Aufmerksam verfolgt er die tägliche Arbeit seines Sohnes Erich am Hof und weil der Altbauer es gewohnt ist zu sparen, kann er zuweilen sagen: „Das hättest du jetzt nicht unbedingt gebraucht.“ Sich um nichts mehr kümmern zu müssen, das macht dem Altbauern nichts aus, „aber a bissl dreinreden tu ich immer noch“. Wie sollte das auch anders sein, wenn er so lange die Geschicke des Hofes als Bauer geleitet hat?<BR /><BR />Viel Arbeit, die Verwurzelung mit seinem Hof, einfach ein Leben in gewohnter Umgebung scheint eine Erklärung für seine Rüstigkeit und seinen Lebenswillen zu sein. Dazu kommt eine tiefe Zufriedenheit, denn das Leben hatte auch bei ihm andere Facetten zu bieten: eine Kindheit unter dem Faschismus, der Krieg, die Sorge um den Heimathof und ein arbeitsreiches Leben, wo das Sparen zum Alltag gehörte. <BR /><BR />Da stellt sich die Frage, woher diese Generationen die Kraft, die Zähigkeit und die Lebensfreude hernehmen, trotz der vielen Widrigkeiten, die ihnen das Leben bescherte. Eins betont der Hansl immer wieder: Zum Essen sei am Hof all die Jahre immer genug da gewesen, das war für die damalige Zeit nicht selbstverständlich.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="985240_image" /></div> <BR />Wer so wie der Hansl ein ganzes Jahrhundert erlebt und den Wandel der Zeit im Kleinen mitgestaltet hat, der schreibt auch ein Stück Geschichte: Hof- und Heimatgeschichte. <BR /><BR />Johann Gruber, der Geiregg Hansl wird im April 1924 am Gföllberg geboren. Viele Familiengeschichten verliefen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgrund der besonderen Umstände zuweilen äußerst tragisch. Die beiden Weltkriege brachten viel Leid und oftmals auch den Verlust von Männern und Söhnen mit sich, als diese in den Krieg ziehen mussten. <h3> Der Jungbauer stirbt an der Front</h3>So geschah es auch beim Geiregga am Gföllberg. Die Bäuerin Josefa Maurer heiratete 1914 Gottfried Gasteiger. 1915 wurde Friedl geboren. Der Jungbauer musste bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges einrücken und fiel dort an der Front. Somit war seine Frau mit ihrem kleinen Sohn allein. 1920 heiratete die Geireggbäuerin zum zweiten Mal, diesmal Franz Gruber, der am Hof als Knecht arbeitete. Sie hatten 10 Kinder, 3 davon starben schon im Kindesalter. Der heutige Altbauer Hansl war der Drittälteste der Geschwister. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="985243_image" /></div> <BR /><BR />Wie damals üblich, mussten die Kinder von klein auf am Hof mithelfen. Bereits mit 6 Jahren kam der Hansl zum ersten Mal als Hüterbub auf die Alm im Krimmler Achental, wo die Vorfahren vom Geiregga, Josef und Nikolaus Gasteiger, 1866 die Alm zu Außerkees kauften. Mit Stolz erzählt der Hansl, dass damals ein Hof mit dem Zukauf einer Alm eine ungemeine Aufwertung erfuhr. Die Viehweiden im Sommer und das Heu der Almmähder ermöglichten den Bauern die Haltung eines höheren Viehbestandes.<h3> Heimlich Deutsch lernen</h3>Anfang der 1930er-Jahre schulte der Hansl ein, damals gab es in St. Johann, so wie überall in Südtirol unter dem Faschismus, nur die italienische Schule. „Viel haben wir nicht gelernt“, erinnert er sich, „etwas Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen.“ <BR /><BR />Einige Jahre besuchte er auch die Katakombenschule. „Wir mussten immer an den Sonntagen zu den Nachbarhöfen, dort wurde uns der heimliche Deutschunterricht erteilt. Oftmals hätte ich mir später schon gewünscht, dass ich in der Schule die Möglichkeit gehabt hätte, etwas mehr zu lernen. Aber damals war das einfach nicht möglich“, bedauert der Bauer heute noch die bescheidenen Bildungsmöglichkeiten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="985246_image" /></div> <BR />Auf die Schulzeit folgte viel Arbeit, jede helfende Hand wurde am Hof gebraucht. Besitzer des Hofes waren zu der Zeit allerdings die Mutter Josefa Maurer und der Stiefbruder vom Hansl, der Friedl aus der ersten Ehe. Diese Gegebenheit sollte tiefgreifende Auswirkungen haben.<BR /><BR /> Der Friedl und die ganze Familie der Geiregga optierten 1939 für Deutschland, und der Hof wurde an die ENTE (staatliche Kommission, die Besitztümer der Optanten kaufte und verwaltete) verkauft. Mit dem Geld erwarb sich der Friedl den Hof Vörderpichl in Viehhofen in Salzburg und wurde dort heimisch. Die übrige Familie blieb weiterhin am Hof im Ahrntal und bewirtschaftete ihn in den Kriegsjahren. Hansl wurde wegen seiner Sehschwäche und hageren Gestalt nicht direkt in den Zweiten Weltkrieg eingezogen. Ab und zu musste er Wachdienste in Franzensfeste leisten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="985249_image" /></div> <BR /><BR /> Mit dem Ende des Krieges sei es rasch aufwärts gegangen, erinnert er sich. Alsbald kauften die Eltern und Geschwister den Geiregghof von der zuständigen Kommission zurück. „Leicht war es nicht“, sagt der Hansl, „aber wir mussten schnell handeln, sonst wäre der Hof weg gewesen. Nicht wenige haben auf den Hof spekuliert.“ Ungefähr 800.000 Lire habe der Heimathof gekostet, erinnert er sich. Das Geld bekamen die Geiregga privat zu leihen.<BR /><BR />Im Jahr 1951, der Hansl war mittlerweile schon Hofbesitzer, „wurde geheiratet“ – Maria Oberkofler, die Wiednhoftochter in St. Johann. Am Vormittag wurde in der Dorfkirche geheiratet, das Hochzeitsmahl fand dann im Elternhaus der Braut statt. Bei Einbruch der Dunkelheit brachen die Geiregga dann unten im Tal auf und stapften durch den tiefen Schnee hinauf auf den Berghof.<h3> Viehtrieb und Schmugglerpfad</h3>Mehrmals im Jahr musste der Hansl über das Joch hinüber ins Krimmler Achental, auf die Alm der Geiregga. Legendär sind die Viehtriebe geworden, wenn die Ahrntaler Bauern oft bei Schneetreiben das Vieh über die Jöcher brachten. <BR /><BR />Mit den Grenzgängen verbunden waren oft auch die Viehschmuggel, die nach dem Krieg bis herauf in die 1970er-Jahre besonders lukrativ waren. Meistens bei Dunkelheit brachte auch der Hansl heimlich Vieh vom Pinzgau ins Ahrntal. Wenn alles gut ging und die Schmuggler von den Finanzern nicht erwischt wurden, war es ein sehr lukrativer Handel. <BR /><BR />Nicht immer gingen diese Geschäfte gut aus. So erinnert sich der Hansl daran, dass er sich einmal geschmuggeltes Vieh von einem italienischen Viehhändler in Schilling auszahlen ließ. Erst als sein Bruder das Geld in Österreich ausgeben wollte, stellte sich heraus, dass es Falschgeld war. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="985252_image" /></div> <BR /><BR />Am Hof wurde ein Zusatzeinkommen immer gebraucht, denn es kamen 11 Kinder zur Welt; 4 Buben, 7 Mädchen. Karl starb als Kleinkind. „Die Kinder sind heute im ganzen Land verstreut“, erzählt der Vater. Irgendwo schwingt aus dieser Äußerung auch ein Stück Stolz mit, denn die Kinder haben es alle „zi öpas broucht“. Diese sprachliche Anlehnung aus dem Dialekt wird im Ahrntal häufig gebraucht und bedeutet, dass aus allen tüchtige Leute geworden sind. <BR /><BR />Seine allzu früh verstorbene Frau Maria, sie erlag 1987 einem Herzleiden, hinterließ eine große Lücke. Seither ist die Welt für den Mann und die Kinder eine andere geworden. Allen fehlt die Liebe der Frau und Mutter. <h3> S´Geireggn, der Berghof: Heimat, Zusammenhalt</h3>„Die Arbeit auf den Höfen ist durch den Einsatz der Maschinen etwas leichter geworden“, sagt der Hansl. Und doch stehen vor allem die Bergbauern vor großen Herausforderungen. „Heute ist wenigstens etwas Geld da, wir haben gefühlt alles, was wir brauchen, das war früher keineswegs der Fall. Das bisschen Geld brauchte es für die Bezahlung der Knechte und Mägde.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="985255_image" /></div> <BR /><BR />Erich, sein Sohn und Bauer, kümmert sich um den Vater, sie tauschen sich aus, harmonieren sehr gut. Auch das ist ein positives Erscheinungsbild der heutigen Zeit. Der Bauernhof, der Hoferbe und die Gesundheit ermöglichen dem Altbauern, seine Zeit daheim zu verbringen. Die aktive Mithilfe am Hof lässt das Alter nicht mehr zu – und trotzdem sind und bleiben die Arbeiten am Hof im Wandel der Jahreszeiten sein Lebensinhalt. <BR /><BR />Die Lebensgeschichte vom Geiregg Hansl beeindruckt und ist ein Rückblick auf 100 Jahre Südtiroler Zeitgeschichte, die er und viele andere erlebt, mitgestaltet und letztendlich mitgeschrieben haben.<BR /><BR /> „Es hat sich so viel geändert“, resümiert er. Diese Aussage kommt ohne Bedauern, Hansl gewinnt dem Heute ganz viel Positives ab. Ein gängiges Zitat beinhaltet dann wohl doch zumindest einen Bruchteil von Wahrheit: Wer Gegenwart und Zukunft gestalten will, sollte auch auf die Erfahrungen der Vergangenheit bauen.<BR /><BR /><BR /><BR />