Montag, 01. Oktober 2018

Ein Jahr #MeToo – Welche Folgen hat die Debatte?

Am 5. Oktober vergangenen Jahres sind die ersten Berichte über den Hollywoodmogul Harvey Weinstein erschienen, die das Bild eines skrupellosen und brutalen Mannes zeichneten, der Frauen gegenüber seine Macht schamlos ausgenutzt habe. Über kaum ein Thema wurde seitdem so hitzig diskutiert wie über #MeToo. Augenrollen oder echter Wandel – was hat die Diskussion bewirkt?

Mit der #MeToo-Debatte gingen viele Demonstrationen einher.
Mit der #MeToo-Debatte gingen viele Demonstrationen einher. - Foto: © APA/AFP

Es war bei der Beerdigung von Soul-Legende Aretha Franklin Ende August. Der Bischof legte seinen Arm um Sängerin Ariana Grande und griff dabei an ihren Busen, danach hat er sich entschuldigt. Für Grande war es auf der Bühne ein peinlicher Moment, den viele Frauen gut nachvollziehen können.

Sie hat die Hand des Mannes nicht zurückgeschoben. Vielleicht hat sie es so schnell nicht gemerkt. Oder sie hat gedacht: lieber keinen Aufstand machen. Das war lange bei vielen Frauen die Regel: Lieber nichts sagen, das bringt nur Ärger. Seit einem Jahr gibt es für Momente, wie ihn Ariana Grande erlebt hat, einen Ausdruck: „MeToo“, das heißt so viel wie „ich auch“ oder „das ist mir auch passiert“.

Unter dem Schlagwort #MeToo – initiiert von Schauspielerin Alyssa Milano – machten sich danach viele Frauen und auch einige Männer Luft. Über das, was sie erlebt haben – von blöden Sprüchen, Grapschern über Machtmissbrauch bis zur jahrelangen Gewalt. Es wurde eine weltweite Bewegung. Mehr als 18 Millionen Mal wurde #MeToo innerhalb des vergangenen Jahres getwittert, wie eine Auswertung des dpa-Monitoringdienstes Buzzrank ergab.

Nie zuvor gehörte Geschichten kommen ans Tageslicht 

Die Ausläufer der Bewegung reichen bis in Büros, Familien und Freundeskreise. Viele nie gehörte Geschichten tauchten auf. Ob es der schmierige Onkel war, der grapschende Kollege oder der Fremde, der in der Straßenbahn onaniert – kaum eine Frau, die nicht so etwas erlebt hat. Plötzlich erzählten Mütter ihren Töchtern von Dingen, für die sie bisher keinen Namen hatten, einfach hingenommen hatten. Auch wenn sie im ersten Moment sagten: „Mir ist so etwas nie passiert.“

Für die einen war #MeToo überfällig und eine Befreiung, für andere war es ein Krampf – unter dem Motto „Was darf man noch?“ – und eine „Hexenjagd“. In vielen Ländern hatte die Debatte heftige Folgen, viele Prominente stürzten über die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, allen voran Weinstein und „House of Cards“-Star Kevin Spacey.

„Wenn Opfer die Erfahrung machen, mit ihrem Gewalterlebnis nicht allein bleiben zu müssen, sondern im Netz einen Raum finden, ihre Wahrheit aussprechen zu können, und man ihnen mit Empathie zuhört, dann schwindet ein Teil ihres Gefühls der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins“, sagte Sibylle Flöter vom deutschen Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater. Über die sozialen Medien könne heute über alles auch eine Öffentlichkeit hergestellt werden. Das alles sei so vor Jahren und Jahrzehnten nicht denkbar gewesen.

Schweigen nicht mehr möglich 

Auch umgekehrt könne man sich fragen, ob es eine Generationenfrage ist, zum Täter zu werden, meinte Flöter. Nachdem #MeToo einmal einen Aufschrei verursachte wie nie zuvor, werde ein System des Schweigens nie mehr so möglich sein wie zuvor.

Ähnlich sieht es die Gewaltforscherin Monika Schröttle. „Natürlich ist sexueller Missbrauch in der Forschung und bei der Frauenbewegung seit 40 Jahren ein Thema“, sagte sie. „Aber was jetzt bei MeToo passiert ist, ist schon was Besonderes, weil es von einer neuen Generation zumeist junger Frauen ausgeht.“ Was bleibt also? Schröttle geht davon aus, dass die Debatte eine neue Generation sensibilisiert hat.

Verhärtete Geschlechterverhältnisse?

Doch nicht jeder sieht #MeToo so positiv – auch abgesehen von beleidigten älteren Herren, die sich kollektiv an den Pranger gestellt fühlen, gibt es Kritik. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler beobachtete im Zuge der Debatte eine extreme Verhärtung des Geschlechterverhältnisses. „Die gesamte Aggression richtet sich bei MeToo auf den Mann. Aber es wird nicht gesehen, dass Frauen Machtstrukturen, die sie beklagen, häufig stützen – durch kulturell anerzogene Passivität und Zurückhaltung“, sagte sie.

In einer Zeit, in der es rechtliche Gleichstellung gibt, seien die Individuen selbst für faktische Gleichstellung verantwortlich. „Es liegt im Wesen des Begriffs Autonomie, dass man Widerstände überwinden muss und Risiken in Kauf nimmt“, so Flaßpöhler. „Ich kritisiere natürlich nicht, dass Frauen ihre Stimme erheben und eine lang zurückliegende Vergewaltigung ans Licht bringen“, betonte sie. Doch sie warnte vor öffentlichen Vorverurteilungen.

Geschehenes schwer zu rekonstruieren 

Dieses Dilemma der Debatte lässt sich schwer auflösen. Am Anfang ist die Anschuldigung, durch #MeToo wird sie nun oft öffentlich. Was zwischen zwei Menschen in einem geschlossen Raum passiert, lässt sich oftmals im Nachhinein schwer aufklären. Das ist die Dramatik solcher Fälle – für beide Seiten. Es ist immer wieder ein Balanceakt – auch und gerade für Medien: Worüber berichten, worüber nicht? Denn selbstverständlich: #MeToo hat Menschen – in der Regel Männer – ihre Karriere und Reputation gekostet.

apa/dpa

stol