<b>Herr Diaby, beginnen wir von vorne. Wie hat es Sie nach Meran verschlagen?</b><BR />Bassamba Diaby: Aus Zufall. Ich habe meine ersten Monate in Europa zunächst in der Nähe von Stuttgart, dann in Zürich verbracht. Aber weil Italien mit den Einreisedokumenten am flexibelsten war, stand ich dann auf Anraten eines Bekannten, der in Meran wohnte, Ende 1999 am Bozner Bahnhof. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es Meran gibt.<BR /><BR /><b>Wie haben Sie Ihren Lebensunterhalt verdient?</b><BR />Diaby: Ich musste natürlich zum Leben der Familie, bei der ich wohnte, beitragen und ich wurde – es war gerade Weihnachtszeit – für 6 Monate zum ,Vu cumprà‘ und habe Uhren verkauft. Aber ich habe mich so geschämt, weil ich immer wieder angeschrien und verjagt wurde.<BR /><BR /><b>Sie sprachen kein Italienisch, oder?</b><BR />Diaby: Nein, aber genau zu der Zeit organisierte die CGIL Abendkurse für Einwanderer. Und so habe ich Italienisch gelernt. Die Sprache ist der Türöffner zur Gesellschaft. Gleichzeitig habe ich die italienische Handelsoberschule besucht und die Matura gemacht.<BR /><BR /><b>Sprechen Sie Deutsch?</b><BR />Diaby: Ich verstehe Deutsch, aber weil die Menschen Dialekt sprechen, macht es das schwierig. Aber alle meine 3 Kinder besuchen deutsche Schulen und zuerst den deutschen Kindergarten. Meine Frau versteht auch Deutsch. Zweisprachigkeit ist für mich eine grundlegende Wahl.<BR /><BR /><b>Wie haben Sie Ihre 25 Jahre in Südtirol erlebt?</b><BR />Diaby: Schauen Sie, ich bin 1,92 Meter groß, ich falle alleine schon wegen meiner Körpergröße auf. Aber ich habe auch bemerkt, wenn ich alleine unterwegs war, dass die Leute ihre Handtaschen entweder versteckten oder an den Körper drückten. Seitdem habe ich mir angewöhnt, meine Hände in die Hosentasche zu stecken, wenn ich unterwegs war. Und wie leicht kann jemand sagen, der hat mich angefasst. <BR /><BR /><b>Und wer Sie kennt...?</b><BR />Diaby: Da gibt es glücklicherweise keinerlei Probleme. Und in Meran kennt ja eh beinahe jeder jeden. So gesehen geht’s mir gut. Und ich bin ja wie die Petersilie, überall anzutreffen.<BR /><BR /><b>Sie sind der erste Gemeinderat aus Subsahara-Afrika in Südtirol. Mit welchem Gefühl sehen Sie Ihrer Aufgabe als künftiger Meraner Gemeinderat entgegen?</b><BR />Diaby: Mit gemischten Gefühlen – einerseits mit Stolz, andererseits mit einer gewissen Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden.<BR /><BR /><b>Was bereitet Ihnen Sorge?</b><BR /> Diaby: Als Gemeinderat der Einwanderer etikettiert zu werden. Das möchte ich nicht. Denn ich sehe mich nach 25 Jahren als Adoptivsohn Merans und nicht mehr nur als Einwanderer. Insofern möchte ich mich für die Bedürfnisse aller Meraner Bürger einsetzen. Ich möchte nicht, dass manche glauben, dass ich im Gemeinderat sitze, nur um für Einwanderer zu kämpfen. Ich habe in Sinich eine Wohnung gekauft, gehöre dem Stadtviertelrat an und setze mich für Sinich ein – und als Gemeinderat eben für Meran.