<?O_Kursiv><?_O_Kursiv> Das sagt die Kriminalstatistik über das familiäre Umfeld und die Motive für dieses (seltene) Verbrechen<i>.<BR /><BR /><BR />Interview: Roberta Costiuc</i><BR /><BR /><BR /><b>Obwohl Elternmord nicht oft vorkommt, wurde das Phänomen doch genau untersucht. Weshalb?</b><BR />Michele Piccolin: Bevor ich antworte, möchte ich vorausschicken, dass ich zum aktuellen Fall in Bozen absolut keine Stellung nehmen werde. Die Daten beziehen sich vielmehr auf statistisch-forensische Erkenntnisse der vergangenen 20 Jahre auf gesamtstaatlicher Ebene. Diesen zufolge wurden rund 4 Prozent aller Morde an einem oder beiden Elternteilen verübt. Die meisten geschahen in Kampanien und Sizilien, gefolgt von der Lombardei und der Toskana. Und das Interesse daran erklärt sich sicherlich mit der großen Beunruhigung, die eine derartige Tat in der Öffentlichkeit hervorruft. Die Familie ist schließlich die Keimzelle unserer Gesellschaft, da macht ein derart schweres Verbrechen umso betroffener und bereitet entsprechend Anlass zur Sorge. <BR /><BR /><b>Das klingt, als wäre der familiäre Rahmen nicht nur Tatort, sondern auch Grund für das Verbrechen...</b><BR />Piccolin: Vielleicht nicht Grund, aber wie die Statistik zeigt, sehr oft ein Auslöser. Das Familiengefüge war in den vergangenen Jahren einem zunehmenden Wandel unterworfen: Immer mehr Kinder verlassen nicht automatisch mit der Volljährigkeit das Elternhaus – auch, weil sie oft keine Arbeit finden, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können –, sondern wohnen noch lange daheim. Diese Nähe macht das Familienleben viel komplexer und kann auch zu starken Spannungen führen. <BR /><BR /><b>Die sich dann urplötzlich entladen?</b><BR />Piccolin: Interessanterweise nicht: Statistisch gesehen sind die meisten Elternmorde genau geplant, die Täter sind organisiert vorgegangen – auch in den Fällen, in denen der Täter den Leichnam verschwinden ließ. <BR /><BR /><b>„Fassade der Normalität“</b><BR /><BR /><b>Welche anderen statistischen Gemeinsamkeiten fallen ins Auge?</b><BR />Piccolin: Der durchschnittliche Täter ist im Alter zwischen 22 und 35 Jahren und männlich. Bei den Tatwaffen rangiert das Messer an erster Stelle, gefolgt von Schlägen mit bloßen Händen. Nach der Tat hat sich in vielen Fällen gezeigt, dass der Täter versucht, so schnell wie möglich zum Alltagsleben zurückzukehren beziehungsweise sich hinter einer Fassade der Normalität zu verschanzen – eine Fassade, die er oft im Laufe der Zeit nicht mehr aufrecht erhalten kann. <BR /><BR /><b>Wie steht es – statistisch gesehen – um den Geisteszustand der Täter ?</b><BR />Piccolin: In 2 Dritteln der Fälle liegen dem Tatmotiv entweder finanzielle Gründe oder heftige familiäre Divergenzen zugrunde. Nur ein Drittel der Täter hat psychische Probleme – in den meisten Fällen Schizophrenie, schwerste Depressionen oder antisoziale und narzistische Persönlichkeitsstörungen. Je chaotischer ein Tatort ist, je unorganisierter und planloser das Verbrechen, desto wichtiger hat sich eine genaue Abklärung des Geisteszustandes bzw. der Zurechnungsfähigkeit des Täters erwiesen. Auch das Verhalten des Täters nach der Tat bzw. was er mit der Leiche gemacht hat, lässt wichtige Schlüsse auf seine geistige Verfassung zu und sollte entsprechend untersucht werden.