<BR /><b>Warum waren Südtiroler im Abessinienkrieg?</b><BR />Markus Wurzer: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs führte das Königreich Italien die Wehrpflicht ein. Diese galt auch für deutsch- und ladinischsprachige Südtiroler. Deshalb wurden sie zum Kriegsdienst eingezogen. Das betraf in erster Linie die Jahrgänge 1911 bis 1913. Manche meldeten sich auch freiwillig zum Kriegsdienst.<BR /><BR /><embed id="dtext86-71692821_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Warum?</b><BR />Wurzer: Die 1930er Jahre waren eine wirtschaftlich schwierige Zeit. Für manche war der Militärdienst in der Kolonie nicht nur ein Abenteuer, sondern bot die Aussicht auf ein lukratives Einkommen. Sie wollten sich damit eine Existenz aufbauen.<BR /><BR /><b>Wie viele betraf es?</b><BR />Wurzer: Etwa 1.100 Südtiroler waren im Krieg in Ostafrika, die meisten davon sind bis 1937 wieder zurückgekommen. Mindestens zwölf sind im Krieg ums Leben gekommen, durch Krankheiten oder im Rahmen von Kampfhandlungen. Schätzungsweise 200 Männer haben den Kriegsdienst verweigert und sind über die Grenze in die Schweiz oder nach Österreich desertiert. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71692825_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Wie erlebten all jene, die im Krieg waren, ihren Einsatz?</b><BR />Wurzer: Die Erinnerung an die Südtiroler im Kolonialkrieg ist von der Vorstellung geprägt, und dafür sind die Veteranen nicht zuletzt selbst verantwortlich, dass sie sich aus dem Angriffskrieg herausgehalten haben. Die Quellen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Die Südtiroler haben sich an den Kampfhandlungen beteiligt, sie waren ein Teil der Angriffsarmee und haben das koloniale Gewaltregime in unterschiedlichen Funktionen gestützt. <BR /><BR /><b> Inwiefern?</b><BR />Wurzer: Manche waren als Arbeiter in den Häfen von Mogadischu tätig, andere waren hinter den Kampflinien als Bäcker, Kompaniefriseure oder Telegrafen im Einsatz. Einige waren „einfache“ kämpfende Soldaten, andere Offiziere, die ein Kommando über Gruppen führten. Als solche waren sie gerade auch in der Bekämpfung des äthiopischen Widerstands für die Brandschatzung von Dörfern und die Tötung von (vermeintlichen) Widerstandskämpfer ganz unmittelbar verantwortlich. Die Südtiroler waren also nicht nur Beobachter der Gewalt oder ihr Opfer, sondern auch Täter und Mittäter. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71692829_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Wie haben sich die Südtiroler eingegliedert? Sie kämpften ja für ein „fremdes“ Regime…</b><BR />Wurzer: Es gab Soldaten, die den Militärdienst als eine staatsbürgerliche Pflicht deuteten, die man eben erfüllen müsse – unabhängig vom politischen Regime. Es gibt viele Beispiele von Südtirolern, die während der Jahre dort immer auf der Suche nach sogenannten Landsmännern waren. Die 1.100 Südtiroler Soldaten waren auf über 40 Regimenter verteilt, sie sahen sich kaum im Kriegsalltag. Wenn das aber der Fall war, verbrachten sie Zeit miteinander, kochten Knödel und Kaiserschmarren, lasen die „Dolomiten“, erinnerten sich an die Heimat. Dieser ethnische Zusammenhalt in der Gruppe war stark. <BR /><BR /><b>Wie sah ihr Kriegsalltag aus?</b><BR />Wurzer: Die Südtiroler Soldaten verbrachten den Großteil ihres Alltags in Ostafrika mit Männern, die aus anderen Teilen Italiens stammten. Mit diesen Männern gab es auch Momente der Zugehörigkeit. Sie kämpften, trauerten, schimpften gemeinsam über die schlechte Versorgung. Zu berücksichtigen ist, dass die Südtiroler in ihrer Heimat aufgrund ihrer Sprache Teil einer unterdrückten Gruppe waren. In der Armee änderte sich das ab dem Moment, als sie Afrika erreichten. Die Ethnizität trat in den Hintergrund, und die Hautfarbe – Teil der herrschenden, siegreichen Gruppe zu sein – in den Vordergrund. Einige nahmen das Deutungsangebot des faschistischen Italiens auch an, sich zu assimilieren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-71692933_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Was bedeutete das?</b><BR />Wurzer: Sie wollten sich in der Kolonie eine neue Existenz aufbauen, versprachen sich dort einen sozialen Aufstieg. Sie blieben freiwillig länger in Ostafrika, wollten ihre Familien nachholen und sich z. B. als Farmer eine neue Existenz aufbauen. <BR /><BR /><b>Welche Spuren hat der Krieg in der Erinnerungskultur der Südtiroler hinterlassen?</b><BR />Wurzer: Im öffentlichen Raum gibt es viele Spuren, etwa in Form von Denkmälern. In Bozen wurde hinter dem Siegesdenkmal eine Siegessäule errichtet, in Bruneck wurde der „Wastl“ in Erinnerung an die „Division Val Pusteria“ erbaut. Auch Straßennamen waren ein Versuch, den behaupteten Sieg im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Manche Spuren stammen noch aus der Zeit des Faschismus, andere aus den 1950er oder 1960er Jahren, als die italienische Sprachgruppe darum bemüht war, die „Italianität“ der Region zu unterstreichen. Abseits des öffentlichen Raums wurde der Abessinienkrieg hingegen überschrieben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71692937_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Warum?</b><BR />Wurzer: Die Erinnerung an den Abessinienkrieg wurde überdeckt, von dem, was später kam, von der Option und auch vom Zweiten Weltkrieg. Gesamtgesellschaftlich hat das viel mehr Menschen betroffen als den Abessinienkrieg. Deshalb wurde er aus der kollektiven Erinnerung gedrängt. <BR /><BR /><b>Und die persönliche Erinnerung?</b><BR />Wurzer: Ein öffentliches Erinnern war nicht möglich, denn man hatte für das falsche Regime den Kriegsdienst versehen. Man war gesellschaftlich exponiert. Die Ostafrikaveteranen stillten ihr Bedürfnis zu erinnern deshalb im privaten Rahmen, mit der Familie oder mit anderen Kriegsveteranen. In ihren Erzählungen betonten sie die Exotik, das Fremde Ostafrikas, die Flora, die Fauna, die Menschen. Über die Gewalt sprach man kaum. Wenn, dann ging es um explizit italienische Gewalt oder um jene Gewalt, die sie als Südtiroler erfuhren. So ergab sich das Narrativ, dass ein Südtiroler als Opfer des Faschismus kein Täter des kolonialen Gewaltregimes werden konnte. Dies wurde auch in den Familien so weitergegeben. Die Erzählungen, die die Veteranen wiedergaben, passten aber nicht immer mit den Fotos zusammen, die sie aus dem Krieg nach Hause gebracht hatten. Das sorgte für Irritation. Manche Kinder fragten sich: Wie war mein Vater in diese Gewalt involviert? Sie wussten davon nichts, weil kaum darüber gesprochen wurde. <BR /><BR /><b>Wo man „koloniale“ Spuren in Bozen findet:</b> <a href="https://postcolonialitaly.com/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.postcolonialitaly.com</a><h3> Buchtipps zum Thema:</h3><div class="img-embed"><embed id="1220556_image" /></div> <BR /><div class="img-embed"><embed id="1220559_image" /></div> <div class="img-embed"><embed id="1220562_image" /></div>