Nach Monaten des Lockdowns und der Maskenpflicht wieder ins Restaurant, ins Kino oder zur Chorprobe: „Endlich!“, denken die meisten. Mancher Ungeimpfte hat trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein mulmiges Gefühl dabei, die Maske – etwa beim Essen oder Singen – abzunehmen, selbst mit negativem Coronatest. Ein Mundspray aus Nordtirol verspricht nun gerade für solche Situationen zusätzlichen Schutz. <BR /><BR /><BR /><BR />Natriumhypochlorit ist ein Wirkstoff, der Coronaviren im Mund- und Rachenraum eliminieren kann: Schon eine geringe Menge des Mundsprays, 3 oder 5 Stöße aus dem Fläschchen, desinfizieren alles, was sie benetzen – und zerfallen dann im Mund in Wasser und Salz. „Völlig unbedenklich“, versprechen die Hersteller. „Und wirksam“, attestiert auch die Universität Innsbruck <i>(das Interview mit Dr. Wilfried Posch vom Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck lesen Sie weiter unten)</i>.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="641981_image" /></div> <BR /><BR />„Der Spray ist für Komapatienten entwickelt worden: Der Wirkstoff wird mit einem Elektrolyseverfahren aus Wasser und Salz hergestellt. Er wird schon seit Jahrzehnten in der Zahnmedizin verwendet, er ist nicht neu. Die weißen Blutkörperchen in unserem Körper stellen diesen Wirkstoff ebenfalls her – er ist also sehr verträglich“, erklärt Michael Forster, Geschäftsführer des Unternehmens Ökopur mit Sitz in Hall in Tirol. „Salopur MSP“, so der Name des Sprays, ist in der gesamten EU als Kosmetikprodukt zugelassen, auch für Kinder ab 6 Jahren. „Der Wirkstoff ist hypochlorige Säure – klingt gefährlich, ist es aber nicht“, sagt Forster. „In der Zahnmedizin wird Natriumhypochlorit in 40- bis 60-prozentiger Konzentration eingesetzt, um zum Beispiel Wurzelkanäle zu desinfizieren. Unser Spray hat eine Konzentration von nur 0,02 Prozent. Darum ist er komplett ungefährlich. Wir haben in den 4 Jahren, seitdem wir mit dem Wirkstoff arbeiten, noch nicht eine Rückmeldung einer Unverträglichkeit erhalten. Allerdings raten wir Personen, die unter einer Chlor-Allergie leiden, davon ab, den Spray zu benutzen – nicht, weil er schadet, sondern weil wir einen Schaden in dem Fall nicht ausschließen können.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="641984_image" /></div> <BR /><BR />Und so funktioniert der Spray: Wer ihn sich in den Mund sprüht, kann damit innerhalb von einer Minute den Großteil der Viren neutralisieren, die sich möglicherweise auf den Schleimhäuten im Rachenraum befinden. „Nach diesem Vorgang ist der Wirkstoff verbraucht. Er zerfällt in Wasser und Salz. Das ist alles, was übrig bleibt – zusammen mit etwas Eukalyptusöl für den besseren Geschmack“, erklärt Forster. Eine Depotwirkung hat der Spray darum nicht: „Man kann sich also nicht sich im Voraus für die nächsten 5 Stunden schützen. Wenn ich regelmäßig, zum Beispiel im Ein-Stunden-Takt, sprühe, dann ist die Wahrscheinlichkeit, mich zu infizieren, aber schon sehr gering.“ Er selbst nutze den Spray nach jedem Kontakt mit anderen Personen. „Ich verwende ihn seit 4 Jahren und hatte in der Zeit keine Erkältungskrankheit mehr.“<BR /><BR />Auch für Menschen, die bereits infektiös sind, sei der Mundspray eine Option: „Es gibt eine Studie der Uni in Bochum, die zeigt: Durch Gurgeln mit antibakteriellen Mundwässern, wie unser Produkt es ist, wird der Keimdruck im Rachen so weit gesenkt, dass man 30 bis 60 Minuten keine Viren ausscheidet.“ Wichtig ist ihm zu betonen: „Der Spray ist kein Heilmittel. Wir können Corona nicht damit heilen. Wir können unterstützen und wir können als zusätzliche Prävention sehr viel Positives bewirken.“ Angenehmer Nebeneffekt: Da der Spray auch Bakterien abtötet, beugt er Zahnstein und Mundgeruch vor.<BR /><BR />Der Erfolg gibt den Tiroler Unternehmern jedenfalls recht: „Wir sind von Anfragen überrollt worden. Seit den ersten Medienberichten vor etwas mehr als einer Woche haben wir zigtausend Flaschen über den Online-Shop abgesetzt.“ Nachschubprobleme hat Forster dennoch nicht: „Wir sind in der Lage, 30.000 bis 40.000 100-Milliliter-Flaschen pro Stunde zu produzieren.“ Bisher ist Salopur MSP für Südtiroler nur online erhältlich. Bald sollen die Fläschchen aber auch in Apotheken und im Fachhandel zu finden sein.<BR /><BR /><BR /><b>Universität Innsbruck hat die Wirksamkeit untersucht</b><BR /><BR />Das Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck hat unter der Federführung von Privatdozent Dr. Wilfried Posch mehrere desinfizierende Mundsprays untersucht – auch Salopur. Im Interview erklärt Dr. Posch, zu welchen Ergebnissen die Forscher gelangt sind.<BR /><BR /><b>Mundsprays als Mittel gegen Coronaviren: Eine gute Idee?</b><BR />Dr. Wilfried Posch: Man glaubt, dass man das Infektionsgeschehen eindämmen kann, indem man Sprays dort anwendet, wo man die Maske ablegt. So könnte man das Risiko, sich zu infizieren, reduzieren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-48986610_quote" /><BR /><BR /><b>Wie funktioniert das?</b><BR />Dr. Posch: Wir haben unterschiedliche Mundsprays und Mundspüllösungen getestet. Ein Produkt, das in den Apotheken seit mehreren Jahren erhältlich ist, arbeitet mit Glycerin und Trypsin: Das sind Bestandteile, die Proteine auf der Virusoberfläche abbauen können. Dadurch wird die Bindung des Viruspartikels an die Wirtszelle unterdrückt und es kann keine Infektion entstehen. Es gibt aber auch andere Wirkstoffe. Der Tiroler Mundspray funktioniert mit hypochloriger Säure. Das Ziel aller Präparate ist, Bakterien oder Viren so zu schwächen, dass sie den Menschen nicht infizieren können.<BR /><BR /><b>Kann man sich darauf verlassen, dass die Mittel wirken?</b><BR />Dr. Posch: Unsere Laborergebnisse kann man natürlich nicht 1 zu 1 auf die klinische Anwendbarkeit umsetzen. Es sind auf jeden Fall klinische Studien mit Probanden notwendig. Wir können aber sagen, dass die Mittel zumindest theoretisch funktionieren. Die Wirkstoffe können die Viren angreifen und damit die Infektiosität reduzieren. Im Fall der Tiroler Mundspüllösung haben wir gesehen, dass sie in der höchsten Konzentration, die wir getestet haben, mit einer Einwirkzeit von einer Minute, die Infektion unterdrücken kann. Wenn man sich die Lösung in den Mund sprüht, wird sie aber natürlich noch durch Speichel oder andere Körperflüssigkeiten verdünnt. Daher haben wir auch in der Zellkulturschale noch geringere Verdünnungen des Mundsprays getestet und haben hier auch noch eine Reduktion der Infektiosität gesehen. Offen ist, wie oft man sprayen muss, oder wie es wirkt, wenn man zwischendurch etwas isst oder trinkt. Wir versuchen, diese offenen Fragen durch weitere Untersuchungen zu klären.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="641987_image" /></div> <div class="img-embed"><embed id="641990_image" /></div> <BR /><div class="img-embed"><embed id="641993_image" /></div> <BR /><BR /><b>Für wen ist der Spray gedacht?</b><BR />Dr. Posch: Gedacht sind diese Sprays als Prophylaxe: zum Schutz vor einer Infektion für den gesunden Menschen. 2 bis 3 Stöße in den Rachen oder in die Nase, je nach Produkt, sind vorgesehen. Der Anwender sollte dann geschützt sein. Wenn jemand diese Sprays anwendet, der bereits Viren auf seiner Schleimhaut hat, kann es auch sein, dass die Viruslast durch das Mittel reduziert wird und man damit eine Infektion abfangen kann. Für diejenigen, die bereits infiziert oder krank sind, sind diese Sprays nicht gedacht. <BR /><BR /><b>Könnten die Wirkstoffe auch als Medikament für Covid-19-Patienten genutzt werden?</b><BR />Dr. Posch: Es gibt Studien zur Inhalation solcher Wirkstoffe: Das wäre eine Option für die Therapie von Erkrankten. Die Hoffnung ist, kritische Verläufe noch vermeiden zu können – auch bei Patienten, die bereits im Krankenhaus behandelt werden. Die Medikamente greifen die Oberfläche der Viren an. Das Zerstören der viralen Oberfläche führt dazu, dass das Virus keine Wirtszelle mehr infizieren kann. Es kann auch sein, dass die Substanzen eine Bindung des Virus an die Wirtszellen verhindern und somit eine Barriere bilden. Das hängt von der Zusammensetzung der jeweiligen Sprays ab.<BR /><BR /><b>Gesundheitlich bedenklich sind diese Wirkstoffe aber nicht?</b><BR />Dr. Posch: Nein. Die meisten kommen im Körper sogar natürlich vor. Sie werden von Immunzellen gebildet. <BR /><BR /><b>Warum spielen Mundspülungen bisher in der Pandemiebekämpfung kaum eine Rolle?</b><BR />Dr. Posch: Das ist eine gute Frage, die ich Ihnen auch nicht beantworten kann. Mit Sicherheit ist das Tragen einer Schutzmaske effektiver. Durch die Masken wurden die Tröpfcheninfektionen stark eingeschränkt, sodass man geglaubt hat, dass diese Sprays nicht unbedingt erforderlich sind. Wenn man aber die Maske abnimmt, hat man gar keinen Schutz mehr – zum Beispiel in Gaststätten. Dort wären Sprays ein guter Schutz. Es ist schwierig zu untersuchen, wie lange die Mittel wirken, wenn man etwas isst oder trinkt. Wir können solche Szenarien mithilfe unseres 3-dimensionalen Lungenmodells nachstellen. Damit können wir auch zeigen, wie eine Infektion abläuft. Wir haben aber noch nicht alle Möglichkeiten durchgespielt.<BR /><BR /><b>Solche Sprays wären auch für andere Infektionskrankheiten eine Lösung?</b><BR />Dr. Posch: Genau – alle Atemwegsinfektionen, Influenza, Erkältungskrankheiten, auch bakterielle, kann man dahingehend untersuchen. <BR /><BR /><b>Würden Mundspülungen mit Alkohol oder Pflanzenextrakten ebenso desinfizierend wirken wie die von Ihnen getesteten Sprays?</b><BR />Dr. Posch: Alkohol bräuchte es in relativ hoher Konzentrationen – 60- oder 70-prozentige Lösungen – um eine Wirkung zu erzielen. Das brennt und ist deshalb nicht ideal für den Mundraum Auch Pflanzenextrakte können desinfizierend wirken, wurden aber teilweise erst auf ihre Wirkung gegen Bakterien untersucht. Ob Pflanzenextrakte desinfizierend gegen Viren, im Speziellen auch SARS-CoV-2 wirken, muss erst untersucht werden. <BR />