Mittwoch, 09. März 2016

Ein vorprogrammiertes Chaos und die Frage nach dem Warum

Was für ein Chaos am Grödnerjoch: Bei widrigen Wetterverhältnissen ist die Passstraße im Winter für gewöhnlich geschlossen, nicht so am vergangenen Samstag - trotz starkem Schneetreiben und extremen Windböen. Da kam es noch vor der Sperre zu einem absoluten Verkehrschaos (siehe Video). Warum? Ein Grödner, der noch nie dergleichen erlebt hat, weiß um Ursache und Wirkung.

Teils nebeneinander kamen die Fahrzeuge auf der eh schon schmalen Passstraße zum Grödnerjoch zum Stehen.
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Teils nebeneinander kamen die Fahrzeuge auf der eh schon schmalen Passstraße zum Grödnerjoch zum Stehen.

Was war das auch für ein Verkehrschaos - und gefährlich obendrein. Das Video belegt die brenzliche und teils ausweglose Situation der Autofahrer auf der Straße zum Grödnerjoch. So viel Unvernunft einiger und Unvermögen anderer lässt STOL den Ursachen auf den Grund gehen. Ein Autofahrer berichtet von seinen Erlebnissen. 

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Südtirol Online: Sie wollten also an besagtem Samstag übers Grödnerjoch fahren. War es denn trotz Schneetreibens den ganzen Tag über offen?
Da es Samstagmittag bereits stark schneite und der Pass noch offen war, habe ich bei der Verkehrsmeldezentrale Südtirol (VMZ) nachgefragt, ob das Grödnerjoch voraussichtlich geschlossen würde. Man teilte mir mit, dass dies um 16 Uhr geschehen würde. Kurz vor 15 Uhr bin ich dann noch gestartet.

STOL: Auf Südtirols Straßen herrscht Winterausrüstungspflicht. Wurden Sie nirgends kontrolliert oder angehalten?
Bei der ersten Kehre stand ein Auto der Carabinieri. Da diese aber im Auto saßen, konnten sie wegen des starken Schneefalls höchstwahrscheinlich nicht erkennen, wer mit welchen Reifen fuhr bzw. Schneeketten an Bord hatte.
Schon nach wenigen hundert Metern überholte ich mit meinem 4x4 die ersten, stehengebliebenen Fahrzeuge, die Ketten montieren mussten.

STOL: Wie waren die Fahrbahnverhältnisse zu der Zeit?
Auffallend war, dass die Straße - speziell oberhalb des Chalets Gerard (unweit nach der Abzweigung zum Grödnerjoch) - anscheinend schon längere Zeit nicht vom Schnee geräumt worden war. Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass man wusste, dass die Straße um 16 Uhr gesperrt würde.

STOL: Wie weit kamen Sie und wie war die Lage vor Ort?
Kurz vor dem Pass, zirka 300 Meter unterhalb der Sperrschranke, gab es Kolonnenverkehr, nichts ging mehr, vor und hinter mir stauten sich die Autos.

STOL: Wie haben Sie reagiert?
Da ich Verkehrsmelder bin, rief ich gleich in der Verkehrsmeldezentrale an, um den Stau mitzuteilen. Man versicherte mir, dass der Straßendienst schon unterwegs sei, da der Stau schon gemeldet wurde.
Ich stand zirka 30 Minuten, ging währenddessen auch zu Fuß Richtung Staubeginn, wo sich einige Autos befanden, die keine Ketten hatten und nicht mehr weiterkamen.

STOL: ..und nichts geschah?
Nach einer halben Stunde rief ich nochmals bei der VMZ an, abermals versicherte man mir, dass der Straßendienst informiert worden sei. Fakt war aber, dass noch niemand vor Ort war.
Die Zeit verging und zusammen mit anderen Autofahrern versuchten wir die ersten Autos, die keine Ketten hatten, voranzuschieben, oder wenn es wirklich nicht ging, diese wenigstens auf die Fahrbahnseite zu schieben, damit eventuell andere vorbei kämen.

STOL: Trotz mehrfacher Meldung ist also keine Hilfe eingetroffen. Wie angespannt war da die Situation vor Ort?
Ich stand zirka eine Stunde im Stau, es kam keine Hilfe. Einige Autofahrer wurden nervös, sie schrien sich gegenseitig an. Da es schon ein wenig dämmerte, stark schneite und der Wind und das Schneetreiben sehr stark waren, wurden einige Autofahrer nervös. Sie versuchten zu überholen, kamen aber nicht weit - und so standen nach wenigen Minuten Autos in doppelt in der Spur.

STOL: Nichts geht mehr – was tut man dann angesichts dieser Verhältnisse?
Einige wollten umkehren, es verbreitete sich das Gerücht, die Schranke zum Pass sei schon geschlossen worden, da es ja schon nach 16 Uhr war. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen. Dies Option über den Pass zu kommen, hatten wir Autofahrer anscheinend nicht mehr. Das Chaos war komplett!
Ich rief nochmals in der VMZ an, dort sagte man mir, der Straßendienst sei vor Ort. Leider kam aber auch dieser nicht weiter, da er von Wolkenstein kommend am Ende des Staus hing.

STOL: Sie hätten aber auch für diese Situation eine Lösung gefunden …
Ich versuchte, die sehr nette und hilfsbereite Dame der VMZ zu überzeugen, dass sie die Feuerwehr von Corvara anrufen solle. Diese müssten von Kolfuschg hochkommen und somit den Anfang des Staus erreichen und die ersten Autos hochziehen. Sie sagte mir aber, dass sie das nicht könne, sie sei nicht befugt dies zu koordinieren und können nur den Straßendienst informieren.
Wir versuchten also weiterhin die ersten Autos zu anzuschieben. Da die Straße vor uns bis zum Pass aber eingeschneit war, war dies ein unmögliches Unterfangen.

STOL: Es gab aber noch andere Retter in der Not?
Ja. Wir standen zirka 1,5 Stunden im Stau, und dieser Stau hätte noch länger angedauert, wäre uns vom Grödnerjoch nicht Artur Mangutsch mit Sohn zu Hilfe geeilt. Sie verteilten Schneeketten und halfen die Autos aus den Schneemassen zu befreien. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

STOL: Worin sehen Sie den Anfang allen Übels?
Die Straße vom Pass Richtung Kolfuschg - sprich auf der Gadertaler Seite - war sehr gut geräumt. Ich wurde darüber informiert, dass der Straßendienst immer nur bis zur Passhöhe fährt und dann bei der Schranke dreht. Wären diese Mitarbeiter 200 Meter weiter Richtung Gröden gefahren und hätten sie die Straße bis zum Staubeginn geräumt, dann wäre dieses Problem schon viel früher gelöst worden.

STOL: Der Straßendienst kann aber nichts für all die unausgerüsteten Wagen und unerfahrenen Autofahrer …
Diese ganze Situation ist mit großer Wahrscheinlichkeit vielen unvorsichtigen Autofahrern und Touristen, die ohne Ketten und ohne 4x4 unterwegs waren, zurückzuführen.
Kontrollen im Tal könnten sicher dazu beitragen, dass dies nicht mehr passiert. SO hat etwa die Freiwillige Feuerwehr Welschnofen am Samstag genau dies am Karerpass gemacht. Auch eine bessere Koordinierung zwischen den Straßendiensten der zwei Talschaften wäre positiv und könnte viele Probleme lösen.

STOL: Stellt sich zum Schluss die Frage - warum war das Grödnerjoch bei diesen Wetter – und Straßenverhältnissen überhaupt für den Verkehr geöffnet?
Tja. Warum wurde der Pass überhaupt geöffnet bzw. nicht viel früher gesperrt? Immerhin wusste man doch, dass gerade am Samstag fast ausschließlich unvorbereitete Touristen diesen benutzen werden. Nicht zu denken wenn was Schlimmes passiert wäre.
Und um nach Alta Badia zu kommen gibt es mittlerweile eine fast neue Straße übers Pustertal, die in solchen Situationen für mehr Sicherheit sorgen würde.

Interview: Patrick Stuflesser

stol