Im Interview spricht sie über die vielen Formen häuslicher Gewalt, steigende Anfragen und die schwierige Suche nach Auswegen. von Karl Tschurtschenthaler<BR /><BR /><b> Frau Palfrader, was löst ein Fall wie jener im Antholzer Tal bei Ihnen als Verantwortliche des Frauenhausdienstes Bruneck aus?</b><BR />Ingrid Palfrader: Wir arbeiten täglich mit Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind und sowohl psychische als auch körperliche Übergriffe erleben. Körperliche Gewalt und Einsätze der Ordnungskräfte sind leider keine Seltenheit, auch wenn die Öffentlichkeit nur vereinzelt davon erfährt. Wir sehen einen solchen Vorfall daher leider nicht als Ausnahmefall, auch wenn jeder einzelne Fall erschütternd ist. Häusliche Gewalt ist auch in Südtirol Realität. Sie betrifft Frauen aller Altersgruppen, aller Bildungsniveaus und aller sozialen Schichten. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme kommt sie nicht nur in Familien mit Migrationshintergrund oder in sozial benachteiligten Verhältnissen vor.<BR /><BR /><b>Wie oft werden Sie im Frauenhausdienst Bruneck mit Fällen von häuslicher Gewalt konfrontiert? Und lässt sich in den vergangenen Jahren eine Entwicklung feststellen – nehmen die Fälle zu oder ab?</b><BR />Palfrader: Im Jahr 2024 haben sich laut ASTAT-Erhebung südtirolweit insgesamt 823 Frauen an einen Frauenhausdienst gewandt. 99 Frauen davon sind zum Frauenhausdienst in Bruneck gekommen. Die Fälle nehmen jährlich zu. Im laufenden Jahr 2026 verzeichnen wir bereits jetzt einen deutlichen Anstieg der Anfragen. Daraus können wir allerdings nicht automatisch schließen, dass häusliche Gewalt zugenommen hat. Vielmehr sehen wir darin auch ein positives Signal: Immer mehr Frauen wissen, dass es Unterstützungsangebote gibt, und finden auch den Mut, Hilfe anzunehmen.<BR /><BR />Wichtig ist zudem, sich vor Augen zu führen, was hinter diesen Zahlen steht: Wenn sich in Südtirol im Jahr 2024 insgesamt 823 Frauen an einen Frauenhausdienst gewandt haben, weil sie häusliche Gewalt erleben, dann stehen diesen 823 Frauen mindestens 823 gewalttätige Männer gegenüber, die in unserem Land leben. <BR /><BR /><b>Welche Formen von häuslicher Gewalt erleben Sie in Ihrer täglichen Arbeit besonders häufig?</b><BR />Palfrader: Wir erleben alle Formen häuslicher Gewalt. Die häufigste und gleichzeitig auch schmerzhafteste Form ist die psychische Gewalt. Erniedrigungen, Beschimpfungen, Drohungen, Kontrolle, Demütigungen und Isolation hinterlassen zwar keine sichtbaren Spuren, verursachen aber tiefe seelische Verletzungen. Viele Betroffene berichten, dass diese Verletzungen oft schmerzhafter sind als körperliche Gewalt.<BR /><BR /><b>Gibt es bestimmte Warnsignale, bei denen Angehörige, Freunde oder Nachbarn erkennen können, dass eine Beziehung möglicherweise von Gewalt geprägt ist?</b><BR />Palfrader: Es gibt fast immer Warnsignale. Betroffene versuchen häufig, sich mitzuteilen, doch ihre Hilferufe sind oft sehr leise, zögerlich und von Angst begleitet. Einerseits wünschen sie sich Hilfe, andererseits wollen sie das „Geheimnis“ schützen und niemandem einen Einblick in das Familienleben geben. Ein Warnsignal ist häufig, wenn eine Frau den Kontakt zu Familie und Freunden zunehmend abbricht, sich zurückzieht oder niemanden mehr zu Hause empfangen darf.<BR /><BR /><b>Was geht in Tätern vor, dass sie gewalttätig werden?</b><BR />Palfrader: Es geht letztlich immer um Macht und Kontrolle. Gewalt wird eingesetzt, um Kontrolle einzufordern und die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Dahinter stehen häufig veraltete und ungesunde Rollenbilder sowie stereotype Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen zu sein haben.<BR /><BR /><b>Warum fällt es betroffenen Frauen oft so schwer, sich aus einer gewaltvollen Beziehung zu lösen oder Hilfe zu suchen?</b><BR />Palfrader: Frauen, die Gewalt erleben, leben meist in ständiger Angst – sowohl vor dem Gewalttäter als auch vor der Zukunft. Diese dauerhafte Belastung schwächt viele Betroffene psychisch und körperlich. Hinzu kommt, dass sich viele für ihre Situation schämen. Sie schämen sich nicht nur dafür, dass ihnen Gewalt widerfährt und dass diese Gewalt in ihrer Familie stattfindet, sondern auch dafür, dass es ihnen bisher nicht gelungen ist, die Situation zu beenden. Dabei ist eines klar: Die Betroffenen tragen niemals die Schuld an der Gewalt. Die Verantwortung liegt immer beim Täter.<BR /> <BR />Gleichzeitig glauben viele Betroffene lange Zeit, dass sich der Partner ändern wird und dass die Gewalt aufhört. Sie hoffen, dass die Beziehung wieder so wird, wie sie einmal war, was aber nie passiert.<BR /><BR /><b>Welche Hilfsangebote gibt es im Pustertal für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind?</b> Palfrader: Bei uns im Pustertal können sich betroffene Frauen an den Frauenhausdienst Bruneck wenden. Wir bieten Beratung, Begleitung und konkrete Unterstützung an. Falls notwendig, besteht auch die Möglichkeit, in einer geschützten Unterkunft aufgenommen zu werden, damit Frauen und ihre Kinder nicht in einer Gefahrensituation verbleiben müssen.<BR /> <BR />Hilfe und Schutz bieten natürlich auch die Ordnungskräfte. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gewalt eine Straftat ist. Betroffene Frauen erhalten zudem Unterstützung in den Sanitätsbetrieben, insbesondere im Rahmen des Projektes „Erika“.<BR /><BR />Das Allerwichtigste ist jedoch, überhaupt mit jemandem darüber zu sprechen und sich anzuvertrauen. Viele Frauen fühlen sich alleine und glauben, es gäbe keinen Ausweg – doch es gibt immer Hilfe.<BR /><BR /><b>Wo sehen Sie persönlich beim Thema Prävention noch den größten Handlungsbedarf? In den Schulen, bei der Aufklärung, bei Polizei, Politik oder im sozialen Bereich?</b><BR />Palfrader: Jeder kennt Gewalt, jeder erkennt Gewalt und jeder sagt, er sei gegen Gewalt. Trotzdem wird häusliche Gewalt häufig noch verharmlost oder als Angelegenheit betrachtet, die innerhalb der Familie zu lösen sei. Dabei ist Gewalt keine Privatsache, sondern ein gesellschaftliches Problem.<BR /><BR />Prävention, Information, Sensibilisierung und Aufklärung sind sehr wichtig, und zwar in allen Bereichen: in den Familien, in den Schulen, am Arbeitsplatz, in den Medien und in der Gesellschaft insgesamt. Es geht darum, ungesunde und veraltete Rollenbilder sowie Stereotype zu verändern und dadurch Diskriminierung abzubauen. Es geht darum, eine gesunde, sichere und freie Gesellschaft zu schaffen, und zwar für uns alle.<BR /><BR /><b>Was würden Sie einer Frau sagen, die gerade Gewalt in ihrer Beziehung erlebt, sich aber noch nicht dazu durchringen kann, Hilfe zu suchen?</b><BR />Palfrader: Ich bin für dich da, und ich helfe dir wirklich, wann immer du bereit dafür bist.