Montag, 28. September 2020

Entrinnen aus der täglichen Gewaltspirale

Werden Frauen in ihrer Partnerschaft Opfer von Gewalt, tun sie sich immens schwer, aus dem Teufelskreislauf auszubrechen, weiß Isabel Brunner. Die Rechtsanwältin und Vorsitzende der Sektion Bozen für die gesamtstaatliche Beobachtungsstelle für Familienrecht verdeutlicht in der Montagausgabe der „Dolomiten“ typische Muster und sagt, wo Handlungsbedarf besteht.

Werden Frauen in ihrer Partnerschaft Opfer von Gewalt, tun sie sich immens schwer, aus dem Teufelskreislauf auszubrechen, weiß Isabel Brunner.
Badge Local
Werden Frauen in ihrer Partnerschaft Opfer von Gewalt, tun sie sich immens schwer, aus dem Teufelskreislauf auszubrechen, weiß Isabel Brunner. - Foto: © shutterstock
Ein weit verbreitetes Problem sei die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau, meint Brunner in dem Interview mit dem Tagblatt der Südtiroler. „In vielen Fällen arbeitet sie nicht oder sie muss ihr Gehalt beim Mann abgeben, da er das Vermögen der Familie verwaltet“, sagt sie. Das schaffe natürlich Abhängigkeitsverhältnisse.

„Dolomiten“: Was beobachten Sie bei den Fällen, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht?

Isabel Brunner: Ein weit verbreitetes Problem ist dabei sicherlich die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau. In vielen Fällen arbeitet sie nicht oder sie muss ihr Gehalt beim Mann abgeben, da er das Vermögen der Familie verwaltet. Das schafft natürlich Abhängigkeitsverhältnisse.

Wenn es dann zum Bruch kommt und sie sich womöglich aus einer schlimmen Situation befreien möchte, sind ihre Möglichkeiten verbaut. Wo soll sie, womöglich mit Kindern, denn hin ohne Geld?

„D“: Für diese Fälle gibt es doch geschützte Strukturen wie beispielsweise Frauenhäuser. Bräuchte es mehr?

Brunner: Glücklicherweise gibt es diese Einrichtungen, in denen die Frauen in der Regel 6 Monate lang bleiben können. Wie ich mich selbst überzeugen konnte, erfahren sie dort auch die notwendige Unterstützung – etwa bei der Arbeits- und Wohnungssuche und bei Ansuchen um Mietbeiträge oder weiterem mehr. Jedoch sind die Plätze dort knapp bemessen. In der Tat bräuchte es mehr. Zudem wäre sinnvoll, diese Einrichtungen auch grundsätzlich für Frauen in Not zu öffnen.

„D“: Inwiefern?

Brunner: Solche Strukturen stehen nur Frauen offen, denen Gewalt widerfahren ist. Aber unabhängig von Gewaltsituationen kann eine Familie lange vorher in Krise sein oder eine Situation im Hause über längere Zeit unerträglich werden. Was sollen dann Frauen tun, sofern sie keine Vertrauenspersonen haben, die ihnen helfen?

Vor allem bei Familien mit Migrationshintergrund ist das häufig der Fall. Hier besteht Handlungsbedarf, wobei es natürlich klare Regeln bräuchte, damit es nicht ausufert. Mir ist natürlich auch klar, dass die öffentlichen Ressourcen hierfür knapp bemessen sind. Auch was etwa Antigewalttherapien für Männer betrifft. All das ist bedauerlich.

„D“: Wo hat dieses ganze Übel seinen Ursprung?

Brunner: Es beginnt zumeist damit, dass die betroffenen Frauen das Problem der Gewalt entweder nicht erkennen oder es bewusst herunterspielen. Psychische Gewalt ist zumeist der Ausgangspunkt eines sich verstärkenden Kreislaufs. Diese typischen Muster gilt es zu erkennen. Betroffene meinen oft, sie hätten die Gewaltspirale selbst provoziert, weil sie die Nudeln verkocht oder etwas verschlampt hätten. Diese Vorwürfe machen sie sich zu eigen. Wenn sie dieses Spiel durchschaut haben, folgt aber das nächste Problem.

„D“: Welches Problem?

Brunner: Wie sollen sie weiter vorgehen? Viele scheuen sich verständlicherweise vor Anzeigen, weil damit nur eine Eskalation daheim droht. Und auch wenn sie es doch schaffen, den ersten Schritt mit Hilfe von Sozialdiensten und ähnlichen Einrichtungen zu machen, bleibt die Frage: Wie geht mein Leben danach weiter? Was wird aus den Kindern?

„D“: Haben all diese Probleme seit dem Corona-Lockdown zugenommen?

Brunner: Wenn ich die Anfragen an oder Kontaktaufnahmen mit unserer Kanzlei als Richtwert nehme, lautet die Antwort eindeutig Ja.

„D“: Was sollten bei diesem delikaten Thema die Medien beherzigen?

Brunner: Ich glaube, die Medien könnten einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie mehr die Hintergründe beleuchten würden. In der Regel werden in der Chronik die eklatanten Fakten, die zur Gewalttat geführt haben, erzählt.

Anstelle von emotionalen Aspekten wie etwa Eifersucht oder Beziehungsdetails könnte vermehrt der soziale und familiäre Kontext untersucht werden. Damit ginge man der Frage nach, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Gerade das würde vielen die Augen öffnen und würde die Gesellschaft voranbringen.

„D“: Der Gesprächsbedarf ist also nach wie vor groß?


Brunner: Und wie. Die Tabus sind nach wie vorgegeben, vieles wird verharmlost oder man will sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen. All das löst aber keine Probleme.

az