„Ich sehnte ein Ende meines Daseins herbei und habe den Suizid versucht“, sagt Richard Santifaller. „Im Grunde ganz einfache Dinge“ haben ihm aus diesem tiefen Loch herausgeholfen. <BR /><BR />Man macht ein Leiden zumeist nur noch schlimmer, wenn man nicht darüber spricht. Deshalb machen sich immer mehr Fachleute dafür stark, verstärkt über das Tabuthema Suizid zu sprechen – natürlich mit dem nötigen Fingerspitzengefühl. Richard Santifaller kann das. <BR /><BR /><b>Herr Santifaller, als Vorstandsmitglied des Vereins Ariadne bieten Sie Menschen mit psychischen Problemen und suizidgefährdeten Menschen mitsamt Angehörigen Unterstützung. Was ist dabei am wichtigsten?</b><BR />Richard Santifaller: Die Erzählung aus der griechischen Mythologie besagt, dass sich Theseus dank des Ariadnefadens im Labyrinth orientieren konnte. Und gerade darum geht es im Verein Ariadne: psychisch kranken Menschen Orientierung bieten. Denn grundsätzlich handelt es sich bei psychischen Erkrankungen um Verirrungen des Gehirns bzw. der Psyche, im Extremfall führen diese zum Tod. Im Gegensatz zu körperlichen Krankheiten tut man sich bei psychischen Krankheiten viel schwerer mit der Diagnose, man erkennt sie oft selbst nicht. Deshalb ist die Schulung der Wahrnehmung so wichtig. <BR /><BR /><b>Die Schulung der Wahrnehmung?</b><BR />Santifaller: Richtig, die Wahrnehmung der Betroffenen, der Angehörigen und der gesamten Gesellschaft. Nur wenn man merkt, dass die Welt aus den Fugen gerät, kann man etwas dagegen tun. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="939343_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wie äußert sich das in der Regel, wenn für Suizidgefährdete die Welt aus den Fugen gerät?</b><BR />Santifaller: Ich kann an dieser Stelle das Wesen einer Depression erläutern, ich selbst habe viele Jahre an Bipolarität mit psychotischen Schüben gelitten. Eine depressive Phase äußert sich in beklemmender Antriebslosigkeit, man igelt sich ein, es wird einem alles zu schwer. Das geht dann über in Schuldgefühle, man schämt sich und fühlt sich nutzlos. Deshalb meidet man jeglichen Kontakt. Wenn so eine Phase etwa 2 Wochen andauert, dann ist eine Behandlung notwendig. <BR /><BR /><b>Und gerade in diesen Phasen kann der Wunsch manifest werden, dem eigenen Leben ein Ende zu bereiten?</b><BR />Santifaller: Man geht davon aus, dass das bei etwa jedem zweiten Betroffenen der Fall ist. Das bedeutet nicht, dass man es auch tatsächlich versucht, denn vielfach fehlt dazu einfach die Energie. Doch jeden Tag finden Suizidversuchte statt, in etwa nimmt sich in Südtirol in jeder Woche eine Person das Leben. Und so verhielt es sich eben auch beim mir: Ich sehnte ein Ende herbei und habe den Suizid versucht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="939346_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was hat geholfen?</b><BR />Santifaller: Bei mir waren es recht einfache Dinge: Die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Speziell Meditation, Atemübungen und spirituelle Übungen, auch Schwimmen und Saunieren. Es geht auch darum, die Sinne zu schärfen und den Körper zu spüren. Auf diese Weise bekommt man das quälende Gedankenkarussell in den Griff. Dazu die professionelle Hilfe im Netzwerk der psychiatrischen Dienste, selbstverständlich auch die notwendigen Medikamente. Mittlerweile bin ich seit 6 Jahren frei von Depressionen, dafür bin ich unheimlich dankbar. Das war für mich eigentlich unvorstellbar.<BR /><BR /><b>Wie haben Sie das Leben vorher mit den bipolaren Schwankungen in Erinnerung?</b><BR />Santifaller: Man kann es als langen Prozess des Suchens bezeichnen. Die Schübe machten sich bereits in der Oberschule bemerkbar, ich war ja Landesleiter der Katholischen Jugend und Geschäftsführer des Jugendrings sowie 6 Jahre lang Grundschullehrer. Viele Jahre gelang es mir, die Bipolarität zu verdecken. Danach bin ich in ein spirituelles Zentrum gegangen, kam dann in Deutschland von einer Psychiatrie zur nächsten, hatte immer wieder mal unter Psychosen und Panik zu leiden. Schließlich kehrte ich im Jahr 2000 nach Südtirol zurück, habe viele Praktika gemacht, eines davon vor 10 Jahren im Krankenhaus von Brixen. Dort gelang es mir, mein Leben neu auszurichten und die Depressionen zu besiegen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="939349_image" /></div> <BR /><BR /><b>Grundsätzlich sollte man also die Signale unserer Mitmenschen wahrnehmen und auch mal nachfragen, oder?</b><BR />Santifaller: Ja, genau. Zunächst einmal ist es für uns alle wichtig, über Symptome dieser Krankheit Bescheid zu wissen. Und wir müssen ein Auge auf uns selbst und unsere Mitmenschen haben, etwa wenn sich jemand zurückzieht und seine Verhaltensweisen ändert. Dann braucht es den Mut und die Klarheit, die Dinge anzusprechen, zu handeln. Je früher das passiert, desto besser. Es gibt überall Anlaufstellen und Menschen, die einem die Augen öffnen können, die einem andere Perspektiven aufzeigen. Dann erkennt man: In jeder Krise steckt auch eine Chance und die Gelegenheit für einen Neuanfang.<h3> HIER GIBT ES HILFE</h3>Betroffene sowie Angehörige können sich an verschiedene Anlaufstellen wenden: <BR /><BR />Im akuten Notfall an die Notaufnahmen eines Krankenhauses, den Hausarzt oder den Notruf 112.<BR /><BR />Anonyme Beratungen bieten die Caritas-Telefonseelsorge (rund um die Uhr, Tel. 0471/052 052) und Young+Direct (Tel. 0471/155 1551 oder Mail: online@young-direct.it. <BR /><BR />Allgemeine Info im Internet: <a href="https://www.suizid-praevention.it/de/netzwerk-suizidpraevention-1231.html" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.suizid-praevention.it.</a><BR /><BR /><BR />