<b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />In seinem Heimatdorf Steinegg kennt man Elmar Schroffenegger. Als Freigeist, als Original. Für die Dörfler ist er aber nicht der Elmar, sondern einfach nur der „Hube“.<BR /><BR />Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Irene bewohnt der 61-Jährige ein Grundstück, das zum Bauernhof seiner Eltern gehört. Das Besondere dabei: Die beiden leben nicht in einem Haus, sondern im Freien. <BR /><BR />Schutz vor Wind und Wetter bieten ihnen zwei Jurten (davon ei<?TrVer> ne Aufenthaltsjurte und eine Schlafjurte), ein Indianerzelt und ein auffallend grüner Bauwagen. Ansonsten spielt sich ihr Alltag hauptsächlich draußen ab. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1285185_image" /></div> <BR />Ein normales Leben führen? In einer Wohnung? Mit einem <?Uni SchriftWeite="96ru"> „Ni<?TrVer> ne-to-five-Job“ in einem Büro?<?_Uni> „Würde ich nicht überleben“, gibt „Hube“ schmunzelnd zu. <BR /><BR />Viel lieber schmiedet er Hufeisen, sammelt Wildkräuter, baut Mais, Roggen und Weizen an, versorgt seine Hühner, Enten, Ziegen, Mulis und Pferde mit Futter, verarbeitet Weidenruten zu Geflechten und backt Brot. „Das ist mein Leben“, erzählt der eigenwillige Steineggner, der keine digitalen Geräte besitzt, voller Enthusiasmus: „Und ich würde es mit niemandem eintauschen wollen.“ <BR /><BR /><h3> Den neuesten „Krimskrams“ braucht „Hube“ nicht</h3>Das Wenige, das der bärtige Zeitgenosse besitzt, kostete ihn keinen Cent. „Teller, Töpfe, Besteck, Tische, Stühle, Bilderrahmen, Decken, Betten, kleine Holzöfen, und Dekozeug haben wir entweder im Sperrmüll gefunden, von <?Uni SchriftWeite="96ru"> Bekannten geschenkt bekommen<?_Uni> oder aber selbst gemacht“, erzählt er.<BR /><BR />Die neueste Vase aus dem Onlineshop oder exklusive Servietten für den kleinen Esstisch in der Jurte? Braucht „Hube“ nicht. Viel lieber als mit Materiellem füllt er seine Lebenszeit mit etwas ganz anderem: seinem Dasein. Das ist auch das Lebensmotto des Aussteigers, wobei er immer wieder betont: „Ich bezeichne mich selbst nicht als Aussteiger. Denn ehrlich gesagt bin ich nie so weit eingestiegen, <?Uni SchriftWeite="95ru"> dass ich hätte aussteigen müssen.<?_Uni> “<BR /><BR /><h3> Spielte den ganzen Tag mit den Wanderkindern</h3>Schon als kleiner Bub war der ruhige Charakterkopf ein Rebell. „Zur Schule bin ich nur gegangen, wenn ich Lust hatte“, verrät er. Viel eher zog es den selbsternannten „Gauner“ nach draußen, wo ihn die Freiheit lockte. Schlafen? Das tat er am liebsten irgendwo anders als in seinem eigenen Bett – besonders gern im Stadel oder hoch oben in einem Baumhaus. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1285188_image" /></div> <BR />Und wenn „Hube“ untertags mal nicht bei den Tieren, im Acker oder im Wald war, spielte er den ganzen Tag über mit den Kindern von Wanderfamilien „Fangelus“ – also Fangen. <BR /><BR />Momente wie diese haben sich tief ins Gedächtnis des heute 61-Jährigen eingebrannt – und sein Leben für immer geprägt. Denn sie haben ihn gelehrt, dass er zum Glücklichsein nicht viel braucht. <h3> Das bedeutet für Elmar Schroffenegger Glück</h3>Was für „Hube“ Glück bedeutet? „Glück ist das, was ich fühle, wenn ich ein drei Tage junges Ziegenböcklein im Arm halten darf“, sagt er. Anders ausgedrückt: Es ist der direkte und unmittelbare Kontakt mit der Natur, den Tieren und dem Menschen. Kommt jemand zu Besuch, schenkt der Mann mit dem langen Barthaar dem Gast seine ganze Zeit.<h3> Wildgemüse im Topf, Löwenzahn in der Teekanne</h3>Möchte man mit dem urigen Steineggner Kontakt aufnehmen, gibt es genau drei Möglichkeiten: a) Man stattet ihm spontan einen Besuch ab; b) man kontaktiert seine Partnerin Irene, die im Gegensatz zu „Hube“ ein Handy besitzt; oder c) man läuft ihm zufällig im Dorf über den Weg. „Da muss man aber schon Glück haben“, schmunzelt er, „denn so oft bin ich dort gar nicht anzutreffen. Höchstens alle paar Wochen, wenn ich mit Irene im Supermarkt einkaufen gehe.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1285191_image" /></div> <BR />Viel kaufen die beiden aber nie ein. Hauptsächlich Reis, Salz und Kaffee. Alles andere beziehen sie aus den Gärten und Äckern ihres Grundstücks.<BR /><BR />„Wir bereiten unsere Tees selbst zu – aus getrockneten Löwenzahnwurzeln, Wiesenkräutern oder frischen Himbeertrieben – , verkochen unser Wildgemüse, rühren Rührei oder braten Spiegeleier mit den Eiern unserer Hühner und Enten, kochen Breie aus Roggen und Mais von unserem Acker und bereiten die hauseigenen Erdäpfel auf vielfältige Weise zu“, erzählt Irene, die „Hube“ vor über 20 Jahren kennen und lieben gelernt hat und ihn heute mit großer Freude kulinarisch verwöhnt.<h3> Irene stärkt ihrem „Hube“ den Rücken und packt mit an</h3>Die gebürtige Boznerin, die in ei<?TrVer> ner Wohnung in der Landeshauptstadt aufgewachsen ist, schätzt das einfache, bewusste Leben, das sie mit „Hube“ führt, sehr. Sie ist es auch, die ihm mit stiller Selbstverständlichkeit den Rücken stärkt, überall am Hof mit anpackt und dem einfachen Leben noch mehr Herzenswärme verleiht – etwa mit ihren selbst gestrickten Kleidern und den aus eigener Hand geschaffenen Dekorationen aus Filz und anderen Naturmaterialien, die dem bewohnten Grundstück Seele verleihen. „Ich tausche meine freie Lebenszeit gegen kein Geld der Welt mehr ein“, sagt sie. <BR /><BR /><h3> „Wenn mir heute jemand 1000 Euro schenken würde …“</h3>Es ist ein Leben, in dem Irene wenig besitzt – und gerade deshalb so viel hat: Zeit. Zeit für die Arbeit in und mit der Natur, Zeit mit ihrem „Hube“, „Zeit zum leben“, wie sie sagt.<BR /><BR />„Wenn mir heute jemand 1000 Euro schenken würde, wüsste ich nicht, wofür ich sie ausgeben sollte“, sagt Irene. Ihr Reichtum bemesse sich nicht an Münzen und Scheinen, sondern an gelebten Stunden. <BR /><BR />Und die findet sie bei „Hube“ in Steinegg – oder auch hoch oben über St. Gallen in der Schweiz, wo sie alljährlich im Sommer für einige Monate auf einer Alm Kü<?TrVer> he hüten geht.<BR /><BR /><h3> Ein Schritt zurück, um sich selbst zu finden</h3>Elmar „Hube“ Schroffenegger und Irene sind überzeugt, dass ihr Lebensentwurf immer mehr Menschen anziehen wird – und das, wie sie sagen, aus zwei Gründen. „Das moderne Leben entfremdet uns immer stärker von der Natur, von uns und von unserem Gegenüber“, erklärt „Hube“. Die Sehnsucht nach Einfachheit wachse, nach einem Alltag, der greifbar ist, nach Arbeit mit den Händen und nach echtem Miteinander. „Und dann ist da noch ein zweiter Aspekt“, ergänzt Irene nachdenklich: „Während sich die einen ganz bewusst für eine Lebensform wie die unsere entscheiden, werden andere zukünftig vielleicht aus purer Not diesen Weg einschlagen – weil sie sich eine Wohnung schlicht nicht mehr leisten können.“ <BR /><BR />Irene und „Hube“ jedenfalls haben darin ihre Erfüllung gefunden. Für sie ist es kein Verzicht, bloß ein Schritt zurück, um sich selbst wieder näherzukommen.