Samstag, 17. Oktober 2020

Endlich wieder die Finger spüren

„Die Hand ist das Werkzeug des Geistes“, sagte Immanuel Kant. Wer seine Hände durch einen Unfall verliert, weiß, wie recht der Philosoph hat. Mit einer völlig neuen Amputationstechnik gelingt es nun, Menschen, die ihre Hand verloren haben, dieses „Werkzeug“ wieder zurückzugeben – und vor allem, sie ihre Prothesenhand spüren zu lassen und ihnen oft sehr starke Schmerzen zu nehmen.

Die  ersten Operationen mit der neuen Amputationstechnik sind geglückt: Dr. Alexander Gardetto mit Jakob Fiebiger aus Oberösterreich (links), der am 16. September in Klagenfurt operiert wurde.
Badge Local
Die ersten Operationen mit der neuen Amputationstechnik sind geglückt: Dr. Alexander Gardetto mit Jakob Fiebiger aus Oberösterreich (links), der am 16. September in Klagenfurt operiert wurde.
Die weltweite Innovation in der bionischen Handprothetik hat Dr. Alexander Gardetto, Facharzt für plastische und rekonstruktive Chirurgie mit Spezialisierung in Handchirurgie, am Freitag in der Brixsana in Brixen vorgestellt. „Prothesen, bei denen man die Finger beugen und strecken kann, sind schon lange auf dem Markt, aber eine Handprothese, die fühlen kann, das gab es bisher noch nicht“, erklärte Dr. Gardetto. Um eine sogenannte bionische Handprothese, die das Spüren der Finger erlaubt, anpassen zu können, ist die Umlagerung von insgesamt 4 Nerven im Unterarm mit mikrochirurgischer Transplantation notwendig.

Diese Operation hat Dr. Gardetto vor einem Monat an den ersten beiden Patienten im Unfallkrankenhaus in Klagenfurt und in der Brixsana in Brixen durchgeführt. Der 30-jährige Jakob Fiebiger aus Oberösterreich hatte sich 2015 bei einem Arbeitsunfall die linke Hand schwer verletzt. Nach mehreren Rekonstruktionsversuchen blieb die Hand funktionslos. Er hatte so starke Schmerzen, dass auch Schmerzmittel wie Opiate und Morphine wenig Linderung brachten. Vor einem Monat wurde die Hand nun amputiert und die Nerven so am Unterarm transplantiert, dass der Patient die Voraussetzungen der Anpassung einer bionischen Prothese erfüllt.

Der zweite Patient, der 45-jährige Walter De Marco aus dem Trentino, hatte bei einem Arbeitsunfall vor 3 Jahren die rechte Hand verloren. Seither litt er unter starken Phantom- und Neuromschmerzen. Durch die zusätzliche starke Kälteempfindlichkeit des Stumpfes konnte der Patient prothetisch nicht sinnvoll versorgt werden. Bei ihm verkürzten Dr. Gardetto und sein Team den Unterarmstumpf, leiteten Nerven um und transplantierten sie mikrochirurgisch, sodass De Marco nun eine fühlende Prothese erhalten kann.



„Diese Prothesen haben besondere Eigenschaften, sie bringen mittels sensorischem Feedback wieder ein authentisches Gefühl an die verloren gegangene Hand“, erklärten Dr. Alexander Gardetto und der Orthopädietechniker Sandro Serani von „Sanitop“ aus Toblach, anhand einer bionischen Prothese. „Der Patient kann dann Gegenstände, wie beispielsweise ein Glas, wieder spüren, ein Händedruck wird zu einem hochemotionalen Ereignis“, weiß Dr. Gardetto.

Mit dieser Operationstechnik wird gleichzeitig auch eine Phantom- und Neuromschmerzbehandlung erzielt. „Häufig haben Betroffene starke Schmerzen der verloren gegangenen Extremität, weil das Gehirn keine sensorischen Informationen mehr erhält. Die bionische Prothese ermöglicht es, dass das Gehirn wieder sensorische Reize bekommt und der Schmerz zurückgeht“, sagt Dr. Gardetto.

Das bestätigten Fiebiger und De Marco gestern. Beide berichteten über deutlich mehr Lebensqualität und bereiten sich mit Physiotherapie samt Elektrostimulation auf die Steuerung der bionischen Prothese über Nerven und Muskeln im Unterarm vor.

wib