Montag, 04. Januar 2016

Ein Jahr nach Charlie Hebdo: "Lebe so, als wäre mein Mann auf Reisen“

Wie geht es jemandem, der seinen Partner von einem Moment auf den anderen bei einem Terroranschlag verliert? „Ich lebe immer noch so, als ob mein Mann auf Reisen wäre“, sagt Maryse Wolinski (72), die 47 Jahre mit dem „Charlie Hebdo“-Karikaturisten Georges Wolinski (80) verheiratet war.

 „Charlie Hebdo“-Karikaturisten Georges Wolinski und seine Frau Maryse vor dem Anschlag. - Foto: GettyImages
„Charlie Hebdo“-Karikaturisten Georges Wolinski und seine Frau Maryse vor dem Anschlag. - Foto: GettyImages

Vor einem Jahr haben die islamistischen Anschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt in Paris, Frankreich und die ganze Welt erschüttert.

„Georges hat gesagt, 'Liebling ich gehe zu Charlie.' Und dann war es vorbei.“ „Mein Leben wurde völlig zertrümmert“, erzählt Wolinski im Gespräch. Vielleicht auch deshalb hat sich in ihrem 160 Quadratmeter-Appartement im noblen Pariser Viertel Saint Germain seither kaum etwas verändert. Das Zimmer des Karikaturisten hat die Schriftstellerin nicht angerührt, ebenso wenig sein Bad. In der gesamten Wohnung hängen noch Post-its mit kleinen Nachrichten.

Der Polizei wirft Maryse Wolinski heute vor, den Schutz der Redaktion von „Charlie Hebdo“ nicht ernst genug genommen zu haben. Deren Verfehlungen hat sie ebenso wie ihre eigenen Erinnerungen an den Anschlag und ihr Leben mit Georges Wolinski in einem Buch festgehalten, das zum Jahrestag des Attentats am 7. Jänner erscheinen wird.

Auch angesichts des islamistischen Terrors dürften die Sicherheitsmaßnahmen nicht so weit gehen, die Meinungsfreiheit zu beschneiden, sagt sie. „Sonst spielen wir den Terroristen in die Hände“.

Frau Wolinski, wie geht es Ihnen?
Wolinsiki: Das ist eine Frage, auf die ich nicht weiß, wie ich antworten soll. Mein Leben wurde völlig zertrümmert, mit einer unglaublichen Gewalt. Und das von einem Tag auf den anderen, oder vielmehr von einem Moment auf den anderen. Georges hat gesagt: „Liebling, ich gehe zu Charlie“. Und dann war es vorbei.

Wie haben Sie den Tag des Anschlages erlebt?
Ich hatte am Vormittag ein Meeting und deshalb war mein Handy ausgeschaltet. Als ich es dann auf dem Heimweg im Taxi wieder eingeschaltet habe, hatte ich unglaublich viele SMS erhalten. Alle mit derselben Frage: „Wie geht es Georges?“ Ich verstand zuerst überhaupt nicht und habe mich daher an den Taxifahrer gewandt: „Monsieur, warum fragen mich bloß alle, wie es meinem Mann geht?“ Und er antwortete: „Madame, ich weiß nicht, was ihr Mann macht, aber wissen Sie denn nicht, dass es einen Anschlag auf 'Charlie Hebdo' gegeben hat?“
Er hatte Tränen in den Augen und hat mich dann bis zur Haustür begleitet. Ich denke, er hat sofort begriffen, was los war. Ich habe es erst später realisiert.

Die Polizei hat Sie nicht informiert?
Nein, genauso wenig, wie die Familien der anderen Opfer. Ich habe den Tod meines Mannes von meinem Schwiegersohn erfahren, der zur Redaktion gefahren ist, weil er in der Nähe arbeitet. Offizielle Bestätigung gab es am ersten Tag überhaupt keine. Erst am nächsten Tag hat mich dann Präsident Francois Hollande angerufen.

Ist es denn heute, zehn Monate nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“, leichter geworden mit dem Tod Ihres Mannes umzugehen?
Ich würde nicht sagen, dass es leichter geworden ist. Man macht ja verschiedenen Phasen durch. Es gibt Momente des Schocks, wo man den Eindruck erweckt, es wäre alles gut, aber eigentlich ist nichts gut.
Und dann gibt es Momente der Verleugnung, in denen man alles verdrängt und sich gegen das Geschehene wehrt. Ich habe mich immer sehr viel gewehrt. Aber irgendwann muss man damit aufhören. Und das versuche ich, jetzt zu tun.

Gelingt es Ihnen?
Vielleicht. Es gibt viel zu tun. Ich lebe immer noch so, als ob mein Mann nur auf Reisen wäre. Ich habe sein Zimmer und sein Bad nicht angerührt. Weil der Vermieter das Appartement selbst braucht, muss ich aber bald ausziehen. Es gibt außerdem 20.000 Zeichnungen meines Mannes, die alle geschätzt werden müssen. Dann machen wir eine Ausstellung und einige werden wir auch verkaufen.

Sie haben ein Buch über die Geschehnisse des 7. Jänner geschrieben und werfen der Polizei schwere Verfehlungen vor?
Ja, meine „Gegen-Ermittlungen“ sollen am 7. Jänner 2016 veröffentlicht werden. Es war vor allem die Wut, die mich dazu getrieben hat, das Buch zu schreiben und gewisse Fragen zu stellen.

Welche Fragen?
Zuallererst, warum wurde die Redaktion nicht ordentlich geschützt – es gab einen Polizisten im Büro des Herausgebers Charb und einen weiteren, der aber gerade unterwegs war – obwohl es immer wieder Drohungen gegeben hat? Und wieso brauchte die Polizei solange, um vor Ort zu sein?
Die Attentäter waren ja zuerst im falschen Haus und die ersten Notrufe trafen bereits um 11:15 Uhr ein. Die Polizei verstand aber bis 11:40 Uhr nicht, dass es die Angreifer auf „Charlie Hebdo“ abgesehen hatten. Die Medien waren schneller am Ort des Attentats als die Polizei.

Fühlte sich Ihr Mann eigentlich bedroht?
Er hat immer versucht, mich vor allem zu schützen, daher weiß ich es nicht. Er hat mit mir nicht darüber gesprochen. Aber im Dezember ging es ihm nicht gut und ich glaube, dass er damals schon beunruhigt war. Aber ich war so sehr mit meinen eigenen Projekten beschäftigt.
Und ich wusste zum Beispiel nicht, dass es eine Fatwah (ein Glaubens-Edikt, das zur Tötung aufruft, Anm.) gegen Charb gab und dass täglich Drohanrufe in der Redaktion eingingen.

Sind Sie heute wütend auf Ihren Mann, weil er sich diesem Risiko ausgesetzt hat?
Nein, ich kann auf diesen Menschen nicht wütend sein, ich habe ihn so sehr geliebt. Aber ich bin ein bisschen wütend auf mich selbst, dass ich mich nicht besser informiert habe. Ich hätte versucht, ihn davon abzuhalten zu „Charlie“ zu gehen. Und vielleicht hätte ich es geschafft. Ja, ich glaube, ich hätte es geschafft.

Sind Sie denn wütend auf die beiden Terroristen, Cherif und Said Kouachi?
Nein, ich fühle keinen Hass, niemandem gegenüber. Ich will nicht in Hass, sondern in Toleranz leben.

Nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ haben alle Politiker unisono den Wert der Meinungsfreiheit betont. Seitdem wurden aber auch Gesetze erlassen, die diese einschränken, etwa das Geheimdienstgesetz, dass eine Überwachung französischer Bürger ohne richterlichen Beschluss sowie eine Durchleuchtung sämtlicher Internetkommunikation erlaubt. Ist die Meinungsfreiheit bedroht?
 Die Meinungsfreiheit muss sich umfassend ausdrücken können, aber in Sicherheit. Bei „Charlie Hebdo“ wollte man das lange nicht wahrhaben und hat zu wenig Wert auf Sicherheit gelegt.
Das Resultat sind zwölf Tote und zwölf zerstörte Familien. All die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen sind notwendig.

Auch auf Kosten der Freiheit?
Ich frage mich natürlich, ob man sich damit nicht auf das Spiel der Terroristen einlässt... Sie wollen ja genau das, die Freiheit einschränken, Terror und Barbarei verbreiten... Ja, ich hoffe, dass das Geheimdienstgesetz noch vom Europäischen Gerichtshof gekippt wird.
Wenn wir die Meinungsfreiheit einschränken, spielen wir den Terroristen in die Hände.

Glauben Sie, dass die Attentate die französische Gesellschaft verändert haben? Ist sie heute gespaltener als zuvor?
Ja, durch den Terrorismus nimmt die Spaltung sicher zu. Wir leben in einer Gesellschaft die immer mehr den Bach runter geht, wirklich. Wenn ich kleine Mädchen sehe, die schon einen Schleier tragen und deren Rock bis zum Boden reicht – das halte ich nicht aus. Das ist unmöglich – nicht in Frankreich, nicht in Europa!

Aber ist das nicht auch Teil der Meinungsfreiheit?
Das ist eine berechtigte Frage. Aber hören Sie zu: Wenn wir nach Saudi-Arabien reisen, dann sind wir auch gezwungen uns zu verschleiern. Wir sind in Europa, wenn sie in Frankreich sind, sollen sie sich so anziehen wie wir.

Hat sich Ihre Meinung dazu nach den Anschlägen geändert?
Nein. Ich habe schon immer gesagt, ich halte es nicht aus, wenn sich eine Frau so anzieht. Aus einem feministischen Antrieb: Einen Schleier zu tragen, bedeutet, sich einem männlichen Diktat zu unterwerfen. Dafür haben wir 1968 nicht gekämpft.

apa

stol