<b>von Edith Moroder</b><BR /><BR /><b>Welche Gefahren erkennen Sie in der KI, auch schon bei jüngeren Menschen?</b><BR />Prof. Manfred Spitzer: Zunächst einmal ist künstliche Intelligenz ein neues Werkzeug, mit dem Experten auf den unterschiedlichsten Fachgebieten besser arbeiten können. Aber was Erwachsenen die Arbeit erleichtert, ist nicht automatisch auch die beste Freizeitbeschäftigung für junge Menschen. Wer Geige oder Fußballspielen lernen will, muss selber spielen und nicht beim Spielen zuschauen. Nicht anders ist es bei KI: Wer denken lernen will, muss selber denken und nicht denken lassen.<BR /><BR /><b>Was verstehen Sie unter „digitaler Demenz“?</b><BR />Spitzer: Vor gut 15 Jahren verzeichneten Ärzte im hochmodernen Industriestaat Südkorea bei jungen Erwachsenen immer häufiger Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale Verflachung und allgemeine Abstumpfung als Folge von intensiver Nutzung moderner Informationstechnik. Sie nannten das Krankheitsbild digitale Demenz. In der Medizin werden mit Demenz (lat: de – herab; mens – der Geist) ganz allgemein Krankheitsbilder bezeichnet, die mit der Abnahme höherer geistiger Leistungen verbunden sind. Demenz meint also geistigen Abstieg, und wie bei jedem Abstieg dauert dieser um so länger, je höher man damit beginnt: Von einer Stranddüne steigt man sehr rasch bis auf Meereshöhe hinab, vom Mount Everest kann man sehr lange absteigen und sich dennoch auf großer Höhe befinden. Weil digitale Medien nachweislich der Bildung schaden, weil sie ablenken und das Lernen stören – wie vielfach nachgewiesen wurde, bewirken sie eine geringere Bildungshöhe mit 20 – und genau deswegen ein höheres Demenzrisiko im Alter.<b><BR /><BR />Was richtet der – übermäßige – Gebrauch digitaler Medien in unserem Gehirn an? Schaden die vielen Bilder mehr als Texte? </b><BR />Spitzer: Ich kenne keine Untersuchung zur Frage, ob Bilder oder Texte mehr schaden. Man weiß allerdings, dass Bildsprache sehr eindringlich sein kann und dass sich emotional geladene Bilder ins Gedächtnis gleichsam einbrennen können: Man wird sie nicht mehr los. „Ein Bild<BR />sagt mehr als 1000 Worte“, sagt zudem ein bekanntes Sprichwort. Aus diesen Gründen muss man davon ausgehen, dass Bilder mehr schaden können als Texte.<BR /><BR /><b>Von Medienleuten verlangt man allerdings Medienkompetenz – doch zu Recht?</b><BR />Spitzer: „Medienkompetenz“ gibt es nicht. Das sieht man daran, dass es keine Messmethode für sie gibt, und völlig unklar ist, was damit gemeint ist. Um zu beurteilen, ob ein Sachverhalt zutrifft oder nicht, also Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden – das wird oft mit „Medienkompetenz“ gemeint –, braucht man Wissen. Und das ist immer vernetzt und anwendungsorientiert – also kein sinnloser Haufen von Fakten. Dieses Wissen lernt man in Bildungseinrichtungen, vom Kindergarten bis zur Uni. Das Gerede von Medienkompetenz lenkt hiervon ab und tut so, als könnte es eine allgemeine Fähigkeit, wahr und falsch zu unterscheiden, geben. Die gibt es aber nicht.<BR /><BR /><b>Geht es eher um die Dauer-Verfügbarkeit oder mehr um die mangelnde Gedächtnisübung?</b><BR />Spitzer: Beides! Wenn junge Menschen heute 10 Stunden täglich mit Bildschirmmedien zubringen, und wir zugleich aus guten, in hochrangigen Medizin-Zeitschriften veröffentlichten Untersuchungen wissen, dass dies der Gehirnentwicklung schadet und Sucht erzeugt, dann sollten wir Verantwortung übernehmen und unsere nächste Generation vor den Auswirkungen digitaler Medien schützen.<BR /><BR /><b>Was sollte man also bei der Kindererziehung beachten?</b><BR />Spitzer: Je weniger Medien, desto besser. Das sagt übrigens auch die WHO. Für Kinder – bis 14 Jahren – gilt: Am besten sind gar keine Medien.<BR /><BR /><b>Wie kann KI Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen nutzen?</b><BR />Spitzer: Es gibt mittlerweile erste Versuche, KI als Helfer einzusetzen. Das reicht von der Steuerung von Pflegerobotern bis zur Telefonbetreuung bei Problemen rund um die Uhr durch Chatbots. Man wird in den nächsten Jahren sehen, was davon wirklich unser Leben verbessert.<BR /><BR /><b>Was ist in dieser Hinsicht von medizinischer Seite her zu erwarten?</b><BR />Spitzer: KI wird jeden Aspekt der Medizin verändern. Schon heute werden die meisten Gehirn-Scanner mit KI verkauft, weil die Maschine dann nicht nur ein Bild, sondern zugleich auch einen Befund liefert. Der Radiologe muss nur nochmal drüberschauen und ist fertig. Seit 2017 hilft KI in der Dermatologie bei der Diagnose und Unterscheidung von malignen und benignen Tumoren. Möglicherweise wird das Erstgespräch bald von einer KI erledigt, denn es kostet den Arzt sehr viel Zeit, die er nicht hat, der Patient aber meistens schon. Würde also die KI 2 bis 3 Stunden mit dem Patienten reden und dann das Wichtigste für den Arzt in ein paar Sätzen zusammenfassen, würde der viel Zeit sparen. Zudem sind solche Gespräche umso effizienter, je erfahrender der Arzt ist. Und eine KI kann eine Milliarde Stunden klinische Erfahrung haben (wenn sie entsprechend trainiert wurde), ein Mensch nicht. Daher wird KI die Medizin verändern – und diese wird dadurch besser werden, davon bin ich überzeugt.