Da hat einer positive Energie zum Herschenken. Dieser Gedanke drängt sich schnell auf, sobald man mit Johannes Huber, von Freunden Jonny genannt, zu tun hat. Derzeit hat er dermaßen viel um die Ohren, dass er kaum mehr die Zeit für sein liebstes Hobby findet: seine geliebte Harley Davidson Spazierenfahren. „Für 25. Juni ist die Eröffnung meiner eigenen Motorrad-Werkstätte geplant, bis dahin gibt es noch viel zu tun“, sagt der 25-Jährige in der ihm eigenen, sehr offenen Wesensart. <BR /><BR />Das Außergewöhnliche dabei: Johannes ist querschnittgelähmt, ein schlimmer Verkehrsunfall hinterließ irreparable Schäden am Rückenmark. Er scheut sich nicht, diesen Tiefpunkt und den beschwerlichen Weg zurück ausführlich zu erzählen, allerdings wirkt das in seinen Schilderungen freundlicher als es wohl tatsächlich der Fall war. Das hat mit seinem unverwüstlichen Naturell zu tun: Jonny ist Lebemensch durch und durch, die Gemeinschaft mit seinen Freunden, seine Selbstständigkeit und seine Freiheit gehen ihm über alles. <h3> Brutaler Unfall, unglaubliche Willenskraft</h3>Seine herausragende Widerstandsfähigkeit und der unbedingte Wille, das eigene Ding durchzuziehen, haben ihn nun an den Punkt kommen lassen, an dem er mit Stolz sein Lebensmotto beschwören kann: „Geat net, gibt’s net“. <BR /><BR />So steht der ausgelernte Kfz-Mechatroniker mit kürzlich erworbenem Meisterbrief nicht nur unmittelbar vor dem Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit, er fährt mit seinem batteriebetriebenen Rad auch auf jede noch so abgelegene Alm, flitzt als Kitesurfer über den Gardasee, pfeift auf einer selbstgebastelten Unterlage über die Rodelbahn, gönnt sich mit seinem Harley-Trike so manchen Ausritt auf Südtirols Passstraßen oder mischt sich mit seiner „Höllenmaschin“ beim Krampustag unter die Leute. Wär ja noch schöner, schließlich ist er ja nicht umsonst Präsident des Naturnser Krampusvereins. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="768452_image" /></div> <BR />Jonny lebt also sein Leben und seine Träume, als ob es dieses Handicap gar nicht geben würde. Ein doch verhältnismäßig großes Handicap, das er angesichts all seiner Aktivitäten mehr und mehr zu verkleinern imstande ist.<BR /><BR />Die Augenblicke vor dem folgenschweren Unfall am 14. Juni 2018 kennt er nur mehr aus Erzählungen: „Ich war wie üblich auf dem Weg zur Arbeit in der Bozner Harley-Davidson-Werkstätte, als auf der Töll wieder mal ein Laster blockiert war und sich hinter einer Kurve urplötzlich der Verkehr staute. Irgendwie riss ich meine Harley noch herum, blieb wohl an einem Seitenspiegel hängen und so schleuderte es mich frontal gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug. Danach war alles nur mehr schwarz.“ <BR /><BR />Die Folgen des Aufpralls waren brutal. Das Becken des damals 21-Jährigen war zertrümmert, mehrere Rippen und der Oberschenkel gebrochen, die Halsschlagader überdehnt, 2 Halswirbel angerissen und eben auch die Wirbelsäule (Bereiche L1 und L2) frakturiert. Schneller wäre man beim Aufzählen der Körperteile, die noch heil geblieben waren, meint Jonny und ergänzt: „Die erste Operation wurde am Abend abgebrochen, die Ärzte rechneten gar nicht mehr mit meinem Überleben.“ <BR /><BR />2 Wochen nach dem Unfall wachte er auf der Intensivstation auf, zuallererst erkundigte er sich, wie es dem Motorrad gehe. „Ich wechselte dauernd zwischen Aufwachen und Einschlafen, träumte schräge Träume über Kriege und hatte Nahtoderfahrungen“, erzählt er ohne Umschweife. So befand er sich in einem Flugzeug, das ständig durch eine Stimme zum Umkehren gezwungen wurde. Oder er blieb vor einem verschlossenen Tor stehen, anstatt einfach daneben vorbeizugehen. Irre Sachen eben. <BR />Nach 4 Wochen auf der Intensivstation ging es zur beschwerlichen Reha, es folgten weitere Operationen (darunter auch an der Wirbelsäule), erst im November ging es für 3 Monate zur spezialisierten Klinik in Bad Häring. „Auch dort wunderte man sich über mich, denn ich suchte abends nicht die Gesellschaft der anderen Patienten, sondern machte lieber noch einige Übungen, um so schnell wie möglich wieder ins normale Leben zurückzukehren“, schaut er zurück. <h3> Schnurgerade in Richtung Freiheit</h3>So schnell wie möglich wollte er seine Eigenständigkeit zurückerlangen, denn er hasse es, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. An seinem Tablet zeigt er kurze Videoclips, die seine ersten beschwerlichen Bemühungen dokumentieren: Wie er sich selbst mit reiner Armkraft an einem Gerüst entlanghangelt oder wie er auf Krücken mithilfe seines Physiotherapeuten einige wenige aufrechte Schritte versucht. Es ist dieser besonderen mentalen Kraft – manche würden wohl sagen: Tiroler Sturschädel – zuzuschreiben, wie schnell und selbstbewusst Jonny seine Zukunft selbst in die eigene Hand genommen hat. <BR /><BR />Damit ist auch sein beruflicher Werdegang gemeint. Für ihn war schon immer klar, dass er etwas mit Motoren tun würde. Bereits mit 12 Jahren bekam der handwerklich begabte Bub eine Vespa zum Restaurieren, 4 Jahre später baute er sich selbst ein Chopper-Motorrad mit der typischen langen Vorderradgabel zusammen. „2 Tage nach der bestandenen Maturaprüfung an der TFO Schlanders trat ich meinen Job als Lehrbursche bei der Harley-Davidson-Garage in Bozen an“, schildert er seinen vorgezeichneten Weg. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54265660_quote" /><BR /><BR /><BR />2 Wochen vor Ablauf der Lehrzeit ereignete sich dann der schwere Unfall. Sobald es ihm wieder einigermaßen möglich war, nahm er dort die Arbeit wieder auf und legte im Jänner 2021 die Gesellenprüfung ab. Einige Monate später war er sich sicher, dass er sein ganz eigenes Ding durchziehen wollte und besuchte die Meisterkurse für Kraftfahrzeug-Techniker am WIFI in Innsbruck. Den großen praktischen Teil schloss er Ende Jänner diesen Jahres ab, danach folgten noch die Module zum Unternehmertraining (Buchhaltung, Kostenkalkulation, Marketing, etc.). Mit der Anerkennung seiner Ausbildung in Südtirol bzw. Italien ging es recht schnell, seit 2 Wochen darf sich der 25-Jährige hier mit Fug und Recht Kfz-Mechatroniker-Meister nennen. <h3> Traum geht nun in Erfüllung</h3>Die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches steht nun unmittelbar bevor: Die Eröffnung seiner eigenen Werkstätte in knapp 5 Wochen hat nicht nur er, sondern eine Vielzahl an Freunden und Bekannten rot im Kalender angestrichen. Er kann es kaum erwarten, ihnen sein eigenes kleines Reich „Etschside Custom“ in der Industriezone Partschins/Töll zu zeigen, passend dazu ist auch Live-Musik und ein Grillfest geplant. <BR /><BR />Auf die Frage, wie er denn seinen Kundenstock aufbauen wolle, meint er gelassen: „Keine Sorge, ich bekomme jetzt schon reihenweise Vormerkungen herein, weil allein in Naturns zählen wir an die 30 Harleyfahrer.“ Freilich sind auch ganz gewöhnliche Motorräder willkommen, aber der Fokus liege sicherlich auf dem Kultobjekt, der seit Generationen den Inbegriff des Amerikanischen Traums darstellt. <BR />Jonny wäre nicht er selbst, würde er nicht jetzt schon ein weiteres Ziel im Hinterkopf haben: Nach eigenen Vorstellungen Sonderanfertigungen von Motorrädern zusammenbauen, wie es in den USA etwa die Orange County Choppers vormachen. Allerdings sei das hierzulande wegen der rigiden Gesetzgebung nur sehr bedingt umsetzbar. <BR /><BR />Klar ist aber auch: Wenn es einer hinkriegt, dann der unverwüstliche Jonny.<BR />