Kritiker sehen darin einen gefährlichen Umgang mit der Geschichte, der vor allem in der slowenischen Minderheit und der internationalen Politik Wellen schlägt.<BR /><BR />In der Stadt, durch die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen Italien und Slowenien gezogen wurde, leben schon seit jeher Italiener wie Slowenen, und die im 19. Jahrhundert aufgeflammten ethnischen Konflikte im adriatischen Küstenland, die im 20. Jahrhundert in Massenmorden und -vertreibung kulminierten, konnten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in eine Zusammenarbeit verwandelt werden. <h3> Gemeinsame Bewerbung mit Nova Gorica</h3>Krönung ist die gemeinsame Bewerbung von Gorizia und Nova Gorica (Slowenien) als Europäische Kulturhauptstadt: Am 8. Februar 2025 wird die Veranstaltungsreihe eröffnet. Über ihr hängt nun aber ein dunkler Schatten: Jener des faschistischen Diktators Benito Mussolini (1883 – 1945), der einst mit massiver Gewalt versucht hatte, Italien zu einem ethnisch homogenen Staat zu machen, indem nationale Minderheiten assimiliert oder vertrieben wurden. Mussolini ist seit 1924 Ehrenbürger von Gorizia – und er bleibt es weiterhin, wie der Stadtrat von Gorizia am 11. November beschlossen hat. <BR /><BR /><BR /> <div class="embed-box"><div style="position: relative; height: 0; padding-bottom: 56.25%"><iframe style="width: 100%; height: 100%; border: 0;position: absolute;" src="https://dynamic.mc-cdn.io?id=062a8cde44680b5c40b668396253cf56&access-token=97kNg3YDDkblQ7rYzDTIGX1EAigdAWMSbaafd51b609784cdd822af17ccb42cb6889a123a" allow="geolocation" allowfullscreen></iframe></div></div> <BR /><BR /><BR />Bürgermeister Rodolfo Ziberna sprach sich gegen die Aberkennung aus mit dem Argument, dass der Antrag ein Vorwand und der „Versuch der Linken“ sei, „den Weg des großen Zusammenhalts und der Zusammenarbeit zwischen Nova Gorica und Gorizia im Hinblick auf die Kulturhauptstadt Europas im nächsten Jahr zu untergraben.“ Ziberna bezeichnet sich als Antifaschisten; er hat seine politische Laufbahn bei der sozialdemokratischen Partei PSDI begonnen und war nach deren Untergang ins Mitte-rechts-Lager gewechselt. „Die Geschichte“, so wird Ziberna von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA zitiert, „vor allem ihre dunkelsten und verwerflichsten Seiten, darf nicht ausgelöscht werden, sie muss vielmehr bekannt gemacht werden, vor allem den neuen Generationen, damit sie sich nicht wiederholt.“ <BR />In der slowenischen Minderheit in Italien hat die Entscheidung scharfe Kritik hervorgerufen, und auch der Außenminister Sloweniens verurteilt sie aufs Schärfste. <h3> Kein Einzelfall</h3>Gorizia ist kein Einzelfall. Während die meisten der rund 6700 Gemeinden Italiens, die Mussolini während des Faschismus zum Ehrenbürger ernannt hatten, diese Entscheidung nach dem Untergang des Regimes widerriefen (manche freilich auch erst in letzter Zeit, wie Florenz im Jahr 2009), geschah dies in mehreren hundert Gemeinden bis heute nicht. <BR />Auch andere faschistische „Helden“ sind heute noch Ehrenbürger von Gemeinden in Italien, ganz zu schweigen von Straßennamen, die bis heute unkommentiert an das faschistische Regime und seine Ideen erinnern. In Bozen beispielsweise gibt es ein ganzes Viertel rund um das sogenannte Siegesdenkmal, dessen Straßen Namen von Männern und Orten tragen, die große Bedeutung für den Faschismus hatten. Der Triumphbogen ist 1928 errichtet worden und sollte den Sieg Italiens über Österreich-Ungarns feiern, vor allem aber unter Rückgriff auf das römische Reich die Überlegenheit des faschistischen Regimes demonstrieren. <h3> Geschichte der Stadt</h3>Görz, Triest und Istrien waren schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Pulverfass gewesen. Nach 1918 wurde begonnen, die nicht-italienische Bevölkerung zu entnationalisieren. Die Methoden sind bekannt: Die kroatischen und slowenischen Schulen wurden geschlossen, die kulturellen und sozialen Vereinigungen aufgelöst und die Zeitungen geschlossen. Orts- und Familiennamen wurden italianisiert. Am 13. Juli 1920 wurde das slowenische Kulturzentrum Narodni Dom in Trst/Triest niedergebrannt. Faschistische Sondergerichte erstickten ab 1927 jeglichen Widerstand. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde aus faschistischer Repression blanker Terror. In Istrien wurden, nachdem deutsche und italienische Truppen im Herbst 1943 das Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht hatten, allein im Monat Oktober 5000 Menschen umgebracht. In Triest wurde in der Reismühle San Sabba das einzige Vernichtungslager auf italienischem Boden errichtet. <BR /><BR />Nach Italiens Seitenwechsel im Sommer 1943 und nach Kriegsende wurden Tausende Italiener, in erster Linie Repräsentanten des Regimes, und viele Kollaborateure grausam ermordet, eine große Zahl lebend in Karsthöhlen (Foibe) geworfen. 250.000 Menschen, Italiener wie auch Kroaten und Slowenen mit italienischer Staatsbürgerschaft, wurden aus ihrer Heimat in Istrien und Dalmatien vertrieben. <BR />In Italien wurde nie einer der Täter belangt: Der (kommunistische) Justizminister Palmiro Togliatti erließ bereits 1946 eine Amnestie.