Freitag, 03. November 2017

Ein Mann ist sein Beruf - und was sonst noch?

Ernährer und Beschützer, Arbeiter und Häuslebauer, Vater und Familienmensch: Die klassische Rolle des Mannes ist immer noch wichtig, verliert aber an Bedeutung bzw. ändert sich. Am heutigen Freitag wird weltweit der Tag des Mannes begangen, bereits zum 18. Mal. Grund genug für ein Gespräch.

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Südtirol Online: Der Tag der Frau wird international am 8. März groß gefeiert. Wer weiß über den heutigen Tag des Mannes Bescheid?

Armin Bernhard, Referent bei der internationalen Männertagung im Haus der Familie: Ich denke, er ist nicht wirklich bekannt. Er existiert auch noch nicht so lange wie der Tag der Frau. Außerdem: Männlichkeit ist vielfach die Normalität und Weiblichkeit bewegt sich am Rand der gesellschaftlichen Diskussion. Einzelne Tage thematisieren ja nicht die Normalität sondern prekäre Situationen. Es geht um Themen, die der Aufmerksamkeit bedürfen.

STOL: Haben es die Männer also nicht nötig, sich hochleben zu lassen?

Bernhard: Es geht weniger darum, sich hochleben zu lassen, sondern um Aufmerksamkeit auf schwierige Situationen zu legen. Es besteht auch bei Männerthemen auf jeden Fälle Bedarf: Man kann eine Gesellschaft nicht weiterentwickeln, wenn man nur auf eine Seite schaut. Die Veränderung der Frauenrolle ist geknüpft an jene der Männerrolle. Wenn Männer mehr im erzieherischen Bereich aktiv sein sollen, müssen die Männer auch mehr Platz und Zeit dafür haben.

STOL: Welche Rolle nimmt der Mann heute ein: a) aus gesellschaftlicher Sicht? b) aus seiner eigenen Sicht? c) aus Frauensicht?

Bernhard: Männlichkeit ist gesellschaftlich mit der Berufsrolle verknüpft. Männer können sich nur eine Vollerwerbstätigkeit vorstellen, das geht auch aus der Männerstudie hervor. Erwerbstätigkeit ist ein Identitätsmerkmal. Wenn Männer sich begegnen – auch am Spielplatz - tauschen sie sich über die Arbeit aus. Arbeit ist identitätsstiftend. Und wenn die Arbeit prekärer wird, wird es schwieriger für Männer, sich ihre Identität zu sichern. Das führt heutzutage oft zu Schwierigkeiten. Was die Frauensicht betrifft, habe ich kein Studie bei der Hand, aber ich glaube, es ist ambivalent. Frauen wünschen sich einen Mann, der ein Stück weit weiblich ist und ein Stück männlich im traditionellen Sinne. Er soll weder Macho noch Softie sein, aber beides zugleich.

STOL: Männer und Familie: Wie zeigen sich die „neuen Väter“?

Bernhard: Männer wünschen sich mehr Zeit mit der Familie, Väter wünschen sich, ein anderes Rollenbild leben zu können. Es gibt einen großen gesellschaftlichen Wunsch nach Veränderung: Es gibt nämlich kein gleichwertiges anerkanntes Vaterbild, wie es das Mutterbild gibt. Doch wenn das erste Kind da ist, organisieren sich die meisten Partnerschaften im traditionellen Sinn. Bis zum Schluss erklären sich alle damit zufrieden, obwohl und eben weil es einfach dazu gekommen ist.

STOL: Männer und Gefühle: Das war immer schon schwierig … und ist es noch?

Bernhard: Ja und nein. Es stimmt sicher, dass sich Männer damit viel schwerer tun. Es wird ihnen von klein auf nicht so zugetragen, auch von Männervorbildern und weil Männer weniger präsent sind in der Erziehungsarbeit. Kleinen Buben wird mehr gelernt sich körperlich zu betätigen und nicht so sehr emotional. Es gibt aber immer mehr Männer, die mehr über Gefühle reden.

STOL: Männer und Hilfestellung – wie steht es um die Beratungsresistenz?

Bernhard: Wenn Männer Schwierigkeiten haben, tun sie sich schwerer Hilfe zu holen: sie wollen selbst Probleme beheben. Schon von der Entstehungsgeschichte her ist das Bild der Sozialdienste und Hilfeleistung weiblich. Frauen haben ihre Kompetenzen in dem Bereich zum Ausdruck gebracht. Auch Sozialberufe sind daher weiblich dominiert. Von Männern wird das auch als weibliches Feld gesehen - und wenige Männer sind darin beruflich tätig. Hilfesuchende Männer kommen mit den Diensten eher als Vater, als Familie in Kontakt. In eigenen Krisensituationen ist die Männerberatungsstelle aktiv. Aber Männer tun sich schwer, sich einzugestehen, dass sie Hilfe nötig haben. Und das ist der erste Schritt. Wenn Männer in der Partnerschaft über Probleme reden, dann reden sie zumeist über Probleme im Beruf. Nach innen zu spüren ist etwas, da man lernen muss.

STOL: Männern und Macht: Trotz aller Bemühungen bleiben Spitzenjobs männerdominiert… die Bildung und Erziehung, Familienarbeit Frauensache

Bernhard: Meine Wahrnehmung ist die, dass es sich früher ganz stark überschnitten hat. Mittlerweile sind wir in der Situation, dass wir in einem Gesellschaftssystem leben, das sich der Menschen bemächtigt. Sprich: Macht ist nicht an ein Geschlecht gekoppelt, sondern an die Art des Handels, des Wirtschaftens. Männer sind schlussendlich Opfer des Systems, das sich alles zu Nutzen macht. Die meisten Männer fühlen sich getrieben. Und: Frauen in Machtpositionen handeln gleich wie die Männer.

STOL: Ein Blick in die Zukunft, wenn wir unsere Mädchen zu emanzipierte Frauen und die Männer zu gutmütigen Frauenverstehern erziehen....?

Bernhard: Ich würde sagen, das ist nicht das Problem, das sich sehe. Die Gesellschaft erfordert viel mehr, dass alle stark sind. Ein Stück weit der Versuch, Jungs sensibel zu erziehen steht in Konfrontation zu dem Konkurrenzkampf, der Botschaft immer stark zu sein. Die Bildungsangebote boomen: Starke Mädchen, starke Buben, starke Familien.

STOL: Was erhoffen Sie sich – zum Tag des Mannes - für das männliche Geschlecht?

Bernhard: Einerseits geht es mir darum, eine Unterstützung für die Männer zu sein, dass sie Krisensituationen leichter bewältigen können. Gesellschaftlich hoffe ich, dass andere Rollen anerkannt werden und dass diese auch gelebt werden können. Männer in Südtirol sind inklusive Fahrzeiten 47 Stunden pro Woche im Dienste des Berufes unterwegs. Wir leben in Zeiten, wo auch Frauen das leisten sollten. Gesellschaftlich steuern wir also auf den Abgrund zu. Umso wichtiger ist die Frage, welche anderen gesellschaftsfähige Modelle möglich sind. Denn viele – nicht nur junge Väter - sind bereit andere Weg zu gehen.

Interview: Petra Kerschbaumer

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Anlässlich des internationalen Tages des Mannes organisiert das Haus der Familie in Lichtenstern am Ritten am 9. November 2017 eine internationale Männertagung zum Thema "Männer – irgendwie anders".

stol