Mittwoch, 05. August 2015

Die stillen Verlierer des Rekordsommers

Südtirol wird seinem Ruf als sonniges Fleckchen Erde gerecht. Und das Land – Schutzhüttenwirt, Sonnenanbeter, Schwimmbadbetreiber – freut sich über den Rekordsommer 2015. Hoch droben am Berg aber schwitzen die Gletscher. Sie sind die stillen Verlierer des Hitzesommers.

Der Schnalstaler Gletscher damals und heute: Dieser Schnappschuss von Stefan Mahlknecht zeigt den Gletscher am 3. August 2015, kombiniert mit einer Postkarte vom 22.04.1941 - Foto: Stefan Mahlknecht
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Der Schnalstaler Gletscher damals und heute: Dieser Schnappschuss von Stefan Mahlknecht zeigt den Gletscher am 3. August 2015, kombiniert mit einer Postkarte vom 22.04.1941 - Foto: Stefan Mahlknecht

„Für unsere Gletscher ist dieser Sommer sicher schlecht“, sagt Lukas Rastner vom Hydrographischen Amt. Vier Gletscher in Südtirol – der Weißbrunngletscher bei Ulten, der Rieserfernergletscher bei Rein in Taufers, der Übertalferner bei Ridnaun und der Langenferner im Martelltal, werden regelmäßig vermessen. Derzeit sind die Experten mit der Erstellung der Sommerbilanz beschäftigt. Will heißen: Sie beobachten, wie viel Schnee und Eis an Südtirols Riesen wegschmilzt.

„Am 22. Juli waren wir am Rieserfernergletscher in Rein in Taufers unterwegs“, erzählt Rastner. „Dort haben wir, im tiefsten Bereich, eine Eisabschmelzung von 1,5 Meter verzeichnet.“ Eine vorläufige Bilanz. Denn der Rekordsommer dauert an.

Weiße Kolosse ununterbrochen auf Rückzug

„Die Gletscher sind Repräsentanten für den Klimawandel“, sagt Rastner ganz offen. „Man muss nur private Fotos vergleichen.“

Seit der kleinen Eiszeit 1850 seien die Gletscher, abgesehen von einer kleinen Pause in den 1980er/90er-Jahren, kontinuierlich auf dem Rückzug. Und eine Studie des World Glacier Monitoring Service mit Sitz an der Universität Zürich, die am Montag veröffentlicht wurde, besagt: Seit Beginn des 21. Jahrhunderts schmelzen die Gletscher weltweit in Rekordtempo.

Rastner kann dem zustimmen: „Am Weißbrunngletscher in Ulten werden seit 30 Jahren Messungen durchgeführt. Durchschnittlich ging pro Jahr ein Meter Eis verloren.“

Die Werte variieren dabei von Jahr zu Jahr. „Während das vergangene hydrologische Jahr – es läuft von 1. Oktober bis 30. September – mit einem schneereichen Winter 2013/2014 und einem eher durchwachsenen Sommer 2014 sehr gut für die Gletscher war, passiert nun genau das Gegenteil“, weiß er.

Wenn die Riesen gehen, kommt der Steinschlag

An einigen Gletschern im Tiroler Raum sei das Eis sicher noch 50 bis 100 Meter dick, schätzt der Experte. „Einige Gletscherzungen weisen aber nur noch ein paar Meter Eisdicke auf.“ Das Wegschmelzen der Riesen scheint nicht aufzuhalten. Drohen dann die großen Natur-Katastrophen?

Rastner winkt ab. „Mit Katastrophenszenarien muss man vorsichtig sei“, sagt er. Klar sei aber: Reduzieren sich Eismasse und Permafrost, verliert das Gelände eine wichtige Stützfunktion. Steinschlag könne dann häufiger vorkommen.

Obamas Klimaziele: Rastner spricht vom Gewissen

Gletscher in verschiedenen Regionen der Welt seien so stark aus dem Gleichgewicht geraten, dass sie sogar auch ohne fortschreitenden Klimawandel weiter Eis verlieren werden, heißt es in der Schweizer Gletscher-Studie. Noch am Tag ihrer Veröffentlichung meldete sich US-Präsident Barack Obama zu Wort. Er verkündete ehrgeizige Klimaziele. Ist, vor dem Hintergrund der Realität, tatsächlich noch etwas zu retten?

Lukas Rastner nennt Obamas Vorgehen einen „richtigen Schritt“. Er versucht sich in einem Vergleich: „Wenn mein Haus brennt, werfe ich auch nicht einen weiteren Holzscheit nach, obwohl ich nicht weiß, ob das nun wirklich einen Unterschied macht. Nein, ich versuche, mein Haus zu schützen. Dann habe ich zumindest reines Gewissen.“

stol/pg

stol