Geboren wurden Notburga Oberhammer und ihre Zwillingsschwester Anna am 21. August 1932 in eine kinderreiche Bauernfamilie in Taisten. Die fünf Mädchen und fünf Buben wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf. „Wir hatten es gut daheim“, betont Notburga Oberhammer dennoch. Sie war die einzige, die sich für ein Leben im Kloster entschied. „Mein Vater sagte, als ich ihm meine Entscheidung mitteilte: ,Was tun wir, wenn du nicht mehr da bist?‘ “, erinnert sich die Schwester Oberin.<BR /><BR />1956 trat sie in den Orden der Barmherzigen Schwestern des Vinzenz von Paul in Bozen ein. Zwei Jahre nach der Einkleidung wurde sie ins Kloster nach Zams bei Landeck in Nordtirol geschickt und half im dortigen Krankenhaus. 1958, zur Ersten Profess, war Sr. Marta Annunziata wieder zurück in Bozen – und froh darüber. Im selben Jahr wurde die junge Schwester ins „Lotterhaus“ nach St. Martin geschickt, dem einzigen Armenhaus im Passeiertal, in dem Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung, Mittellose, Obdachlose, Alkoholiker, Kranke und Alte lebten. Der gängige Ausdruck „Lotterhaus“ hat Sr. Notburga Oberhammer schon damals gestört.<h3> Keine eigene Waschgelegenheit</h3>Gestört haben sie aber auch die Zustände im Armenhaus. Es gab keinen Schrank in ihrem Zimmer, das Bett war so hoch, dass sie einen Stuhl benötigte, um hineinzukommen, und es gab keine eigene Waschgelegenheit für die Schwester.<BR /><BR />Nach zwei Jahren wurde Sr. Notburga Oberhammer ins Altersheim nach Latsch geschickt, das Spital genannt wurde. Die Situation sei dort etwas besser gewesen, erinnert sie sich. 1964 legte Sr. Marta Annunziata die Ewige Profess ab.<BR /><BR />Nach dem Tod der Schwester Oberin des Armenhauses in St. Martin wurde Sr. Notburga Oberhammer von der Provinzoberin als deren Nachfolgerin eingesetzt. Sie begann ihre Arbeit am 2. Jänner 1970. „Es war sehr armselig zu Beginn. Ich musste mich um alles kümmern, die Hauswirtschaft, die Krankenpflege und den Nachtdienst, ohne am nächsten Tag schlafen zu können“, blickt sie zurück.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1240995_image" /></div> Die Schwester Oberin war im Heim eine Autorität. Wenn sie ihre Stimme erhob und ein Machtwort sprach, galt das, auch bei den Männern. Dass die 30 Heimbewohner ein gutes Essen bekamen, war ihr besonders wichtig. Dazu legte sie einen großen Gemüsegarten an, hielt Schweine und Hühner. Alle Heimbewohner, die konnten, mussten mithelfen, beim Putzen und Abspülen, oder sie mussten im Dorf Gras und Brennnesseln als Schweine- und Hühnerfutter sammeln.<BR /><BR />Mit Sr. Anna Paula Weiss aus dem Sarntal erhielt die Schwester Oberin schließlich eine Hilfe, die bis zu ihrem Tod 2020 blieb. „Sr. Anna Paula und die Heimbewohner waren meine Familie“, blickt die Schwester Oberin zurück. Deshalb war ihr auch wichtig, dass die Heimbewohner immer sauber angezogen waren. Wenn Kleidung nicht mehr zu flicken war, schenkte sie zu Weihnachten neue Unterwäsche oder Socken. Die Geschenke verpackte sie immer mit viel Liebe.<h3> Die Verstorbenen zum Sarg getragen</h3>Lange gab es im Heim keinen Aufzug. Die Verstorbenen mussten aus den Zimmern die Stockwerke hinunter bis ins Erdgeschoss getragen werden, um sie in den Sarg zu legen. Wenn die Toten nicht zu schwer waren, dann habe sie das selbst übernommen, erinnert sich die Schwester Oberin. „Der Rädermacher und Tischler hat die Särge den Verstorbenen angepasst“, berichtet sie. „Wenn er einen Sarg gemacht hat, dann wusste man, dass jemand gestorben ist.“<BR /><BR />Neben ihrer Arbeit im Heim musste die Schwester Oberin für die Benediktinerpfarrer in St. Martin auch die Kirchenwäsche waschen und, wenn nötig, flicken, sowie sich um den Blumenschmuck für den Altar kümmern – unentgeltlich. Erst als der Weltpriester Alois Wallnöfer die Pfarre übernahm, wurde sie für diese Arbeit bezahlt – „gut“, wie Sr. Notburga Oberhammer sagt. Damit hatte die Schwester Oberin endlich Geld, um ins Heim zu investieren. Auch mit anderen Aktionen wurde Geld für Verbesserungen im Haus gesammelt.<h3> Mit dem Pfarrer am Meer</h3>Pfarrer Wallnöfer war es auch, der für die Schwester Oberin einen freien Tag pro Woche einführte. So hatte sie Zeit, mit dem Geistlichen manchmal auf den Berg zu gehen. Und Wallnöfer nahm sie sogar mit ans Meer. „Da musste ich erst einen Badeanzug kaufen“, lacht Sr. Notburga Oberhammer.<BR /><BR />Ihre Urlaube verbrachte sie normalerweise im Pustertal und genoss die Zeit mit ihrer Familie sehr. 1980/81 machte die Schwester Oberin den Führerschein. Sie fuhr bis 2016, als sie 84 Jahre alt war, und das Auto verschrottet werden musste. <BR /><BR />Auch wenn die Schwester Oberin in wenigen Tagen ins Provinzhaus nach Bozen zieht, gebrechlich ist sie nicht. Außer zwei neuen Hüften und Grauer-Star-Operationen fehlt der 93-Jährigen nichts. Sie hätte bisher aber auch keine Zeit für eine Krankheit gehabt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72377729_quote" /><BR /><BR />Die institutionelle Verabschiedung der Schwester Oberin in St. Martin hat am Martinstag stattgefunden (siehe digitale Ausgabe). Im Seniorenheim St. Benedikt wird demnächst zur Abschiedsfeier mit Heimbewohnern und Mitarbeitern geladen. Heimdirektorin Johanna Pinggera ist voll des Lobes für Sr. Notburga Oberhammer: „Die Schwester Oberin ist bis heute eine wichtige Persönlichkeit im Haus. Wir sind voll großer Dankbarkeit für ihr Wirken.“<BR /><BR />Im Gespräch mit Sr. Marta Annunziata hat man das Gefühl, dass sie tatsächlich bereit ist, nach 57 Jahren in St. Martin einen neuen Lebensabschnitt im Provinzhaus in Bozen zu beginnen. „Wenn sie mir die Nähmaschine und den Fernseher nach Bozen bringen, dann gehe ich dorthin“, sagt sie fröhlich. „Und die Mutter Oberin hat es gerne, dass ich komme, solange ich noch gesund bin.“