Donnerstag, 14. Januar 2016

„Egal wie Franziskus stirbt: Jeder wird nach dem Mörder fragen“

Der Rebell des Vatikans sitzt in einem 23 Quadratmeter-Zimmer im Gästehaus „Santa Marta“. „Kein Papst wird sich je wieder trauen, in den Apostolischen Palast zu ziehen“, meint Vatikan-Experte Andreas Englisch. Denn der Rebell des Vatikans ist der Papst selbst. STOL spricht mit Andreas Englisch im Rahmen seines Bozenbesuchs über Glaube, Kirche und Religion. Und ob wir am Ende nicht ohne sie doch besser dran wären.

Vatikan-Experte Andreas Englisch: "Als Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde, dachte ich mir: 'Jetzt geht's richtig rund.'" - Foto: DLife
Badge Local
Vatikan-Experte Andreas Englisch: "Als Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde, dachte ich mir: 'Jetzt geht's richtig rund.'" - Foto: DLife

Südtirol Online: „Religionskriege sind Konflikte zwischen erwachsenen Menschen, bei denen es darum geht, wer den cooleren, imaginären Freund hat.“ Wie finden Sie diesen Ausspruch?
Andreas Englisch, Vatikan-Experte*: (lacht) Finde ich gar nicht schlecht. Leider zieht es die Religionskriege ein bisschen ins Lächerliche. Das Schlimme ist: Die Konflikte werden künftig eher zu- als abnehmen. Eigentlich hätten alle gedacht, dass Religion, Religionskriege in einer modernen Welt eine immer kleinere Rolle spielen werden. Stattdessen tritt das Gegenteil ein. Vor allem junge Menschen neigen wieder zu religiösem Fanatismus. Ein Hamburger Mädchen, das zum IS geht, um einen Schleier anzuziehen und sich von all ihren Bürgerrechten berauben zu lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Die junge Dame muss einen an der Klatsche haben.

STOL: Ist das bei Christen genauso?
Es gibt bei Christen etwas sehr Ähnliches: Die Orden sterben alle aus, bis auf die extrem strengen.

STOL: Und die wären?
Zum Beispiel die Kartäuserinnen. Ein ultrastrenger Orden, da geben Sie de facto ihr Leben ab. Sie gehen in ein Kloster und dürfen es nicht mehr verlassen. Das hat auf viele junge Frauen eine hohe Anziehungskraft. Warum? Weil sie ihr Leben abgeben können. Offensichtlich überfordert eine Welt, in der man alles Mögliche entscheiden, alles Mögliche tun kann, bestimmte Leute. Die sagen: Ich will ganz klare Regeln. Ich will um 5 Uhr aufstehen, um 6 in die Kirche gehen, um 7 frühstücken, um 8 in meinem Garten arbeiten.

STOL: Hierzulande hat der klassische Kirchen-Besuch eindeutig an Stellenwert verloren. Am Petersplatz aber stehen Tausende Gläubige, sie jubeln, halten Plakate hoch, liegen sich weinend in den Armen. Wie gehen diese zwei Welten zusammen?
Die Entwicklungen auf der Welt sind, was Kirche angeht, sehr unterschiedlich. Dass die Kirche in Europa eine Krise erlebt, war vorherzusehen, ist alles nichts Neues, war schon Tausend Mal da. Aber die Geschwindigkeit dieser Krise ist sensationell. Die Kirche geht unter, in einer Generation. Die Franziskaner, die Jesuiten – alles das, was die Zivilisation über 2000 Jahre lang ausgemacht hat – gibt es nicht mehr. Die katholische Kirche in ihrer jetzigen Form wird es in 30 Jahren in Europa nicht mehr geben.

STOL: Was wird stattdessen da sein?
Vielleicht besinnen sich die Menschen darauf, dass das, was Europa zwischen Lissabon und Budapest zusammenhält, nicht die Sprache, die Lebensform, die Politik, die Geschichte ist. Das einzige, was Lissabon und Budapest gemeinsam ist, ist, dass sie eine christliche Prägung haben. Und wenn die Leute sagen: „Das ist mir egal!“, dann überlässt man Religionen, die im Aufwind sind, einen riesigen Einfluss.  

STOL: Wenn es die Religion ist, die uns zusammenhält, was passiert dann mit Europa, wenn Millionen Flüchtlinge kommen, die zu großen Teilen nicht christlicher Prägung sind?
Ich glaube, das ist ein Vorteil. Einfaches Beispiel: italienische Geschichte. Es gab in Italien jede Menge Stadtrepubliken, die eine Krise nach der anderen erlebt haben. Die einzige Stadt, die immer stinkereich war, war Venedig. Und das aus einem schlichten Grund: Sie war die toleranteste. Der Republik Venedig war es völlig egal, ob sie nun mit Muslimen Handel trieb oder nicht. Venedig wollte nur richtig gut Kohle machen – und das hat es über Jahrhunderte auch getan. Vor dem Einfluss von Fremden Angst zu haben, heißt nur, sich einer ganz bestimmten Konkurrenz nicht aussetzen zu wollen. Denn: Flüchtlingskinder starten in der Regel mehr durch als jene, die immer nur bei Mami zuhause waren. Das kann ein Volk sehr weit nach vorne bringen.

STOL: Die Kirche in Europa steckt in der Krise. Dabei ist der Europäer so viele Jahrhunderte in die Kirche gegangen. Wie kann es dann sein, dass uns nichts fehlt, wenn wir nicht hingehen?
Das hat viele Aspekte. Einer ist ein ganz banaler: Not lernt beten. Menschen, die Wirtschaftskrise und Krieg erleben, gehen in die Kirche. Eine Gesellschaft, die sehr stark von Wohlstand, Aufklärung und Wahlmöglichkeiten geprägt ist – was soll die in einer Kirche? Die werden sagen: Läuft doch alles wunderbar!

Zum anderen hat es mit Tradition zu tun: Früher gab es keine Alternative zur Ehe. Heute fragt man sich: Wozu? Wir haben kein Problem mehr damit, dass zwei Frauen oder zwei Männer zusammenleben. Und wir haben auch kein Problem damit, wenn zwei, die 10 Jahre zusammengelebt haben, sich trennen. Was auch gut ist. Das heißt: Das Zusammenleben der Menschen hat sich sehr stark verändert. Das hat aber auch ihre Bindung zur Kirche geschwächt.

STOL: Wie dringend muss die Kirche ihre Haltung zu Partnerschaft, Sexualität und Homosexualität überdenken?
Das ist ganz einfach: Entweder sie schafft das oder sie ist in 30 Jahren weg. Ich kenne jede Menge junger Männer, die sagen: „Ich habe kein Problem damit, Priester zu werden, aber ich habe keinen Bock, mich von meiner Freundin zu trennen.“ Ehelosigkeit fordert nicht mal die Bibel. Im Korinther-Brief im Neuen Testament steht: „Was die Ehelosigkeit angeht, habe ich keine Weisung vom Herrn.“ Nur um Geld zu sparen, hat man das Zölibat eingeführt.

Dienstagabend war Englisch in der Buchhandlung „Athesia Buch“ in Bozen zu Gast. - Foto: DLife

STOL: Die Kirche versucht, junge Menschen für sich zu begeistern. Wenn man dann allerdings in den Vatikan blickt, sieht man nur ältere Herren. Klappt das so?
Das ist eines der wichtigsten Probleme überhaupt. Ich glaube, dass die Weltjugendtage eine gute Sache sind und dass da auch schon eine ganze Menge geschafft worden ist. Wenn es nicht gelingt, jungen Leuten klar zu machen, dass die Idee von Jesus Christus eine gute war, geht der ganze Laden ein.

STOL: Wird die Kirche nach Franziskus wirklich eine andere sein?
Ja. Ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahrhunderten je wieder einen Papst geben wird, der zurück in den Apostolischen Palast zieht. Das wird sich keiner mehr trauen.

Teil 2 des Gesprächs mit Andreas Englisch gibt’s im STOL-Video.

Interview: Petra Gasslitter

____________________________________________________________________

*Andreas Englisch (52 Jahre) stammt aus Deutschland. Seit 28 Jahren lebt er in Rom. Dort arbeitet Englisch als Vatikan-Korrespondent und Journalist für verschiedene TV-Sender von ARD über RTL bis ZDF. Zudem ist er Buchautor. Sein aktuelles Werk „Der Kämpfer im Vatikan“ ist 2015 erschienen. 

stol