Dienstag, 07. August 2018

Eine Broschüre und der Zorn der Ärzte

Südtirols Hausärzte, Spitalsärzte und Primare sind auf den Barrikaden. Grund ist der von der Volksanwaltschaft jüngst herausgegebene „Ratgeber und Informationsbroschüre“ zum Thema „Wurde ich richtig behandelt“.

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Die am vergangenen Dienstag vorgestellte Broschüre enthält Ratschläge und Vorschläge, wie nach einem Zwischenfall kommuniziert werden sollte und welche Schritte zu setzen sind (STOL hat berichtet).

„Leider gibt es bei vielen Bürgern wenig Wissen in diesem Bereich. Welche Rechte habe ich, was ist überhaupt ein Schaden, und was kann ich dann tun?“, erklärte Volksanwältin Gabriele Morandell bei der Vorstellung der Informationsbroschüre im Landtag.

„In der Informationsbroschüre für Patienten sind alle Informationen zu den rechtlichen Möglichkeiten für Patienten und Patientinnen bei Behandlungsfehlern erstmals gebündelt verfügbar, bisher musste man sie sich an vielen Stellen zusammensuchen.“

„Großer Kunstfehler der Volksanwaltschaft“

„Die Verteilung der Broschüre muss gestoppt werden und das Gesundheitsassessorat muss sich distanzieren, denn diese Broschüre ist – gelinde gesagt – ein großer Kunstfehler der Volksanwaltschaft“, sagt die Präsidentin der Ärztekammer, Dr. Monica Oberrauch.

Schon die Karikatur auf der Titelseite erzürnt die Ärzte. Darauf ist ein Patient im Krankenbett zu sehen, dem statt ein Arm ein Fuß angenäht worden ist – und daneben 2 ratlose Ärzte. „Diese Broschüre ist völlig unangebracht. Und überhaupt nicht sinnvoll, das Verhältnis Arzt-Patient zu verbessern. Ich kann mir beim besten Willen nicht ausmalen, was in den Köpfen dieser Leute los war, die sie erstellt haben. Wir verlangen, dass diese Broschüre nicht verteilt wird, sonst müssen wir rechtlich aktiv werden“, warnt Dr. Oberrauch. Sie sei „ein Schaden für den Patienten durch Defensivmedizin sprich zusätzliche Untersuchungen und ein Schaden für die Volkswirtschaft“.

„Karikatur ist Verunglimpfung des Berufsstandes“

Natürlich habe der Patient das Recht auf Information zu seinen Rechten, schickt Dr. Ivano Simioni , Chef der Ärztegewerkschaft BSK/VSK/AAROI/SIVEMP, voraus. „Aber allein diese Karikatur ist eine Verunglimpfung des Berufsstandes in einer offiziellen Broschüre. Auf Seite 13 wird der Patient aufgefordert, sich den Namen seines Bettnachbarn zu notieren, falls er ihn als Zeugen braucht.

Und ausgerechnet in Zeiten, in denen sich der Arbeitgeber Sanitätsbetrieb schwer tut, den Ärzten optimale Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, wird der Patient über diese Broschüre informiert, wie er den Arzt am besten anzeigt. „Wir sind erbost, dass der Sanitätsbetrieb, der riskierte, dass wir ohne Versicherung dastehen, an einer solchen Broschüre mitwirkt“, kritisiert Dr. Simioni.

Sanitätsbetrieb weiß von nichts

„Meines Wissens haben wir an dieser Broschüre nicht mitgewirkt“, entgegnet der Sanitätsdirektor des Sanitätsbetriebs, Dr. Thomas Lanthaler . Er sei selbst erstaunt gewesen, „als ich das Logo auf der Broschüre gesehen habe. Diese Broschüre wird sicher nicht überall aufgelegt, wenn dann nur im Amt für Bürgeranliegen“, so Dr. Lanthaler.

Dr. Guido Mazzoleni , Chef der Primargewerkschaft ANPO, begrüßt es, wenn Patienten über ihre Rechte aufgeklärt werden, „aber bei der Ausarbeitung der Broschüre, wurden keine Ärzte eingebunden, der Sanitätsdirektor wusste auch nichts davon“. Im Vorwort werde „der Patient fast schon eingeladen Anzeige zu erstatten und die Kinderillustration sind völlig deplaziert“, so Dr. Mazzoleni.

„Man muss jeweilige Bedürfnisse verstehen“

Volksanwältin Gabriele Morandell verteidigt indessen die Broschüre: „Ich beabsichtigte in keinster Weise, die Arbeit der Ärzte zu kritisieren oder schlecht zu machen; ganz im Gegenteil: Ich bin der Überzeugung, dass in Südtirol gute und tüchtige Ärzte tätig sind und ich habe in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht.“

„Meine Arbeit“ – so Morandell weiter – „besteht nicht darin, für die Patienten oder für die Ärzteschaft Partei zu ergreifen, sondern im Falle von Reklamationen beide Parteien zusammenzubringen, damit sie die Möglichkeit haben, über das Problem zu sprechen und die jeweiligen Bedürfnisse zu verstehen. Dies ist seit jeher das Hauptanliegen der Volksanwaltschaft, was auch zahlreiche Ärzte, Primare und Führungskräfte des Gesundheitswesens bestätigen können.“

„Wenn Frau Morandell dies so sieht, dann hätte sie uns bei der Ausarbeitung gleich einbinden können. Mündige Bürger spornen uns an, aber diese Broschüre stiftet dazu an, Zweifel an der Arbeit der Ärzte zu säen“, kritisiert FIMMG-Hausarzt-Gewerkschafter Dr. Domenico Bossio .

lu/D/stol

stol