Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen sind auffällig, die Hälfte davon muss therapeutisch behandelt werden. Das wurde bei einem Ärzte-Kongress in Brixen bekannt.<BR /><BR />300 Ärzte haben sich in Brixen bei einem Symposion mit Therapiemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche sowie für deren Familie auseinander gesetzt. Die Ärztliche Akademie für Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen organisierte die Tagung mit dem Titel „Psychodynamische Psychotherapie heute – Methodenvielfalt und Behandlungstechnik.“ Der Leiter Manfred Endres berichtet in einem Gespräch aus der Praxis mit auffälligen Kindern und Jugendlichen.<BR /><BR /><Fett>Herr Dr. Endres, welche Kinder und Jugendliche bedürfen einer Therapie?</Fett><BR />Dr. Manfred Endres: Studien in Deutschland haben gezeigt, dass sich rund 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Laufe ihrer Kindheit und der Adoleszenz - auffällig entwickeln. Davon ist rund die Hälfte behandlungsbedürftig. Sie brauchen eine Psychotherapie und einen Therapeuten bzw. Therapeutin, die mit ihnen in einer therapeutischen Beziehung über Monate oder auch Jahre Entwicklungsdefizite aufarbeitet.<BR /><BR /><Fett>Was verstehen Sie unter „auffällig entwickeln“?</Fett><BR />Dr. Endres: Auffällig bedeutet für mich, wenn Kinder und Jugendliche psychische oder körperliche Auffälligkeiten entwickeln. Dazu zählen suizidale Gedanken, exzessiver Drogen- oder Alkoholkonsum, sozialer Rückzug, psychosomatische Symptome. Kinder und Jugendliche verhalten sich aber unterschiedlich.<BR /><h3> Depressionen bei Jugendlichen, Verhaltensstörungen bei Kindern</h3><BR /><BR /><Fett>Inwiefern?</Fett><BR />Dr. Endres: Während bei Jugendlichen mehr Angstzustände oder Depressionen zu beobachten sind, zeigen Kinder häufiger Auffälligkeiten, wie Verhaltensstörungen oder Schulverweigerung oder aber körperliche Symptome wie Einnässen, Einkoten, Magen-, Darmstörungen, Asthma oder Essstörungen. Depressionen sind bei Kindern seltener bzw. schwerer zu erkennen.<BR /><BR /><Fett>Unterscheiden sich Mädchen und Buben?</Fett><BR />Dr. Endres: Ja, sehr. Jungs zeigen ihre seelischen Probleme häufig durch externalisierendes Verhalten, beispielsweise durch aggressives Verhalten, Mädchen tragen ihre Probleme mehr im Inneren aus und zeigen Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten.<BR /><BR /><Fett>Wie können Eltern unterscheiden, ob es sich um eine Auffälligkeit oder nur eine vorübergehende pubertäre Niedergeschlagenheit ihrer Tochter oder ihres Sohnes handelt?</Fett><BR />Dr. Endres: Eltern müssen mit den Jugendlichen reden und beobachten, ob sich ihr Sohn oder ihre Tochter zurückzieht, keine Kontakte mehr pflegt, Alkohol oder Drogen konsumiert oder das Zimmer nicht mehr verlässt. Auch Schulen und Erziehungsberatungsstellen sind gefordert, zu beobachten und mit Kindern und Jugendlichen Kontakt aufzunehmen. <BR /><h3> Gewaltbereitschaft nimmt ab</h3><Fett>In Südtirol lassen immer wieder Gewaltausbrüche von Jugendgruppen aufhorchen. Was sagen Sie dazu?</Fett><BR />Dr. Endres: In Deutschland sehen wir, dass die Gewaltbereitschaft, Kriminalität und Aggressivität bei Jugendlichen zurückging. Viele Jugendgefängnisse konnten schließen, weil sie nicht mehr gebraucht wurden. Wir führen das darauf zurück, dass weniger Jugendliche Gewalt in ihren Familien erfahren. Wer geschlagen wird, schlägt weiter. Wer keine Gewalt erfährt, ist ruhiger. Hier bemerken wir eine sehr positive Entwicklung. Die Ursachen der aktuellen Gewaltausbrüche von Jugendlichen, die wir auch in Deutschland beobachten, kennen wir noch nicht.<BR /><BR /><Fett>Trotzdem sind ein Viertel der Kinder und Jugendlichen auffällig. Dabei wachsen sie in Europa in einer Wohlstandsgesellschaft auf. Die Kriegsgeneration ist mit Gewalt aufgewachsen. Wäre Sie nicht schlimmer dran gewesen?</Fett><BR />Dr. Endres: Die Kriegsgeneration wäre sicherlich genauso behandlungsbedürftig gewesen. Nur gab es damals keine Behandlungsmöglichkeiten für kriegstraumatisierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Nun müssen wir uns den Auswirkungen der Pandemie stellen, in der die Jugendlichen in den Familien eingesperrt waren und kaum soziale Kontakte hatten.<h3> Mehr Therapieangebot notwendig</h3><BR /><Fett>Macht sich das bemerkbar?</Fett><BR />Dr. Endres: Ja, wir haben einen Anstieg an therapiebedürftigen Kindern und Jugendlichen. Hier werden wir noch mehr Therapieangebote machen müssen. <BR /><BR /><Fett>Bei den Vorträgen wird auch über Familientherapien gesprochen. Müssen Eltern und Geschwister auch behandelt werden?</Fett><BR />Dr. Endres: In besonderen Situationen, vor allem wenn die seelischen Probleme der Kinder durch psychische Erkrankungen eines Elternteils verursacht werden, ist es sinnvoll die ganze Familie im Rahmen einer Familientherapie zu behandeln. So kann dann der ganzen Familie geholfen werden.<BR />