Stimmt, schweißtreibende 37 Grad hat es in unseren Breiten auch schon in den 1970er-Jahren gegeben. Das ist das einzige Wahre an dem Facebook-Post, der derzeit kursiert und uns vermitteln will, dass sich damals alle über einen herrlichen Sommer gefreut hätten, während wir heute bei denselben Temperaturen hysterisch den Klimawandel beweinen. <BR /><BR />Dazu kursieren in den sozialen Medien auch noch Wetterkarten, die angeblich beweisen sollen, dass Hitze früher bewusst in harmlosen Grüntönen dargestellt worden sei, während heute alles tiefrot eingefärbt werde, um Angst zu schüren. Dumm nur, dass Faktenchecker längst nachgewiesen haben: Diese Geschichten stimmen nicht.<BR /><BR />Bemerkenswert ist dabei weniger die Falschinformation als ihre Urheber. Denn auffallend oft stammen solche Beiträge aus denselben Kreisen, die vor wenigen Jahren gegen Corona-Impfungen mobil machten, heute den menschengemachten Klimawandel kleinreden und gleichzeitig Wladimir Putin als missverstandenen Friedenspolitiker auf den Schild heben. Und selbstverständlich steckt hinter allem eine große Verschwörung: Regierungen, Medien, Wissenschaft, die Wirtschaft, milliardenschwere Eliten – sie alle hätten sich gegen das „einfache Volk“ verbündet.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75461733_quote" /><BR /><BR />Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich diese Themen sind und wie ähnlich die Erzählungen. Immer gibt es eine kleine Gruppe angeblich Erwachter, die „weiß, was wirklich läuft“, während der große Rest der Menschheit als naive Schlafschafe verspottet wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse zählen nicht mehr, weil sie Teil des Systems seien. Journalisten lügen ohnehin. Und jeder Faktencheck gilt paradoxerweise als weiterer Beweis dafür, dass man den Nerv getroffen habe.<BR /><BR />Psychologen beschreiben dieses Denken als Verschwörungsmentalität. Wer sich in der komplexen Welt von heute überfordert fühlt und sie deshalb als undurchschaubares Geflecht geheimer Mächte wahrnimmt, findet in jeder Krise dieselbe Erklärung. Komplexität wird durch einfache Feindbilder ersetzt. Hinzu kommt, dass autoritäre Staaten mittels gezielter Desinformation genau solche Erzählungen verbreiten, um Demokratien zu spalten und das Vertrauen in ihre Institutionen zu untergraben. Wer an nichts mehr glaubt, ist leichter zu beeinflussen.<BR /><BR />Natürlich darf man politische Entscheidungen hinterfragen. Wissenschaft lebt vom Zweifel, Demokratie von Kritik. Doch Zweifel ist nicht dasselbe wie das beharrliche Leugnen von Tatsachen. Wer jeden Faktencheck reflexartig als Manipulation abtut, landet irgendwann in einer Welt, in der Beweise nichts mehr zählen.<BR /><BR />Und vielleicht ist genau das die Manipulation im eigentlichen Sinne. Nicht die Wetterkarten sind rot eingefärbt worden, sondern der Blick jener, die hinter jeder roten Farbe sofort die nächste Weltverschwörung erkennen.<BR /><BR /> <a href="mailto:klaus.innerfhofer@athesia.it" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">klaus.innerhofer@athesia.it</a><BR /><BR /><b> <a href="https://www.stol.it/tag/Kommentar" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Alle Kommentare und Analysen auf STOL finden Sie hier. </a></b>