Samstag, 20. Juni 2015

Eine Welt auf der Flucht: STOL hakt nach

Wer ist da auf der Flucht? Was kostet ein Flüchtling? Welchen Beitrag leistet Südtirol? Die UN-Vollversammlung hat am Samstag, den 20. Juni, zum internationalen Gedenktag für Flüchtlinge aufgerufen. STOL hat dies zum Anlass genommen, um einmal genauer auf die Situation zu blicken – weltweit und in Südtirol.

Rund 59,5 Millionen Menschen befanden sich 2014 auf der Flucht. Am Samstag gedenkt die UN jenen, die ein Leben zwischen Hoffen und Bangen führen müssen.
Rund 59,5 Millionen Menschen befanden sich 2014 auf der Flucht. Am Samstag gedenkt die UN jenen, die ein Leben zwischen Hoffen und Bangen führen müssen. - Foto: © APA/EPA

STOL hat eine Reihe von Fragen und deren Antworten rund um das Thema Flucht und Flüchtlinge zusammengestellt.

Wer ist ein Flüchtling?

Wirtschaftsflüchtling oder Kriegsflüchtling. Diese zwei Begriffe geistern, wenn es um die Flüchtlingsdebatte geht, durch Medien und Stammtischdiskussionen. Zwar ist das eine grobe Einteilung - richtig konkret wird diese aber nicht.

Anders die Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Jahr 1951. Dieser Vertrag, der von 145 UN-Staaten unterzeichnet wurde, regelt - gemeinsam mit dem sogenannten „New Yorker Protokoll“ von 1967 - die internationale Rechtslage von Menschen auf der Flucht.

Dort heißt es in Artikel 1:

Flüchtlinge sind Menschen die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will.“

Wie viele Menschen sind weltweit auf der Flucht?

Dies lässt sich nur grob feststellen, denn die Zahl der Menschen auf der Flucht variiert von Woche zu Woche, sogar von Tag zu Tag. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat kürzlich die weltweiten Flüchtlingszahlen für das Jahr 2014 veröffentlich.

Demnach sind 59,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das sind 8,3 Millionen mehr als noch 2013 und damit der höchste Anstieg dieser Zahl in einem einzelnen Jahr.

Die Zahl der Flüchtlinge setzt sich aus drei Teilen zusammen:

- 19,5 Millionen Menschen befinden außerhalb ihres Heimatstaates.

- 38,2 Millionen Menschen sind Binnenflüchtlinge. Das heißt, dass sie zwar von ihrem angestammten Wohnort vertrieben wurden, sich aber immer noch in dem Land befinden, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen.

- 1,8 Millionen Menschen haben in einem Staat Asyl beantragt.

Rund 51 Prozent aller Flüchtlinge sind unter 18 Jahre alt.

Woher kommen die Flüchtlinge?

Von den 19,5 Millionen Menschen, die sich 2014 außerhalb ihres Heimatlandes befanden kommt rund die Hälfte aus nur drei Staaten: Syrien (3,88 Millionen), Afghanistan (2,59 Millionen) und Somalia (1,11 Millionen).

Weiter Flüchtlingsländer sind etwa der Irak, Nigeria, Eritrea, der Sudan und Aufgrund des Konfliktes im Osten des Landes auch die Ukraine.

Die meisten Flüchtlinge die in Südtirol bleiben, so erklärt es die mit dem Flüchtlingsthema betraute Landesrätin Martha Stocker gegenüber STOL, kommen aus Nigeria, Bangladesch, Afghanistan und Zentralafrikanischen Staaten (Eritrea, Gambia und Weitere). Syrer, die weltweit den größten Teil an Flüchtlingen ausmachen, würden eher Richtung Norden zu ihren Verwandten und Bekannten weiterreisen, so Stocker.

Wohin gehen die Flüchtlinge?

Die EU Länder, Japan, Australien oder, in kleinen Teilen, auch die USA: Diese Industriestaaten sind oft das angestrebte Ziel der Flüchtlinge. Doch in den Top-Sechs der Aufnahmestaaten (bezogen auf das Jahr 2014) befindet sich keiner der oben angeführten Destinationen.

Die größte Zahl an Flüchtlingen beherbergt derzeit die Türkei mit 1,59 Millionen gefolgt von Pakistan (1,51 Millionen), dem Libanon (1,15 Millionen), dem Iran (982.000), Äthiopien (659.500) und Jordanien (654.100).

Wie viele Flüchtlinge gibt es in Südtirol?

Wenn man über Flüchtlinge in Südtirol spricht muss man unterscheiden zwischen jenen die hier bleiben und jenen die weiterreisen. Nach Deutschland, Österreich oder in eines der skandinavischen Länder.

Die Zahl jener die sich nur auf der Durchreise befinden ist schwer zu erfassen und enthält wohl eine große Dunkelziffer. In etwa sind es 50 Flüchtlinge die täglich am Bozner Bahnhof ankommen und so schnell als möglich wieder abfahren.

Anders sieht es bei jenen aus die in Italien Antrag auf Asyl gestellt haben. Derzeit beherbergt das Land Südtirol 567 Asylbewerber. (STOL hat berichtet)

Was kostet ein Flüchtling?

So grausam die Frage nach dem Preis eines Menschen in Not auch klingt, wird diese doch oft gestellt. Und die oft fadenscheinigen Antworten als Grundlage für das Gegenargument zur Aufnahme von Flüchtlingen verwendet.

„Die Kosten für die Flüchtlinge die nur durchreisen, stehen derzeit noch nicht genau fest und werden erst mit Jahresende bekanntgegeben“, erklärt  die zuständige Landesrätin, Martha Stocker, gegenüber STOL.

Bei Asylanten sieht das anders aus. Für 459 der 567 die in Südtirol untergebracht sind der Staat aufkommt, so Stocker. „Dieser zahlt für jeden davon 28 Euro pro Tag für Unterkunft und Verpflegung.“ Das macht auf ein Jahr hochgerechnet rund 4,6 Millionen Euro aus.

Die Versorgung der restlichen 108 Asylbewerber wird vom Land Südtirol finanziert. Dieses stellte einen Beitrag von 21 Euro pro Tag zuzüglich 2,5 Euro Taschengeld, rechnet die Landesrätin vor. In Summe circa 900.000 Euro pro Jahr.

Somit betragen die Gesamtkosten der Betreuung von Asylwerbern jährlich etwa 5,5 Millionen Euro. Klingt viel?

Allein 2015 stellte das Land Südtirol 110 Millionen für Forschung und Innovation bereit. Für Schulfürsorge (Studienbeihilfe, Schülertransport), die nur einen geringen Teil des Bildungsetats ausmacht, wendet das Land im Jahr 2015/16 über 34 Millionen Euro auf.

Vergleicht man die 5,5 Millionen mit Ausgaben in anderen Bereichen – und das waren nur zwei Auszüge davon - wirkt die Summe also beträchtlich klein.

Können wir mehr Flüchtlinge aufnehmen?

Auf die Frage, ob denn Südtirol noch weitere Flüchtlinge beherbergen kann, hat Landesrätin Stocker eine klar Antwort: „Ja, wir sind im Stande noch weitere Menschen aufzunehmen. Auch deshalb, weil es von Seiten der Bevölkerung eine große Solidaritätswelle gab und gibt. Im Sinne von gemeinnütziger Arbeit und auch von Spenden.“

Zudem müsse man, als gut situiertes Land wie Südtirol, rein schon „aus christlicher Nächstenliebe humanitäre Hilfe leisten“, führt Stocker weiter aus. „Wir alle können uns nicht vorstellen, welches Leid diese Menschen durchgemacht haben. Sie haben eine lange Reise zwischen Hoffen und Bangen hinter sich. Ich weiß nicht, wie es unsereins in so einer Situation ginge.“

stol/bfk

 

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