Mittwoch, 25. Mai 2016

„Eine Zukunft ohne Pestizide wird es nicht geben“

„Es geht nicht um bio oder nicht-bio“, sagt Leo Tiefenthaler. „Es geht ums Prinzip.“ Jeder Bauer solle so anbauen können, wie er es für richtig halte. Deshalb werde der Bauernbund all jene unterstützen, die gegen die Pestizid-Verordnung der Gemeinde Mals vorgehen – auch finanziell.

Leo Tiefenthaler, Obmann des Bauernbundes
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Leo Tiefenthaler, Obmann des Bauernbundes - Foto: © D

Südtirol Online: Herr Tiefenthaler, werden die Bauern gegen die Pestizid-Verordnung der Gemeinde Mals rechtlich vorgehen?
Leo Tiefenthaler, Obmann des Südtiroler Bauernbundes: Nur Direktbetroffene – also Landwirte und Bürger der Gemeinde – können gegen die Verordnung vorgehen. Wir als Bauernbund haben keine Möglichkeit dort einzuwirken. Nun muss man schauen, ob ein Rekurs überhaupt zustande kommt. Im Falle dieses Falles würden wir solche Schritte allerdings unterstützen.

STOL: Wie würde diese Unterstützung des Bauernbundes aussehen?
Tiefenthaler: Wir würden uns moralisch und finanziell mit einem kleinen Beitrag beteiligen.

STOL:  Zusammengefasst: Ein Bauer in Mals, der sich von der Verordnung geschädigt fühlt, kann dagegen Rekurs einreichen und dafür mit Geld vom Bauernbund rechnen.
Tiefenthaler: So kann man das sagen. Dem Bauernbund geht es ums Prinzip: Die Gemeinde hat keine Zuständigkeit im Bereich der Pflanzenschutzmittel. Diese liegt beim Land, beim Staat, bei der EU. Aufgrund von diesem Prinzip müssen wir auf das Recht der betroffenen Bauern bestehen.

STOL: Bürgermeister Veith sagt, die Bürger haben ihre Meinung zum Thema Pestizide in der Volksabstimmung ganz klar zum Ausdruck gebracht. Man, auch der Bauernbund, müsse endlich die Zeichen der Zeiten erkennen.
Tiefenthaler: Eine Zukunft ohne Pestizide wird es nicht geben. Auch in der Bio-Landwirtschaft werden Pestizide, Bio-Pestizide verwendet. Und auch damit muss man aufpassen, die sind auch nicht ganz unbedenklich. Man darf sich nicht vorstellen, dass bei Bio nichts gespritzt wird, keine Mittel ausgebracht werden. Wir gehen ja in Richtung integriertem, Bio-Anbau – das ist sicherlich auch notwendig. Doch man muss vorsichtig sein: Auch Bio ist nicht das Allheilmittel. Ohne Pestizide wird es nicht gehen, gleich wie es ohne Medikamente nicht gehen wird: Der Mensch braucht Hilfe, wenn er krank ist. Genauso braucht es Pflanzenschutz.

Der Bauernbund hat die Zeichen der Zeit mehr als erkannt: In den vergangenen Jahrzehnten wurde sehr viel getan, man hat sich sehr, sehr intensiv bemüht. Seit vielen Jahren verzichten wir nun schon auf Pestizide der Giftklasse 1 – freiwillig. Thema Herbizid: Wir sind dabei, Alternativen zu suchen – vor allem im Bereich Obst- und Weinbau. Dort wurden bereits Maschinen und Geräte entwickelt, die eine mechanische Bekämpfung ermöglichen. Eine Alternative, die richtig gut funktioniert, gibt es allerdings noch nicht. Nun wird weitergeforscht.

STOL: Auf EU-Ebene wird derzeit sehr hitzig über Glyphosat diskutiert. Ein Mittel, das auch in Südtirol eingesetzt wird.
Tiefenthaler: Glyphosat ist ein chemisch-synthetisches Mittel. In Südtirol wird es im Obst- und Weinbau eingesetzt, im Unterkronenbereich. Der Einsatz des Mittels wurde in den vergangenen Jahren allerdings reduziert, da wir immer mehr auf mechanische Unkrautbekämpfung mittels Geräten setzen. Aber ja: Glyphosat wird noch eingesetzt.

Das große Problem bei dem Mittel tritt dabei beim Getreideanbau zu Tage. Dort wird es kurz vor der Ernte noch verwendet. Das heißt: Das Ernteprodukt wird mit dem Mittel behandelt. Das ist bei uns in Südtirol nicht der Fall: Wird hierzulande Glyphosat eingesetzt, so wird es im Stockbereich verwendet. Auf die Pflanze selbst wird nichts gespritzt. Und: Die Dosierungen sind weitaus geringer als im Getreideanbau.

STOL: Gibt es in Südtirol Bestrebungen, gänzlich auf Glyphosat zu verzichten?
Tiefenthaler: Wir sind dabei, Maschinen und Geräte zu entwickeln, damit wir Herbizide im Allgemeinen vermeiden können.

STOL: Bürgermeister Veith kritisiert: Der Bauernbund würde konventionelle Bauern unterstützen, Bio-Bauern allerdings nicht.
Tiefenthaler: Da liegt der Bürgermeister total falsch. Wir unterstützen sowohl Bio-Bauern als auch jene, die integriert produzieren. Sollte morgen eine Gemeinde eine Verordnung herausgeben, die den Bioanbau verbietet, würden wir uns gleichermaßen einsetzen. Wir als Bauernbund sind für den freien Anbau. Der Bauern soll selbst frei entscheiden können, ob er biologisch, biologisch-dynamisch oder integriert produziert.

STOL: Das heißt: Sollte ein Malser Bauer gegen die Verordnung der Gemeinde vorgehen, erhält er Geld vom Bauernbund. Gehen wir davon aus, dass die Verordnung in der Folge fällt. Würde der Bauernbund auch einem Bio-Bauern finanzielle Unterstützung zusagen, der sich dann wiederum benachteiligt fühlt?
Tiefenthaler: In Mals herrscht folgendes Problem: Eigentlich hätte eine Kommission eine Regelung zwischen Nicht-Bio-Bauern, Bio-Bauern und Bürgern finden sollen. Diese Kommission wurde nie einberufen, stattdessen hat der Gemeinderat die Pestizid-Verordnung verabschiedet. Das ist auch nicht der richtige Weg, wir wollten doch zusammenarbeiten. Bereits im Mai 2014 war der Bauernbund zusammen mit Landesrat Schuler in Mals: Wir haben mit dem Bürgermeister und dem Promotorenkomitee gesprochen, wollten eine einvernehmliche Lösung finden. Zudem haben wir vorgeschlagen, man könne doch die „Bioregion Obervinschgau“ ins Leben rufen, an der sich alle – also Haushalte, das Gastgewerbe, das Handwerk, die Landwirtschaft – freiwillig beteiligen könnten. Doch unsere Vorschläge wurden abgelehnt, man wollte mit Gewalt die Abstimmung machen. In Mals werden wir immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt, auch vom Bürgermeister, der sein Wort nicht einhält.

Interview: Petra Gasslitter

stol