Montag, 09. Juli 2018

Erfolge in Höhlendrama: Aus der Höhle in die Quarantäne

Bei der Rettung der Fußball-Teams aus der Höhle in Thailand gibt es erste Erfolge. Aber ausgestanden ist die gefährliche Aktion noch lange nicht. Die Risiken sind enorm.

In dieser Klinik werden die geretteten Kinder erwartet.
In dieser Klinik werden die geretteten Kinder erwartet. - Foto: © APA/AFP

Das Provinzkrankenhaus von Chiang Rai ist ein trister Zweckbau. 14 Stockwerke hoch, kleine Fenster bis ganz nach oben, überall riecht es nach Klinik. Aber für Pipat Pho, Spitzname Nick, muss das jetzt so ungefähr der schönste Ort auf Erden sein. Der 15 Jahre alte Thailänder ist einer der ersten Jungen, die nach zwei Wochen in fast kompletter Dunkelheit von Spezialtauchern aus ihrer Höhle gerettet wurden. Was bedeutet dagegen schon Krankenhaus?

Zusammen mit drei anderen liegt Pipat seit Sonntagabend im achten Stock, in einer Art Quarantäne. Die Ärzte checken die jungen Spieler der Fußballmannschaft namens Moo Pah („Wildschweine“), die sich am 23. Juni mit ihrem Trainer in der Tropfsteinhöhle Tham Luang-Khun Nam Nang Non, ganz oben an der Grenze zu Myanmar, verirrt hatten, jetzt durch. Aufs Gründlichste.

15 Tage Todesangst

Es geht nicht nur darum, ob einer von ihnen in der Tropfsteinhöhle körperliche Gebrechen davon getragen hat. Man hat eine Vorstellung davon, wie Kindern zumute ist, die 15 Tage lang Todesangst durchgestanden haben – auch wenn sie auf den Videos aus dem Inneren der Höhle ziemlich munter wirkten.

Aus Sorge, dass sich jemand unerlaubt Zutritt verschaffen könnte, hat die Polizei den achten Stock komplett abgeriegelt. Anfangs dürfen nicht einmal die Eltern hinein. Nur die Nachricht, dass es für die Kinder auf deren Wunsch Pad Kra Pao gab, Thai-Hühnchen mit Reis und Basilikum, dringt nach draußen.
Aber noch ist ein Gefühl wie Erleichterung hier ganz weit weg. Denn draußen in der Höhle, etwa 50 Kilometer weiter, kämpfen die Taucher zur gleichen Zeit immer noch um das Überleben der anderen: acht Jungen, der Älteste eben 17 geworden, und ihres 25 Jahre alten Betreuers. Nach dem Erfolg vom

Wetter spielt mit

Sonntag hat sich die Stimmung deutlich gebessert. Sogar das Wetter spielt mit. Nach all dem Regen scheint am Montag stundenlang die Sonne.
Als Provinzgouverneur Narongsak Osottanakorn den Beginn der zweiten Rettungsaktion bekanntgibt, sagt er: „In ein paar Stunden werden wir gute Nachrichten bekommen.“ Als Leiter des Einsatzes muss er jetzt auch den Mutmacher geben. Gegen 16.25 Uhr Ortszeit kommt tatsächlich die Information, dass ein fünfter Junge gerettet ist. Dann ist von Nummer sechs und sieben die Rede.

Aber trotzdem ist allen klar, wie irrsinnig gefährlich nach wie vor diese Idee ist: eine Gruppe von Kindern, die keinerlei Erfahrung im Tauchen haben, vier Kilometer durch eine überflutete Höhle zu lotsen.

An manchen Stellen ist der Weg hinaus so eng, dass die Profitaucher ihre Pressluftflaschen abschnallen müssen – an der engsten Stelle angeblich gerade einmal 40 Zentimeter breit. Darüber hinaus kann man im Wasser vielerorts kaum sehen. Hier kann man sehr leicht in Panik geraten. Der kleinste Fehler – von einem der Taucher, aber auch einem der Jungen – kann tödlich sein.
Und keiner hat vergessen, dass bei den Vorbereitungen letzte Woche ein erfahrener thailändischer Taucher ertrank. Wenn selbst Profis das nicht überleben, wie sollen es dann die Kinder schaffen?, fragen sich manche.

Taucher nehmen jeden Einzelnen ins Schlepptau

Jetzt nehmen jeweils zwei Retter die Jungen einzeln ins Schlepptau. Alle stecken in Taucheranzügen, haben Taucherbrillen auf und werden von ihren Begleitern mit Luft versorgt. Sicherheitshalber, so verrät der dänische Taucher Ivan Karadzic, einer aus dem Kernteam von 13 internationalen Profis, hat man den Jungen der ersten Vierer-Gruppe aber auch noch starke Beruhigungsmittel verpasst.

„Wir hatten uns alle möglichen Katastrophenszenarien ausgemalt – Ausrüstung, die kaputt geht, und Kinder, die in Panik geraten, ertrinken oder wiederbelebt werden müssen“, sagt Karadzic. „Wir waren vorbereitet, doch nichts ist passiert. Alle waren auf ihren Posten und taten genau, was sie sollten.“ Der Däne gehört zu den Tauchern, die am Montag erst einmal pausierten. Am Dienstag soll es für ihn weitergehen.

Niemand weiß, wie lange die Aktion noch dauert

Denn noch weiß niemand, wie lange die Aktion noch dauern wird. Für die nächsten Tage sagt der Wetterbericht wieder viel Regen voraus. In Südostasien hat die Monsun-Saison gerade erst begonnen. Deshalb ist der Rettungseinsatz auch ein Kampf gegen die Zeit. Wenn die Jungen und der Trainer weiterhin in Vierer-Gruppen nach draußen gebracht werden, würde es mindestens Dienstagabend, eher Mittwoch.

Selbst wenn, wie durch ein Wunder, alles gut gehen sollte – so lange müssen sich Familien und Freunde möglicherweise noch gedulden. Überall wird gebetet, überall laufen die Fernseher. Zu den Leuten, die während der Rettungsaktion besonders mitfiebern, gehören die Schüler der Prasitsart-Oberschule in Mae Sai, der nächstgelegenen Stadt. Dort gehen sechs der zwölf Jungen zur Schule.

„Wir haben viele Hausaufgaben“

Der 14-jährige Warangchit Kankaew war selbst schon vier Mal in der Höhle. „Ich bin sehr glücklich, dass es die ersten geschafft haben“, sagt er. „Und hoffe, dass die anderen auch bald alle herauskommen.“ Ein anderer Junge, Pansa Sompienjai (15), sieht die Sache ganz praktisch. „Die sollen sich beeilen, denn wir haben sehr viele Hausaufgaben.“ Zumindest diese Sorge ist allerdings unberechtigt: Die Schule kündigte am Montag an, dass die Jungen von Klassenarbeiten erst einmal befreit sind. Wenn sie überhaupt alle glücklich herauskommen.

dpa

stol