Montag, 08. Juni 2020

Durch Corona entzweit, aber auch vereint

Das pausenlose Zusammenleben auf engstem Raum während der strengsten Lockdown-Phase wurde auch in Südtirol zur Belastungsprobe für viele Paare. Das zeigt der Anstieg an Trennungswilligen. Doch auch der umgekehrte Effekt ist zu verzeichnen: Paare, die schon bereit waren, alles hinzuwerfen, haben sich wieder zusammengerauft.

War die lange Zeit zusammen ein Geschenk? Oder hat sie der Beziehung geschadet?
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War die lange Zeit zusammen ein Geschenk? Oder hat sie der Beziehung geschadet? - Foto: © shutterstock
In China, wo das Coronavirus als erstes zugeschlagen hat, ist die erhöhte Trennungsrate von Paaren nach dem Lockdown bereits vor Wochen eingetreten – jetzt zeichnen sich auch in vielen Beziehungen in Südtirol die Folgen der strengen Beschränkungen auf die 4 Wände ab.



Mehr Anfragen von neuen Mandanten

Das Zentrum für Getrennte und Geschiedene und Familienmediation (ASDI) vermeldet einen markanten Anstieg Trennungswilliger seit der Lockerung des Lockdowns.

Rechtsanwältin Christine Mayr kann das bestätigen. „Im März hat das Telefon gar nicht geläutet, gegen Mitte bzw. Ende April kamen die ersten Anfragen von neuen Fällen. Da haben wir die Rechtsberatung mit den Betroffenen über Videokonferenz abgewickelt. Bemerkenswert ist dabei, dass gerade die Anfragen von neuen Mandanten angestiegen sind“, sagt Mayr.

Im Vergleich zu „normalen“ Zeiten gebe es einen auffälligen Unterschied: Während sich Trennungswillige normalerweise erst zu einem oder mehreren Informationsgesprächen bei den Rechtsanwälten anmelden – also noch über eine Trennung nachdenken – , hätten jetzt viele die Entscheidung schon getroffen.

„Offensichtlich haben sie die Zeit, als sie daheim waren, genutzt, um gut darüber nachzudenken“, meint Mayr. Vielfach scheine es sich um Personen zu handeln, bei denen es schon gekriselt hat und die jetzt aufgrund des engen Zusammenlebens gemerkt haben, dass sie gar nicht mehr miteinander können.

„Während der akuten Corona-Phase dürften die Betroffenen aufgrund der Beschränkungen auf engsten Raum gespürt haben, wie zerrüttet ihre Beziehung längst ist“, so Mayr.

Andere wagen Neuanfang

Umgekehrt habe sie von einigen Fällen, die sich noch in der Beratungsphase befinden, gar nichts mehr gehört. Möglicherweise hätten diese Mandanten in der akuten Zeit der Corona-Krise neue Gemeinsamkeiten gefunden und sich wieder zusammengerauft. Unabhängig von Corona lasse sich aber sagen, dass es erfahrungsgemäß im Frühjahr immer mehr Anfragen zu Trennungen gibt. „Möglicherweise, weil der Frühling jene Zeit ist, in der die Menschen grundsätzlich dazu tendieren, einen Neuanfang in ihrem Leben zu wagen“, sagt Mayr.

Am Bozner Landesgericht ist vorerst noch kein Anstieg der Trennungsanträge zu verzeichnen, die Auswirkungen dürften sich voraussichtlich erst in einigen Wochen zeigen, wenn die Anträge eingereicht werden, sagt Landesgerichtspräsidentin Elsa Vesco.

Weniger Anzeigen wegen häuslicher Gewalt

Eklatant sind hingegen die Daten, die der Oberste Richterrat (CSM) an allen Gerichten in Italien gesammelt hat. Der Erhebung zufolge sind bis zum 12. Mai die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt um durchschnittlich 50 Prozent zurückgegangen. Was befürchtet wurde – nämlich, dass Betroffene aufgrund der Beschränkung auf die 4 Wände zusammen mit den Tätern keine Möglichkeit sahen oder hatten, Anzeige zu erstatten –, scheint damit eingetroffen zu sein.

Am Bozner Landesgericht jedenfalls wurden Betroffene, die sich an die Justiz gewandt haben, auch in der strengsten Lockdown-Phase nicht allein gelassen. „Alle Dringlichkeitsfälle wie Anträge auf Verweis aus dem Haus, Annäherungsverbote und Verfügungen zum elterlichen Besuchsrecht wurden auch in dieser Zeit sofort behandelt“, sagt Präsidentin Elsa Vesco.

rc

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