Sr. Gudrun bekleidet als erste Frau das Amt einer Spiritualin am Vinzentinum in Brixen. Dies sei ein großes Signal für viele Schülerinnen, sagt sie. <BR /><BR /><b>Sr. Gudrun, empfinden Sie Ihre Ernennung als erste Frau für das Amt als historisches Ereignis?</b><BR />Sr. Gudrun Leitgeb: Am Anfang hatte ich überhaupt nicht den Eindruck, weil ich eher an praktische Sachen dachte. Ein Spiritual liest normalerweise Messen und hält Beichten. Dann fragte ich mich: Was tut eine Spiritualin? Deshalb lag am Anfang die Konzentration auf den praktischen Unterschieden. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es ein historischer Moment sein könnte. Erst durch das Medieninteresse wurde mir klar, dass es eine größere Sache ist. Ist es ja auch. Es ist ein Signal nach außen und auch nach innen, vor allem für die Schülerinnen.<BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Sr. Gudrun: Einige Schülerinnen sagten mir im Frühling: „In diesem Hause ändert sich sowieso nichts – wie in der Kirche“ . Das stimmt zwar nicht, doch sie haben es so wahrgenommen. Für diese Schülerinnen ist die Ernennung ein sichtbares Signal, dass sich doch etwas ändert. Es bleibt nicht immer alles gleich.<BR /><BR /><b>Welche Aufgaben haben Sie als Spiritualin?</b><BR />Sr. Gudrun: Ich sehe 2 große Bereiche: die Koordination und Organisation der spirituellen Angebote sowie die Begleitung der Leute im Haus. Ich bin Ansprechperson für alle im Haus, die aus irgendeinem Grund meine Zeit brauchen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="984685_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welchen Herausforderungen müssen Sie sich stellen?</b><BR />Sr. Gudrun: Ganz vielen Herausforderungen, weil für mich alles neu ist. Bisher musste ich mir ganz oft die Frage stellen: Welche Tradition wollen wir weiterführen oder wo nutzen wir die Gelegenheit, etwas zu ändern? Der Wechsel einer Person in einem Amt bringt oft die Gelegenheit, dass man etwas leichter ändert. <BR /><BR /><b>Am Vinzentinum sind Kinder und Jugendliche von der ersten Klasse Mittelschule bis zur Maturaklasse. Wie nimmt diese Gruppe religiöse Impulse auf?</b><BR />Sr. Gudrun: Je älter die Jugendlichen sind, desto wichtiger ist es, mehrere Angebote zu organisieren. Wir bieten in der Oberschule nicht mehr ein fixes Angebot, zu dem alle kommen müssen, sondern Wahlmöglichkeiten. 3 oder 4 stehen zur Auswahl. Jede eigene Entscheidung gibt mir selbst Verantwortung. Es gibt Leute, die mit Meditation nichts anfangen können, anderen sind Messen zu textlastig. Je mehr Jugendliche selbst mitentscheiden können, desto spannender wird es. Vor allem in den höheren Klassen wird viel diskutiert, ob man jemanden verpflichten kann, die Messe zu besuchen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62990802_quote" /><BR /><BR /><b>Kann man das?</b><BR />Sr. Gudrun: Natürlich kann man niemanden zu einem Sakrament verpflichten. Aber man kann jemanden durchaus in einem Heim einer Schule mit katholischen Ausrichtung verpflichten, spirituelle Angebote auszuprobieren. <BR /><BR /><b>Welche Angebote kommen besonders gut an?</b><BR />Sr. Gudrun: Vor allem bei den Größeren kommt die Stille gut an. Wir haben alle 2 Woche Anbetung. Ich bezweifle, ob es allen Schülern dabei nur um die Anbetung des Allerheiligsten geht. Bei diesem Angebot in der abgedunkelten Kapelle gibt es nicht wieder Text-Input, sondern Stille. Das ist am Anfang gar nicht so einfach zum Aushalten. Aber Jugendliche fragen mittlerweile sogar danach. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="984688_image" /></div> <BR /><b>Haben Sie auch Tipps für Eltern, wie sie Jugendlichen Religion in der Familie näher bringen können?</b><BR />Sr. Gudrun: Wir merken, dass das Vorleben sehr viel ausmacht – auch hier im Haus. Es fällt Schülern auf, ob bei einer Andacht die Erwachsenen im Haus dabei sind oder nicht. Man muss auch nicht den Idealchristen vorleben, aber wenn ich mir erwarte, dass mein Kind Glaube lebt und ich selbst stehe diesem gleichgültig gegenüber, funktioniert es nicht. Eltern sollten auch bereit sein, zu reden und zu diskutieren. Jugendliche wollen Grenzen austesten, ihren Kopf durchsetzen und sie brauchen auch ihre Freiheiten. Es ist auch nicht gut, wenn man sich mit dem Kinderglauben nicht auseinandersetzt und ihn gar nicht hinterfragt. Dieser Prozess hilft nämlich, um im Leben zu einem Glauben zu kommen, der stabil ist und wirklich weiter helfen kann. <h3> ZUR PERSON</h3>Die 1987 geborene und aus Antholz stammende Sr. Gudrun Leitgeb ist 2013 bei den Tertiarschwestern eingetreten, 2022 legte sie die ewige Profess ab. Nach der Matura am klassischen Gymnasium in Bruneck studierte sie Übersetzen und Dolmetschen in Innsbruck. <BR /><BR />Bei einem anschließenden Lehrgang für Netzwerktechnik in den Räumen der Tertiarschwestern kam sie in Berührung mit dem Kloster. 2023 schloss sie das Masterstudium Angewandte Sprachwissenschaften in Brixen ab.<BR /><BR />