Von Heute auf Morgen verschwand ihr damals um die 20 Jahre alter Sohn; zu jener Sekte, der auch die beiden Frauen angehören, die jüngst auf dem Bozner Flughafen mit einem selbst gebastelten Pass einchecken wollten ( <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/sekten-pass-mit-blut-statt-ausweis-2-suedtirolerinnen-duerfen-nicht-ausreisen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">wir haben berichtet</a>). Mehrere Jahre lang brach er den Kontakt ab, zahlte weder Steuern noch Rechnungen. „Ich habe meinen Sohn damals nicht wieder erkannt – er war wie fremdgesteuert. Aber ich habe ihn nie aufgegeben. Denn die Liebe einer Mutter bleibt“, erklärt die Mutter im Interview mit s+.<BR /><BR />Eigentlich hatte die Familie aus Südtirol ein normales Leben geführt: Klaudia hatte eine gute Beziehung zu ihren Söhnen, die Familie war glücklich. Bis ihr jüngster Sohn im Sommer 2021 der Gruppe „Noi È Io Sono“ verfiel – einer radikalen Gruppe von Staatsverweigerern. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66879961_listbox" /><BR /><BR /><BR />Im Interview erklärt Klaudia* (Name von der Redaktion geändert), wie ihr Sohn Simon* (Name von der Redaktion geändert) Teil der Sekte wurde, wie die Mutter Jahre lang damit zurecht kommen musste und wie ihr Sohn wieder zu ihr zurückfand. <BR /><BR /><b>Was geht Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie an „Noi È Io Sono“ denken?<BR /></b>Klaudia: Eine wilde Wut, weil es mir das alles so unsinnig vorkommt, den Staat komplett zu boykottieren und weder Rechnungen noch Steuern zu bezahlen. Das ist so ein undurchdachtes Konzept. Noch heute zahlen wir Strafzettel und Mahnungen von damals ab. Aber langsam sollte der Spuk ein Ende haben. Das ist jedoch das kleinste Übel, wir sind einfach nur froh, dass Simon zurückgekehrt ist.<BR /><BR /><BR /><b>Wie ist Ihr Sohn in die Sekte gerutscht?<BR /></b>Klaudia: Der Grundstein wurde in der Corona-Pandemie gelegt. Simon war unzufrieden und konnte die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie nicht nachvollziehen. Anfang 2021, als er um die 20 Jahre alt war, lernte er seine damalige Freundin kennen. Am Anfang wirkte alles normal: Er war frisch verliebt, wirkte glücklich. Nach ein paar Monaten merkte ich jedoch, wie sich Simon veränderte. Eines Abends kam ich nach Hause und er hatte seine Sachen gepackt. Von einen Tag auf den anderen brach er den Kontakt zu uns ab und zog bei der Familie seiner Freundin ein – allesamt Staatsverweigerer. Letzthin wussten wir nicht einmal mehr, wo er sich aufhielt. Er war einfach weg. 2 Jahre lang.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66879965_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wussten Sie auf Anhieb, was Sache war?<BR /></b>Klaudia: Zum Glück hatte ich mich in der Vergangenheit bereits mit dem Thema Sekte befasst, weshalb es mir ziemlich bald dämmerte. Jedoch wussten wir erst nach rund einem Jahr, dass es sich um die Staatsverweigerer von „Noi È Io Sono“ handelt. Erst, nachdem ich das, was vorgefallen war, der Sektenberatung und meiner Psychologin geschildert hatte. Sie erzählten mit zum ersten Mal von der Sekte.<BR /><BR /><BR /><b>Wie hat sich Ihr Sohn in dieser Zeit verändert?<BR /></b>Klaudia: Simon war ein anderer Mensch, ich habe ihn damals nicht wiedererkannt. Die Worte, die er sprach, waren nicht seine eigenen – er war wie fremdgesteuert. Simon war schon immer sehr sensibel und feinfühlig, damals verhielt er sich jedoch sehr aggressiv und war abweisend. Er brach mit der gesamten Familie den Kontakt ab. Nur bei mir meldete er sich äußerst sporadisch. Obwohl sich die gesamte Familie eigentlich so nahestand. Er machte uns unbegründete Vorwürfe, er boykottierte einfach alles. Nicht so, wie man es von pubertierenden Teenagern kennt; er war einfach wesensverändert. Einmal, als ihn sein Bruder besuchen wollte, freute er sich sichtlich, ihn zu sehen. Kaum stellte sich die Familie seiner Freundin zu ihm an die Tür, wurde er wieder abweisend und versuchte, ihn abzublocken. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66879966_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie sah sein Leben damals aus?<BR /></b>Klaudia: Er lebte mit der Familie seiner Freundin sehr abgekapselt, war der Einzige, der arbeitete. Er ging manchmal mit Hunden im Dorf Gassi, ansonsten verkehrte er nur mit seiner Freundin und ihrer Familie oder deren Bekannten. Sie spielten ständig dasselbe Spiel durch: Ließen sich irgendwo nieder, machten Anschaffungen, für die sie nie aufkamen und hinterließen einen riesen Schuldenberg. Die Rechnungen und Mahnungen, die reihenweise ins Haus flatterten, ließen sie einfach in einem Schrank verschwinden. Wenn es für sie zu eng wurde, zogen sie weiter. Und der Spuk ging von vorne los.<BR /><BR /><b>„Universalpass“, Rechnungen, Steuern?<BR /></b>Klaudia: Wie für die Anhänger von „Noi È Io Sono“ typisch, erkannte er weder Staat noch Regierung und die damit verbundenen Institutionen an; ließ sich von niemandem etwas sagen, außer von gleichgesinnten Staatsverweigerern. Dementsprechend hatte er sich auch einen „Universalpass“ gebastelt, der mit seinem Blut gestempelt und von „Noi È Io Sono“ ausgestellt worden war. 2 Jahre lang zahlte Simon weder Rechnungen noch Steuern.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1081950_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie ging es Ihnen als Mutter in dieser Zeit? Wie war Simons Verhältnis zu seiner Familie?<BR /></b>Klaudia: Als Mutter war es der blanke Horror. Er hatte nur zu mir sporadisch Kontakt. Auch, wenn er dabei immer aggressiv und abweisend war. „Besser aggressiven als keinen Kontakt“, dachte ich mir damals. Dabei versicherte ich ihm stets, dass er immer einen Platz bei uns zu Hause habe; wir ihn stets mit offenen Armen empfangen werden. Er könne immer nach Hause zurückkehren, egal was kommt. Aber es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Jedes Mal, als ich an seinem leer geräumten Zimmer vorbeiging, versetzte mir das einen Stich ins Herz. Es war die reinste Qual. In den 2 Jahren habe ich ihn nur 3 Mal gesehen. Das zweite Mal bei der Beerdigung meines Vaters. Damals trug er eine Blume zum Grab und verschwand dann auch schon wieder. Doch die Liebe einer Mutter bleibt.<BR /><BR /><b>Was war das schlimmste Erlebnis in jener Zeit?<BR /></b>Klaudia: Die Ungewissheit. Nicht zu wissen: Wo ist mein Sohn, in welche finanziellen Probleme reitet er sich rein? Was haben wir falsch gemacht? Besonders schlimm war es auch, als sich Verwandte und Bekannte nach Simon erkundigten und wir keine Antworten parat hatten. Wir kannten die Antworten selbst nicht, obwohl wir uns doch einst so nahestanden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66879967_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie hat sich Simon von „Noi È Io Sono“ gelöst?<BR /></b>Klaudia: Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem sich nach 2 Jahren alles zum Guten gewandt hat: Ich hatte schon fast die Hoffnung verloren, bis mir im Sommer 2023 eine fremde Nummer auf WhatsApp schrieb. „Hallo Mama, ich hab dich nicht blockiert. Ich hab nur eine neue Nummer.“ Damals saß Simon in einem Zug Richtung Süden. Die Familie seiner Freundin hatte ihn – als einzigen, der arbeitete – in eine andere Region geschickt. Um zu arbeiten. Von seiner Freundin hatte er sich getrennt. Von da an waren wir ständig in Kontakt. Ich saß auf der Terrasse und kniff mich, weil ich es nicht glauben konnte. 2 Tage später holten wir Simon vom Bozner Bahnhof ab: Mit rund 1,80 Meter wog er nur mehr 55 Kilo. Eine Kiste und ein Rucksack waren alles, was ihm noch geblieben war. Seine Nächte hatte er vor seiner Rückkehr auf einer Holzbank verbracht. Er wirkte sehr verängstigt, fragte bei jeder Kleinigkeit mehrmals nach, konnte nicht richtig essen...<BR /><BR /><b>Wie geht es ihm und Ihnen als Familie heute?<BR /></b>Klaudia: Heute geht es uns zum Glück wieder gut. So schlimm das Ganze auch war, es hat uns als Familie zusammengeschweißt. Wir wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, Zeit gemeinsam zu verbringen. Simon hat inzwischen seine Ausbildung, die er damals abgebrochen hatte, abgeschlossen. Er ist sportlich und viel in den Bergen unterwegs. Jedoch hat er einen hohen Preis zahlen müssen: In diesen 2 Jahren hat mein Sohn alles verloren und musste sich von Null auf ein komplett neues Leben aufbauen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66879968_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie sieht Ihr Sohn „Noi È Io Sono“ heute?<BR /></b>Klaudia: Ich denke, er hat bereits bevor er ausgestiegen ist, an der Sekte, ihren Methoden und Ansätzen gezweifelt. Als er im Sommer 2023 zu uns zurückgekehrt ist, war er vollends überzeugt von seiner Entscheidung und hatte bereits mit der Sekte gebrochen. Heute sieht er „Noi È Io Sono“ mit anderen Augen und merkt selbst, dass das Ganze zu nichts als Problemen geführt hat. Dass er einen teuren Preis dafür zahlen musste. „Aber weißt du, Mama, ich habe damals einfach an die Liebe geglaubt“, erklärte er mir nach seinem Ausstieg.<BR /><BR /><b>Was möchten Sie Angehörigen sagen, die sich in derselben Misere wiederfinden?<BR /></b>Klaudia: Sucht psychologische Hilfe und wendet euch an Sektenberatungsstellen. Aber am wichtigsten: Gebt eure Kinder, Freunde und Verwandten niemals auf! Versichert ihnen ständig, dass sie immer einen Platz in eurem Herzen haben und stets zurückkommen können – egal was kommt. Versucht, den Kontakt nicht komplett abbröckeln zu lassen. Wenn sie keinen Kontakt außerhalb solcher radikalen Gruppen oder Sekten haben, dann sind sie verloren. Lasst sie bei jeder Möglichkeit, die sich euch bietet, wissen, dass ihr sie immer mit offenen Armen empfangen werdet. Ganz gleich, was kommt! <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-66879969_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was möchten Sie jenen Menschen sagen, die Ihren Sohn angeworben haben?<BR /></b>Klaudia: Jeder soll sein Ding machen, jedoch dabei niemandem den Frieden rauben, geschweige denn ganze Familien zersprengen. Ich finde es egoistisch, dass Sekten oder ähnliche Gruppen besonders in Krisen-Zeiten die Unsicherheiten von Menschen ausnutzen, um sie anzuwerben. Außerdem finde ich es schlichtweg arrogant, sich selbst als eine „elitäre“ Minderheit darzustellen, die alles durchschaut hätte, während die restliche Bevölkerung und der Staat nicht nur boykottiert werden, sondern komplett aus dem Leben gestrichen. Generell finde ich, dass jegliche extreme Haltung nichts Gutes mit sich bringt.<BR /><BR /><b>Was wünschen Sie sich für die Zukunft?<BR /></b>Klaudia: Dass das Thema Sekte nicht mehr tabuisiert wird. Hier in Südtirol ist es noch immer tabu, über Sekten zu sprechen. Das führt dazu, dass zu wenig darüber gesprochen wird. Ich habe zum Beispiel erst nach einem Jahr verstanden, dass es sich um „Noi È Io Sono“ handelt. Würden solche Themen häufiger angesprochen, hätte ich vielleicht eher verstanden, was los war. Hätte eher gewusst, dass es nicht meine Schuld ist, oder wie ich mich zu verhalten habe. Darüber hinaus leben wir in unsicheren Zeiten, eine Krise löst die nächste ab. Und wenn Menschen Angst haben, suchen sie. Gruppen, die dies ausnutzen, sind auf dem Vormarsch. Deshalb ist es wichtiger denn je, dieses Thema offen anzugehen und darüber zu sprechen.