<b>STOL: Frau Richter, Sie sind vor fast 83 Jahren im heutigen Tschechien geboren. Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit?</b><BR /><BR />Edda Richter: Ja. Ich bin 1939, kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs in Aussig an der Elbe geboren. Damals wohnten rund 3 Millionen Deutsche in der Tschechoslowakei. Wir blieben dann bis zum Kriegsende im Jahre 1945 dort. Danach wurden wir ausgewiesen und sind nach Ludwigsburg, in der Nähe von Stuttgart, gezogen. Dort habe ich bis zu meinem 55. Lebensjahr gelebt, eine Familie gegründet, 2 Kinder bekommen und bin dann nach Südtirol gekommen und hier klebe ich jetzt mittlerweile schon seit 26 Jahren (lacht).<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52948387_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Warum sind Sie weg von Ludwigsburg?</b><BR /><BR />Richter: Ich kenne Südtirol seit 30 Jahren. Als mein Mann und ich das erste Mal nach Südtirol fuhren, genauer gesagt, in den Vinschgau, muss ich zugeben, war ich gar nicht spitz darauf, das Land näher kennenzulernen. Ich dachte mir „O Gott, der billige Kalterer See-Wein, so etwas muss ich nicht haben.“ Dann aber haben wir uns im Obervinschgau ein wenig zurückgezogen. Es war sehr ruhig, die Leute gingen allesamt um 20 Uhr ins Bett, damit sie es am darauffolgenden Tag um 5 Uhr in der Früh rechtzeitig schaffen, aus den Federn zu kommen um den Ortler hinaufzurennen und dort den Sonnenaufgang bewundern zu können (lacht). Danach begann ich mich so langsam in das Land zu verlieben. Wir fuhren nach Meran, nach Bozen, nach Kaltern und im Unterland ging uns dann so richtig das Herz auf, es war einfach so schön dort. Ab diesem Zeitpunkt fuhren wir jedes Jahr mindestens einmal jährlich nach Kaltern und verliebten uns Stück für Stück in die ganze umliegende Gegend.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Hat sich Südtirol seit dieser Zeit verändert?</b><BR /><BR />Richter: Ich finde Südtirol nach wie vor so schön wie damals. Klar ist die Industrialisierung mittlerweile vorangeschritten, Fabriken gab es damals ja kaum. Mittlerweile sind ganze Flächen voll damit. Beispiel Neumarkt: Dort wo jetzt die Industriezone ist, war damals nichts. Auch der Tourismus ist deutlich mehr geworden. Ansonsten kann ich sagen, dass die Leute eigentlich gleichgeblieben sind. Ich persönlich lebe ja an einem Ort, wo sich über die Jahre wirklich nicht allzu viel verändert hat – und darüber bin ich froh. Speziell wenn ich an die Corona-Pandemie denke, ich wäre einfach todunglücklich in einer Stadt.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52948386_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wenn Leute ein gewisses Alter erreicht haben, sagen sie gerne, dass früher alles besser war. War denn früher alles besser?</b><BR /><BR />Richter: Nein, es war anders, aber nicht besser. Was schon war: Früher redete man mehr miteinander, man wusste es wertzuschätzen, wenn man mit jemanden von Angesicht zu Angesicht redete. Heute hat jeder ein Handy und es läuft einfach zu vieles über die technischen Hilfsmittel. Früher, als die Kinder von der Schule nach Hause gekommen sind, um schnell Mittag zu essen, wollten sie anschließend einfach nur raus um sich im Freien auszutoben. Damals musste man sie regelrecht suchen und einfangen, damit man sie wieder zurück ins Haus bekam. Heute ist das komplette Gegenteil der Fall – jetzt hocken schon die ganz jungen Kinder stundenlang vor ihren Spielekonsolen oder den Handys und man muss sie fast schon zwingen, mal nach draußen an die frische Luft zu gehen. Auf der anderen Seite ist es heutzutage aber einfacher, den Kontakt mit anderen Leuten aufrecht zu erhalten, denn egal wo man sich gerade befindet, man kann Fotos verschicken, miteinander schreiben und miteinander reden. Ich sehne mich diesbezüglich einfach nach einem gesunden Mittelmaß an realer und virtueller Welt.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Die Geschichte war immer schon voll von technischen Erfindungen und Errungenschaften. Nun ist es das Smartphone, aber was war die größte technische Errungenschaft, an die Sie sich in Ihrer Kindheit erinnern können?</b><BR /><BR />Richter: Ich kann mich da an ein spezielles Ereignis von 1952 erinnern – die Krönung der britischen Queen Elizabeth II. Da habe ich als junges Mädchen unzählige Menschen vor einem Schaufenster stehen sehen, weil hinter dem Schaufensterglas in einem Fernseher die Krönung live übertragen wurde. Das war für mich damals auf technischer Ebene etwas ganz Großes, denn wir besaßen damals keinen Fernseher.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Sie beschäftigen sich auch mit der Geschichte ihres neuen Heimatlandes. Welches Ereignis war für Südtirol Ihrer Meinung nach das bedeutendste?</b><BR /><BR />Richter: Ich würde sagen, dass das Erlangen der Autonomie das bedeutendste Ereignis war. Die Südtiroler können wahnsinnig stolz darauf sein, denn wie viele Leute sich damals gewehrt haben und alles für das Land Südtirol aufs Spiel gesetzt haben, damit man wichtige Werte und Bräuche nicht verliert, beeindruckt mich immer wieder. Südtirol wird diesbezüglich auch international sehr bewundert und das kann ich absolut nachvollziehen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Im Laufe eines langen Lebens wird man immer wieder mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Wie schafft man es, damit fertig zu werden?</b><BR /><BR />Richter: Mein persönlich schlimmster Schicksalsschlag war, als ich meinen Sohn verloren habe, er erlag bei einer Wanderung plötzlich einem Herzinfarkt. Einen Mann kannst du ersetzen, ein Kind kannst du nicht ersetzen. Mit so einem Verlust wird man nie wirklich fertig. Zu meinem Glück habe ich eine tolle Familie, die in schwierigen Zeiten immer an meiner Seite steht und mir viel Kraft gibt. Das Leben muss einfach weitergehen. Mein Mann ist an Krebs gestorben und ich bin froh für ihn, dass sein Leiden nach 3 Monaten ein Ende gefunden hat. Man sollte sich immer auf die positiven Dinge konzentrieren, auch wenn es oft schwerfällt.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie schaut Ihr Alltag jetzt aus?</b><BR /><BR />Richter: Wenn es die Jahreszeit erlaubt, bin ich so lange es geht draußen in meinem Garten, um dort den ganzen Arbeiten nachzugehen und auch zu entspannen. Auf meinen Garten lege ich großen Wert. Sonst treffe ich mich gerne mit Freunden, gehe Wandern und abends gehe ich auch gern was trinken, logisch immer im Rahmen (lacht). Einen Genuss, den ich mir beispielsweise nicht nehmen lasse, ist mein tägliches Glas Rotwein zur Abendzeit. Was ich sonst noch täglich mache, ist natürlich Radio hören, lesen, telefonieren und Fernsehschauen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Was stört Sie an Leuten in Ihrem Alter?</b><BR /><BR />Richter: Dass sie dauernd über ihre Krankheiten jammern. Fürchterlich. Wenn ich das höre, wechsle ich sofort Thema.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52948388_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wenn Sie Ihr Leben noch einmal leben könnten, würden Sie etwas anders machen?</b><BR /><BR />Richter: Diese Überlegung habe ich mir, wegen meines Alters, in letzter Zeit öfters gemacht, da sich nun schon so langsam der letzte Lebensabschnitt nähert. Dann denke ich manchmal nach und komme zu dem Entschluss, dass ich eigentlich mit meinem Leben zufrieden bin. Meine Familie hatte finanziell gesehen nichts, ich hatte nur ein Kleid und ein Paar Schuhe zum Anziehen als ich klein war, aber dennoch war das Leben schön und ich habe eigentlich nur positive Erinnerungen in meinem Kopf. Meine Mutter fragte mich damals, von wem ich abstamme, weil ich immer so schnell zufrieden war (lacht).<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Bereuen Sie im Nachhinein etwas?</b><BR /><BR />Richter: Dinge die ich hätte tun sollen, mich aber in der jeweiligen Situation nicht getraut habe zu tun. Aber das Gefühl kennt glaube ich jeder.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Was würden Sie Ihrem 18-jährigen Ich heute sagen?</b><BR /><BR />Richter: Mach genau so weiter und bleib dir selbst treu.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Welche Ratschläge würden Sie der heutigen Jugend mit auf den Weg geben?</b><BR /><BR />Richter: Seid ehrlich zu euch selbst und fügt anderen Leuten keinen Schaden zu. Mehr will ich auch nicht sagen. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Sie haben 3 Wünsche frei…was würden Sie sich wünschen?</b><BR /><BR />Richter: Gesundheit für meine Familie und dass sie nicht noch einmal den plötzlichen Verlust eines geliebten Familienmitgliedes über sich ergehen lassen muss, dass ich noch eine Weile so fit bleibe, wie ich aktuell bin und ich keine fremde Hilfe benötige, um meinen Alltag zu leben.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Haben Sie Angst vor dem Tod?</b><BR /><BR />Richter: Eigentlich nicht, denn der kommt, ob man nun Angst hat oder nicht und schließlich habe ich mein Leben so gelebt, wie ich es mir vorgestellt habe. Man kann nur hoffen das der Tod gut und schnell geht.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie glauben Sie geht es nach dem Tod weiter?</b><BR /><BR />Richter: Das ist die Frage, das ist die Kardinalsfrage. Seitdem mein Mann gestorben ist, das ist jetzt bald schon 15 Jahre her, stelle ich mir hin und wieder diese Frage. Mein Mann hat immer gesagt: „Es gibt schon einen da oben“, und ich habe ihm immer lächelnd zugestimmt, obwohl ich keine gläubige Person bin. Mein Mann sagte mir jedenfalls: „Falls ich vor dir sterben sollte und in den Himmel komme, dann warte ich auf einer Wolke auf dich“. Das fand ich richtig süß. Darüber habe ich oft nachgedacht. Wenn dann auch noch mein verstorbener Sohn Alexander ebenfalls auf der Wolke sitzen und warten würde, dann wäre alles perfekt.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Ihr Leben in 3 Worten beschrieben…</b><BR /><BR />Richter: Ich bin zufrieden.