Schwer zu sagen, was beim Fachsimpeln mit Hugo Götsch am meisten beeindruckt. Zunächst einmal imponiert seine ganz und gar spezielle Sammlung alter Fahrräder mit so einigen Unikaten.<BR /><BR />Dann gerät man ins Staunen ob seines fachspezifischen kulturgeschichtlichen Hintergrundwissens, ehe er ganz nebenbei einige Sätze von seinen Radwandertouren zum südlichsten Zipfel Italiens oder bis nach Barcelona fallenlässt. Und außerdem ist er berufsmäßig der Radbranche als Berater tätig. <BR /><BR />Somit hat sich der 63-jährige Brunecker dem Fahrrad wie kaum sonst ein Südtiroler verschrieben. „Ich war ein leidenschaftlicher Schwimmer, Skifahrer und Radfahrer, diese 3 Sportarten haben mich zeitlebens begleitet“, dreht er das Rad der Zeit etwas zurück und kommt auf den Anfang seiner Sammelleidenschaft zu sprechen: „Zufällig entdeckte ich in einem Brunecker Keller ein altes Steyr-Waffenrad mit eingeätzten Jugendstilornamenten. Und so hat sich nach und nach eben einiges ergeben.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1035300_image" /></div> <BR /><BR />Insgesamt haben sich in seinen Lagerräumen an die 200 Vintage-Räder angesammelt. Darunter Besonderheiten wie imposante Hochräder, merkwürdige Michaux-Kurbelräder oder ein prähistorisch anmutendes Laufrad, wie es im Technischen Museum von München ausgestellt ist. Letzteres wurde von 2 Pusterer Handwerkern originalgetreu nachgebaut. <h3>Radfahren als emanzipatorischer Akt</h3>Anhand seiner Modelle vermag Hugo Götsch einen Streifzug über 200 Jahre Kulturgeschichte des Fahrrades zu illustrieren – vom Vorläufermodell Draisine eines Karl von Drais Anfang des 19. Jahrhunderts über die automatisierten Fertigungsprozesse in den frühen 1920er-Jahren, als Radbesitzer jedoch eigene Steuern zu entrichten hatten und auf Straßen gar nicht gerne gesehen wurden, bis hin zum Radfahren als emanzipatorischen Akt. „Tatsächlich hat das Rad eine beachtliche Rolle für die Emanzipation der Frau gespielt. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs haben die Männer alles versucht, damit die Frau nur ja nicht aufs Rad steigt. Es zieme sich nicht, sei unhygienisch und mache unfruchtbar, lauteten die Einwände“, weiß Götsch zu berichten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1035303_image" /></div> <BR />Hochräder mit einem Raddurchmesser von 1,50 Meter oder gar noch mehr hatten um 1885 Hochkonjunktur, man durfte sich auf diesem stählernen Gefährt mit konkurrenzloser Kraftübersetzung wie ein Reiter hoch zu Ross fühlen. Allerdings fuhr das Risiko, dass man ungesichert vornüber fällt und an einem Genickbruch stirbt, immer mit. Die Antwort war das Safety Bike mit Diamantrahmen und Kettenübertragung. Es gilt als Vorläufer des modernen Fahrrades. <h3> Als die Milchfrau und der Kesselflicker mit dem Rad kamen</h3>Bei seinem Ausflug in längst vergangene Fahrradzeiten streift Götsch auch die Gattung der sogenannten Berufsräder: „Allein in Italien gab es 156 Typen von Berufsrädern – das Spektrum reichte von der Milchfrau über den Friseur und Fotografen bis hin zum Kesselflicker, die alle mit ihren speziell angepassten Rädern von Dorf zu Dorf gefahren sind, um ihre Dienstleistungen oder Waren feilzubieten.“ So war beispielsweise ein Seitental des Kanaltals für die Scherenschleifer bekannt, die in halb Oberitalien mit ihren eigens konzipierten, stabilen Rädern mitsamt Schleifstein eben von Dorf zu Dorf gefahren sind. Nebenbei kommt er auch auf die ersten Lastenräder zu sprechen – gerade solche Lastenräder erleben in urbanen Ballungsräumen wieder eine Renaissance. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1035306_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Bei all den Besonderheiten ist Hugo Götsch nicht jemand, der in der Nostalgie vergangener Zeiten schwelgt, vielmehr beschäftigen ihn heute die Herausforderungen einer zukunftsweisenden Mobilität. Natürlich spielt hierbei das Rad eine zentrale Rolle. <BR /><BR />Vor 4 Jahren hat sich der langjährige Uni-Dozent und ehemalige Studiengangleiter zusammen mit einigen Gleichgesinnten selbstständig gemacht und eine Denkfabrik für nachhaltige Mobilitätskonzepte mit dem Namen Kyklos aus der aus der Taufe gehoben. Hauptthemen sind Transformationsprozesse, Pilotprojekte und praktische Lösungen im Alltag. „Es gibt reichlich zu tun, da mittlerweile das Radfahren für die Alltagsmobilität breite Akzeptanz gefunden hat. Es gibt auch immer mehr Betriebe, die es ihren Mitarbeitern schmackhaft machen, weil es sich letzten Endes bezahlt macht: Wer täglich mit dem Rad zur Arbeit kommt, steigert sein Wohlbefinden lebt gesünder, was sich wiederum auf die Arbeitsleistung auswirkt. Radfahrende Mitarbeiter haben weniger krankheitsbedingte Fehltage im Jahr.“<h3> Radelnd von Bruneck nach Barcelona</h3>Es verwundert somit nicht, dass das Brunecker Rad-Faktotum Götsch auch selbst kaum etwas lieber tut, als kräftig in die Pedale zu treten. Radelnd die Landschaft erkunden, über mehrere Tage mit allen Sinnen und bei jeglichem Wetter die Kilometer herunterpedalieren – da komme man erst richtig in den Flow. <BR /><BR />Erst kürzlich war Götsch rund 1150 Kilometer von Verona quer durch Italien bis zur Südspitze Apuliens nach Santa Maria di Leuca geradelt. 8 Tage hat er für dieses Abenteuer benötigt. Im vergangenen Jahr hat er die Strecke von Bruneck bis nach Barcelona mit dem Rad zurückgelegt, um im katalanischen Hauptort noch vor Studienabschluss die Tochter zu besuchen. Die Strecke von Bruneck nach Wien hat er schon mehrfach bestritten, klarerweise hat er auch schon in exotischen Ländern ausgedehnte Touren unternommen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1035309_image" /></div> <BR /><BR />„Ich schätze den hohen Erlebniswert mit dem Rad, den Fahrtwind im Gesicht, die sinnlichen Eindrücke, die Begegnungen und generell das damit verbundene Abenteuer – so ein Urlaub hat für mich eine besondere Qualität“, lässt er wissen und meint, dass man auch für ausgedehnte Radreisen mit ziemlich wenigen Habseligkeiten auskomme. Unverzichtbar seien Flickzeug und ein Regenschutz, während man beim Outfit gestrost sparen könne. <BR /><BR />Bei seinen ausgiebigen Touren kann er problemlos von Zuhause losfahren, mittlerweile ist im Pustertal ein ansehnliches Radwegenetz entstanden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1035312_image" /></div> <BR /><BR />Und mit dem erstmals 2015 organisierten Brunecker Radcorso hat Hugo Götsch eine überaus originelle Veranstaltung auf die Beine gestellt. Hierbei werden die Räder von anno dazumal aus den Kellern geholt und die dazu passenden Outfits angezogen, ehe die extravagante Karawane durch die Rienzstadt und angrenzende Gebiete radelt. An die 60 bis 70 Personen verpassen so dem Pustertal einen nostalgischen Touch, viele von ihnen kommen auch von außerhalb.<BR /><BR /> Was heute modischen Lifestyle versprüht, war in den Anfängen der Fortbewegung mit dem Rad – die Gründung des ersten Fahrradclubs in Bruneck wird auf 1894 datiert – das reinste Abenteuer. „Vor 100 Jahren kosteten Räder ein Jahresgehalt. Aber viele Leute konnten nur damit Ausflüge zu den Landgasthäusern in der Umgebung machen, abends radelte man dann mit der Kerzen- oder Gaslampe wieder nach Hause. Auch mein Vater fuhr noch mit dem Rad von Bruneck zum Volksfest nach Mühlbach oder nach Lienz“, blickt Götsch zurück. Einen ansehnlichen Teil von diesem Abenteuergeist hat er in die heutige Zeit herübergerettet.