<i>von Hatto Schmidt für MIDAS</i><BR /><BR />Bruno Corradi aus Roveré Veronese, einer der 13 zimbrischen Gemeinden in den Lessinischen Bergen nördlich von Verona, sammelt seit zehn Jahren zimbrische Wörter für ein eigenes Wörterbuch. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1368912_image" /></div> <BR /><BR />Zwar gibt es bereits mehr als nur ein solches Wörterbuch, aber die anderen eignen sich nach Corradis Ansicht nicht für den Gebrauch im Alltag. Inzwischen hat er 10.000 Begriffe gesammelt oder selbst entwickelt, er hat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in sein Zimbrisch übersetzt und arbeitet an der Übertragung des Matthäus-Evangeliums. <h3> Die Menschenrechtserklärung auf Zimbrisch</h3>Bis vor Kurzem arbeitete Corradi auf Papier. Dann kam sein Sohn Sigfrido ins Spiel. Der Fotograf und IT-Experte setzt Künstliche Intelligenz ein: Er benutzt die Sammlung seines Vaters, also das Zimbrische nach Bruno Corradi, als Grundlage für ein Übersetzungsprogramm Zimbrisch-Italienisch, <a href="https://www.italianocimbro.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">das bereits online verfügbar ist (hier der Link).</a> Sein Ziel ist es, dass das Programm eines Tages ganze Sätze übersetzen und dass man es im Alltag nutzen kann. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1368915_image" /></div> <BR /><BR />„Ich habe auch aus dem Grund die Sammlung meines Vaters benutzt, weil ich kohärentes, sauberes Datenmaterial brauche; ich kann nicht mit mehreren Varianten arbeiten“, erläuterte Corradi bei den Europa-Gesprächen über mitteleuropäische Sprachen und Mundarten, welche die bayrische Johann-Andreas-Schmeller-Gesellschaft <a href="http://www.schmellergesellschaft.de/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(hier der Link)</a> und das Dokumentations- und Kommunikationszentrum Sprachminderheiten in den Alpen in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein „Laimpachteldar Zimbarn“ im Juni in Pleif/Parrocchia im Brandtal/Vallarsa südöstlich von Rovereto abhielten. <h3> Das heikle Thema Standardvariante</h3>Damit berührte Corradi ein heikles Thema, das viele, vor allem sehr kleine Minderheiten betrifft: Da jede Minderheitensprache bzw. Mundart aus einer Vielzahl lokaler Varianten besteht, ist die Frage, ob sich die Sprecher zwecks besserer Überlebenschancen auf eine Standardvariante einigen können. Denn genau darum geht es beim Erarbeiten eines Wörterbuchs, und an dieser Frage zersplittern nicht wenige Sprachgemeinschaften. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1368918_image" /></div> <BR /><BR />Das gilt auch für die Zimbern und wird deutlich, wenn Zimbern aus den Sieben Gemeinden das erst vor zwei Jahren vorgestellte neue Wörterbuch von Univ.-Prof. Luca Panieri aus Mailand als fehlerhaft und künstlich kritisieren. Auf der Hochfläche von Sleghe/Asiago gibt es seit Jahren zwei Zimbern-Vereinigungen, die mittlerweile auch um Fördermittel der Region Veneto konkurrieren.<BR /><BR />Die Zersplitterung wird aber auch daran deutlich, dass bei der Tagung in Pleif neben dem Wörterbuch des Zimbrischen der Corradis ein weiteres aus dem Gebiet der 13 Gemeinden vorgestellt wurde: Daran arbeiten Nicolò Bonioli und Riccardo Farracin, <a href="https://tautsch.it/lassociazione/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">die im Vorjahr den Verein Tzimbar APS (hier der Link zur Webseite) gegründet haben.</a> Sie wollen das Interesse am Zimbrischen von Ljetzan (italienisch Giazza) wachhalten. Damit steht der Verein in Konkurrenz zum 1974 gegründeten Curatorium Cimbricum Veronense. <BR /><BR />„Es gibt Leute, die auf Whatsapp in Zimbrisch schreiben“, sagt Bonioli, ist sich aber im Klaren, dass in der überaus abgelegenen Ortschaft Ljetzan keine zwei Handvoll Menschen mehr leben, die die Sprache noch von ihren Vorfahren gelernt haben. In den übrigen Ortschaften der 13 Gemeinden ist die Sprache schon lange erloschen. <a href="https://tautsch.smallcodes.com/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Auch Boniolis und Farracins Wörterbuch ist bereits online (hier der Link).</a><h3> Zimbrisch-Pflicht in Schulen? Besser nicht</h3>Dass eine Sprache nur erhalten werden kann, wenn die Jugend einbezogen wird, ist klar. Manche halten Pflichtunterricht in der Schule für einen Erfolg versprechenden Weg. Davon rät Matteo Casentini dringend ab. Er arbeitet im <a href="https://cimbri7comuni.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Zimbrischen Kulturinstitut in Robaan/Roana (hier der Link)</a> mit und hält Sprachkurse ab, denn auch in den Sieben Gemeinden wird das Zimbrische nicht mehr im Alltag weitergegeben. „Praktisch geht es um das Lernen einer neuen, unbekannten Sprache, auch wenn einzelne zimbrische Wörter noch im Gebrauch sind und ins Italienische eingestreut werden. Es ist keine Auffrischung!“, betont Casentini. Seine Kurse besuchen Alte wie auch Junge, 50 sind es, und jedes Jahr gibt es neue Einschreibungen. <BR /><BR />Casentini verweist auf leidvolle Erfahrungen aus Sleghe/Asiago: „Dort hatten Volksschüler unter Druck Zimbrisch gelernt und dadurch Widerwillen dagegen entwickelt; ein in den Oberschulen geplanter Kurs kam deshalb später nicht zustande“, erläutert Casentini. <h3>Ziel ist nicht Wiederbelebung, sondern Interesse zu wecken</h3>„Unser Ziel ist nicht die Wiederbelebung der Sprache, sondern Aufmerksamkeit zu wecken und Bewusstsein zu schaffen“, sagt Hugo-Daniel Stoffella, der Obmann des 2012 von seinem Vater Arthur F. Stoffella (1937 – 2022) gegründeten Kulturvereins Laimbachtaler Zimbern und Mitveranstalter der Tagung in Pleif. Dort ist das Zimbrische im Alltag schon vor über 100 Jahren erloschen. Doch es lebt weiter, in der Toponomastik, aber auch in Redewendungen und einzelnen Wörtern. Heute noch sagen die Leute in den Laimbachtälern „gabàm“ zur Kleidung (Gewand) und „puo“ zum Buben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1368921_image" /></div> <BR /><BR />Stoffella hat in akribischer Kleinarbeit ein Wörterbuch des Laimbachtaler Zimbrischen erstellt und in zahlreichen Studien Geschichte und Traditionen erforscht. Inzwischen gibt es Zimbrischkurse und auch Angebote in den Schulen. Einblicke in dieses besondere Fleckchen Erde gibt der Dokumentarfilm „Zimbarn in Laimbachteldar“ (zu finden auf YouTube). <BR /><BR />Zimbrisches Leben rührt sich mittlerweile auch in Gebieten, die heute nicht mehr als zimbrisch gelten, es aber früher waren. So wandelt der Verein „Gruppo Cimbro Recoaro Terme“ <a href="https://www.facebook.com/gruppocimbro" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(auch auf Facebook zu finden)</a> auf den Spuren der Vorfahren. Das Zimbrische ist eben noch lebendig. <BR /><h3> Zum Thema: Die Zimbern</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1368924_image" /></div> <BR /><BR />Ab dem 11. Jahrhundert wurde die Gegend zwischen Etsch und Brenta bis vor die Tore Veronas von Menschen aus dem Dreiländereck Bayern, Schwaben und Tirol besiedelt. Ihre alt- und frühmittelhochdeutsche Mundart blieb über lange Zeit konserviert. Die Wirtschaft der Siedler basierte auf Holz und -kohle (vom Begriff Zimmermann dürfte das Wort „Zimbern“ kommen), auf der Rinder- und der Schafzucht. Von ihren einst zahlreicheren Siedlungen sind heute nur noch die Sieben Gemeinden, Lusérn und die 13 Gemeinden in den Lessinischen Bergen nördlich von Verona übrig. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1368927_image" /></div> <BR /><BR />Mit dem Absolutismus und vor allem dann im Ersten Weltkrieg und in der Zeit des Faschismus gerieten auch dort die zimbrische Sprache und Kultur derart unter Druck, dass es heute nur noch eine Handvoll Menschen gibt, die die Mundart noch als Kinder gehört haben, mit der Ausnahme von Lusérn: Dort dürfte es noch rund 1000 Zimbrisch-Sprecher geben, die aus ihrem Heimatort Abgewanderten mit eingerechnet.