<BR /><b>von Martin Tinkhauser</b><BR /><BR />„Meine Mutter ist eine jener Seniorinnen, die ihr Geld gerne griffbereit hat, anstatt es als reinen Eintrag auf einem Konto zu wissen“, erklärt die Tochter der Geschädigten. Schließlich, so argumentieren viele Senioren, könne immer ein unvorhergesehener Notfall eintreten.<BR /><BR />Genau ein solcher Notfall schien am vergangenen Freitag passiert zu sein. Die Seniorin erhielt gegen 17 Uhr einen Anruf, angeblich der Carabinieri. In italienischer Sprache wurde ihr erklärt, dass ihre Tochter einen schweren Unfall hatte. Bis zur Klärung der Umstände sei sie vorerst inhaftiert worden. Eine zweite Person, die als „Avvocato“ (Rechtsanwalt) vorgestellt wurde, erklärte der Seniorin dann, dass er die Tochter, die, wie er unterstrich, „ja eine anständige Person“ sei, gegen die Zahlung eines Geldbetrages aus dem Gefängnis holen könne. Dazu ließ er sich von der Seniorin genau informieren, wie viel Bargeld sie griffbereit habe. Damit die unvermeidliche Bürokratie der Haftentlassung auch ohne Zeitverlust erledigt werden könne, werde eine Sekretärin seines Büros persönlich das Geld bei der Seniorin daheim abholen. <h3> Goldschmuck als Sicherstellung hinterlegen</h3>Ein weiteres Problem, so erklärte der vermeintliche Rechtsanwalt weiter, sei das Unfallopfer. Beim Unfall der Tochter sei ein Mann schwerstens verletzt worden. Bis zur Übernahme der Kosten durch die Versicherung, solle die Frau der „Sekretärin“ auch ihren gesamten Goldschmuck übergeben. Dieser werde als Sicherstellung bei den Carabinieri im Tresor aufbewahrt und ihr dann nach Erledigung der Versicherungsformalitäten zurück gegeben.<BR /><BR />Erschreckend bei diesem Anruf sei für sie gewesen, „dass die Anrufer meinen Namen wussten und offensichtlich auch weitere Informationen zu Beruf und Familienstand hatten. Keine Ahnung, wie die Betrüger zu diesen Infos gekommen sind“, sagt die Tochter.<h3> Opfer in Stress versetzt</h3>Wie bei solchen Betrugsanrufen üblich, wurde das Opfer unter großen Stress gesetzt. Die Zeit dränge. Ein Anruf bei der Tochter, so wurde der Seniorin erklärt, sei im Gefängnis nicht erlaubt. Auch ein Hinzuziehen anderer Angehöriger sei aufgrund der Dringlichkeit gerade nicht möglich. <BR />„Es kam dann auch eine junge Frau, die vermeintliche Sekretärin, die, ohne viele Worte zu verlieren, das gesamte Geld – mehrere Tausend Euro – und den Schmuck abgeholt hat“, erklärt die Tochter.<BR /><BR />Als die Frau weg war, setzte sich die Seniorin sofort mit ihrem Bruder in Verbindung und erzählte diesem vom vermeintlichen schweren Unglück. Der Mann verstand sofort, dass die Seniorin Opfer skrupelloser Betrüger geworden war. Entsprechend groß war der Schock, die Wut und die Enttäuschung. Die Familie hat umgehend Anzeige erstattet. <h3> Warnung an andere Seniorinnen und Senioren</h3>Aus Scham darüber, Opfer dieser Betrüger geworden zu sein, igeln sich Betroffene oft ein. Im konkreten Fall möchte die Familie über das Öffentlichmachen des Betrugs vor allem andere Seniorinnen und Senioren warnen, vorsichtig und misstrauisch zu sein. „Keine Behörde oder seriöses Büro schickt jemand persönlich vorbei, um Geld und Schmuck abzuholen“, unterstreicht die Tochter abschließend.