<BR /><BR /><BR /><b>Was müssen wir – in Südtirol – aus diesen Erkenntnissen ableiten?</b><BR /><BR />Benedikter: Auf das bisherige Zeitalter der globalen Unbegrenztheit muss ein Zeitalter der vernünftigen Selbstbegrenzung folgen. Wir können und wollen realistischer Weise Kapitalflüsse, Tourismus, Migration nicht auf Null stellen, weil wir substanziell davon leben. Wir sollten sie aber besser an das Land und seine Bevölkerung anpassen. Das ist die Herausforderung für eine neue Politik der Mitte. Andernfalls schafft sich die politische Mitte selber ab. Die Ränder würden dann nach und nach noch stärker, und das wäre schlecht für die Demokratie. Und noch etwas: Die Spaltung einer Gesellschaft zu überwinden, ist weitaus schwieriger, als sie zu verhindern.<BR /><BR />Interview: Isabelle Hansen