Das Leben von Anna Battisti (34) aus Kaltern verläuft seit 9 Monaten im Zeitlupentempo. Der Rollstuhl verleiht ihr ein kleines Stück Freiheit. Nun kämpft sie sich zurück und leistet Aufklärungsarbeit.<BR /><BR />Das Herz rast und rast … es schlägt immer schneller und schneller. „Ist das jetzt ein Herzinfarkt?“ Als Anna Battisti diese beklemmende Frage durch den Kopf schießt, ist ihre Corona-Infektion schon zweieinhalb Wochen her. Sie ist eigentlich auf dem Weg der Besserung. Etwas schwach zwar, aber mehr nicht.<BR /><BR />Dann dieses plötzliche Herzrasen während des Fernsehens im Bett. Es ist das erste Dezemberwochenende 2021 in Wien, wohin die Kaltererin schon als Studentin zog. Der Herzschlag normalisiert sich wieder – ihr Leben nicht mehr.<h3> Körperlich und geistig total außer Gefecht gesetzt</h3>Von einem Tag auf den anderen kämpft Anna mit einem Mix aus Symptomen, die sie zuerst nicht zuordnen konnte: „Plötzliche Atemnot, Schwindel, Zittern, Herzrasen, extreme Muskel- und Gelenksschmerzen, Schlafstörungen, Tinnitus, Schüttelfrost, Hautausschläge, Magenprobleme, das ständige Gefühl extremer Müdigkeit …“ Dazu kommen Probleme mit dem Gedächtnis und der Konzentration. „Das ist der berühmt-berüchtigte Brain-Fog“, erklärt Battisti im Telefoninterview, das sie – nun, 9 Monate später – im Bett liegend führt, um Kräfte für den restlichen Tag zu sparen.<BR /><BR />„Ich war etwa in der Küche, weil ich mir etwas aus dem Kühlschrank holen wollte. Auf dem Weg dorthin hatte ich aber vergessen, was ich holen wollte. Ich war plötzlich total orientierungslos.“ Ein absoluter Ausnahmezustand – nicht nur mit körperlichen Schmerzen und Beeinträchtigungen, sondern auch kognitiven Dysfunktionen. „Ich war total außer Gefecht gesetzt“, so die 34-Jährige.<h3> Zum Glück schnelle Diagnose</h3>Die Hausärztin von Anna führte die Symptome auf die Corona-Infektion zurück. Bald darauf folgte ein fünftägiger, stationärer Aufenthalt im Krankenhaus. „Ich wurde von oben bis unten durchgecheckt. Man hat es sehr ernst genommen.“ Nachdem alles andere ausgeschlossen werden konnte, stand die Diagnose fest: Long Covid bzw. chronisches Erschöpfungssyndrom. „Bei vielen Betroffenen ist es nach 4 bis 8 Wochen vorbei. Bei mir halt nicht“, analysiert die Kaltererin mit einem bitteren Lächeln. An das Leben, wie es bisher lief, war nicht mehr zu denken. Ein Leben, das sich vorher so vielversprechend entwickelt hatte.<BR /><BR />Bereits während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaften arbeitete Anna teils in der Medienbranche, teils als wissenschaftliche Assistentin an der Uni und dazwischen in der Nachtgastronomie. 2019 stieg sie als Geschäftspartnerin bei ihrem Mann Stefan ein – ebenso ein Südtiroler (aus Sigmundskron), der seit zehn Jahren das Bierlokal „Das Gru“ im 9. Bezirk führt. „Wir sind beide Nachtmenschen. Ich habe früher bis zwei, drei Uhr in der Früh gearbeitet“, beschreibt Anna.<h3> Das gemeinsame Craftbierlokal</h3> Das war ein Lebensprojekt, in das sie – wie ihr Mann – von früh bis spät viele Stunden und viel Energie steckte. Vom Einkauf und administrativen Tätigkeiten, über das Organisieren von Events und Betreuung der Social-Media-Kanäle bis hin zum Zapfen hinter der Bar oder der Bedienung der Gäste.<BR /><BR />All das war nun nicht mehr möglich. „Ich wurde zum Pflegefall“, so die 34-Jährige. Die vorherige 50:50-Aufteilung der Arbeit im Haushalt wurde urplötzlich zur 100-Prozent-Aufgabe von Stefan. „Er kocht, wascht, putzt, kauft ein, bringt mich zu den Arztterminen … Ich bin so dankbar, dass ich einen tollen Partner an meiner Seite habe – das ist ein Geschenk.“ Ebenso wie der Umstand, dass sie sich aufgrund der Krankschreibung vorerst keine Sorgen machen muss. Ihre Mutter, die ebenso in Wien lebt, hilft ihr auch sehr viel.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="811337_image" /></div> <BR />Worauf sich Anna derweil konzentrierte: Den eigenen Alltag irgendwie wieder zu strukturieren und einfachste Dinge auf die Reihe zu bekommen. Wie etwa, ein Marmeladebrot zu streichen. „Wenn ich normal gesund bin, gehe ich in die Küche und mache das automatisiert in zwei Minuten“, erklärt Battisti. <BR /><BR />Als Long-Covid-Patient laufe das jedoch anders: „Ich gehe in die Küche und setze mich für ein, zwei Minuten hin. Warten. Nicht reden. Nicht auf das Handy schauen. Nicht ablenken lassen. Warten. Dann Brot und Messer nehmen. Wieder warten. Messer ansetzen und schneiden. Im Winter konnte ich das nicht einmal in einem Zug, wenn es ein großer Brotlaib war. Warten. Butter streichen. Warten. Bis ich das Marmeladebrot auf dem Teller hatte, dauerte es mitunter bis zu einer halben Stunde. Das sind Realitäten, die kann man sich nicht vorstellen.“<BR /><BR />Mit dieser Vorgehensweise beschreibt Anna eine Strategie, die vielen Long-Covid-Betroffenen hilft – nämlich das „Pacing“, das sie so erklärt: „Es bedeutet, dass ich wirklich alles in meinem Leben in mikroskopisch kleine Teile aufteile.“ Damit kann eine Überlastung verhindert werden.<h3> „Wie ein Kleinbus,der über einen drüber fährt“</h3>Dass die Krankheit psychisch eine immense Herausforderung darstellt, ist selbsterklärend: „Natürlich dreht man da manchmal durch“, so die Kaltererin. Was ihr aber auch eine Stütze war: der Austausch mit anderen Betroffenen über soziale Medien. In einem Blog auf Instagram (@annaslongcovidjourney) schreibt sie selbst seit April in eindrücklichen Worten über ihren Alltag: „Fatigue ist, wie wenn ein Kleinbus über einen drüber fährt.“ / „Watte im Gehirn, Watte auf der Seele. Alles stumpf und weit weg. Abgekapselt von der eigenen Wirklichkeit.“ Aber Anna schreibt auch von den kleinen Erfolgen, die es nach und nach gibt.<h3> Die Sache mit dem Rollstuhl</h3>Und was hat es mit dem Rollstuhl auf sich? „Im Winter war mein Körper so schwach, dass ich nicht mehr ohne Hilfe aus dem Haus kam und nicht mehr am Leben teilhaben konnte. Deshalb die Idee mit dem Rollstuhl“, so die 34-Jährige. Ein paar Schritte in der Wohnung gingen zwar, aber eben nicht eine mehrere hundert Meter lange Strecke zum Supermarkt oder in den Park. Deshalb das Hilfsmittel. <BR /><BR />„Wenn ich mit dem Rollstuhl hingefahren werde, habe ich die Energie, die ich sonst für die Strecke gebraucht hätte, vor Ort zur Verfügung. Wenn das bedeutet, dass ich deshalb im Rollstuhl sitze, dann soll das so sein. Aber dafür kann ich das Leben spüren. Insofern ist der Rollstuhl für mich ein Stück Freiheit“, beschreibt Anna.<BR /><BR />Das mit dem Rollstuhl sei aber für manche unverständlich – wie so vieles an Long Covid. Das liege vor allem daran, dass es so viele unterschiedliche Ausprägungen und Schweregrade gebe. Aufklärung sei deshalb entscheidend – das sei auch der Grund, warum sie ihre Geschichte in aller Öffentlichkeit erzähle. „Ich versuche so offen wie möglich über die Krankheit zu sprechen, Vorurteile abzubauen und zu informieren, damit es die Leute verstehen.“<h3> Und wie geht es jetzt weiter?</h3>Nun, 9 Monate nach Beginn der Krankheit, gibt es im Alltag von Anna ständig kleine Fortschritte. Freunde besuchen sie immer wieder, auf dem Weg zum Kühlschrank braucht sie mittlerweile keine Hocker mehr als „Raststationen“, und an einem guten Tag kann sie auch schon mal die Spülmaschine ausräumen. Ist eine Rückkehr ins normale Leben also irgendwann möglich? „Ich kann es nicht sagen“, betont Anna Battisti. „Meine Neurologin ist sehr positiv eingestellt. Und ich bin es auch. Es ist für mich keine Option aufzugeben.“