Hier das bewegende Interview, das unter die Haut geht.<BR /><BR /><b>Frau Lorenzetti, Sie und Ihre Familie haben am 12. Dezember 2020 Ihre Mutter an Covid verloren. Trauer und Schmerz hallen besonders intensiv nach. Warum?</b><BR /><BR />Barbara Lorenzetti: Die Covid-Infektion und dann der Tod unserer Mami waren wie ein Erdbeben, ein tiefer Riss für unsere Familie. Es ist Mamis einsames Sterben, ihre körperliche und seelische Qual, die uns plagen. Dieses Virus hat uns unsere Mami regelrecht entrissen. Es hat sie von uns isoliert. Eine traumatische Erfahrung, wobei Trauer und Riss bleiben und sich nur verändern.<BR /><BR /><b>Wie würden Sie Ihre Mutter beschreiben?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Wir hatten ein sehr enges Verhältnis. Sie war ein sonniger Mensch, ihre Liebe zu uns bedingungslos. Sie war mit wenig zufrieden, genügsam eben wie viele Menschen dieser Generation, und für alles und jedem dankbar. Ein Mensch, der niemandem zur Last fallen wollte. Noch im Krankenhaus sagte sie zu den Krankenpflegerinnen, kümmert euch um die anderen, die haben es nötiger. Und sie war sehr gläubig, die Muttergottes hat sie sehr verehrt. Das gab ihr viel Kraft.<BR /><BR /><b>Wann kündigte sich das Erdbeben in Ihrer Familie an?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Unsere Mami wurde am 18. Oktober 2020 positiv getestet, Papi war auch infiziert. Sie 80 und der 83; 58 Jahre verheiratet. Allein daheim auf sich gestellt. Wir durften nicht mehr in die Wohnung, mussten die Einkäufe vor der Tür abstellen und konnten uns nur mehr am Telefon hören und ihnen nur einmal zu Beginn der Infektion auf dem Balkon zuwinken. Danach waren sie zu schwach aufzustehen. Mamis Schwester Ulla konnte wegen des Lockdowns nicht von Bozen nach Meran kommen, um ihr wenigstens zuzuwinken.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748289_image" /></div> <BR /><BR /><b><BR />War sie Risikopatientin?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Unsere Mami war onkologische Patientin, sie hatte ein Lymphom, aber von ihrem Aussehen und ihrer Agilität hätte man ihr eher 70 als 80 Jahre gegeben. Ihre geschwächte Abwehr hatte dem Virus aber nichts entgegenzusetzen.<BR /><BR /><b>Wann kippte die Situation?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Am 17. November 2020 musste sie ins Krankenhaus. Sie hatte einen schweren Husten, starke Schmerzen und hat wegen einer beidseitigen Lungenentzündung schwer geatmet. Aber sie ging noch zu Fuß zum Rettungswagen und winkte unserem Papi zu, der sie ja nicht begleiten durfte. In der ersten Woche auf der Geriatrie hat sie uns noch vom Fenster herunter zugewinkt. Meinem Vater hatte die Infektion auch sehr zugesetzt, aber sobald er so viel Kraft hatte, stützte er sich auf sein Fahrrad auf und schob es unter das Krankenhausfenster, um ihr zuzuwinken. In den ersten 10 Tagen konnten wir noch ab und zu telefonieren – ein Mal auch mit einem Videoanruf.<BR /><BR /><BR /><b>Dann nicht mehr?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Nein, weil sie danach einen Beatmungshelm tragen musste, um besser atmen zu können. Das Zischen im Helm machte das Telefonieren für Mami unmöglich. <BR /><BR /><b>Wie ließen Sie in dieser Zeit Ihre Mami Nähe spüren?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Wir haben Briefe geschickt. Da war ein ganzer Stapel auf ihrem Nachtkästchen von uns, von ihren Enkeln Sofia und Leonardo, von ihren Geschwistern. Wir waren präsent, wie viel wir nur durften. Wir haben ,Keksln„ und Fotos geschickt, die aufgehängt wurden. Die Enkel bastelten ihr einen Adventkalender mit ,Sackln„ bis zum 12. Dezember, weil wir glaubten, dass sie da spätestens wieder zu Hause sein würde. <BR /><BR /><b>Haben Sie sie in der Zeit sehen dürfen?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Ja, Ende November bevor sie auf die Intensivstation gebracht werden musste, durften wir kur zu ihr – mit Schutzanzug, Brille, Maske, Haube und Handschuhen. Sie wirkte ein bisschen verwirrt. Das Zischen im Helm machte es ihr auch nicht leichter. Wir haben ihre Hände gehalten, sie noch geherzt und waren guter Hoffnung. Aber nicht nur wir: In der Geriatrie hatten sie das Bett für unsere Mami frei gehalten, weil alle davon ausgegangen sind, dass sie bald dorthin zurückkommen werde. Diese Krankheit ist unvorhersehbar mit ihren Auf und Abs.<BR /><BR /><b>Ein besonderes Auf?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Am 4. Dezember. Da bekam ich noch ein Foto von ihr, auf dem sie lächelt, winkt und mir alles Gute zum Namenstag ausrichten lässt. Man muss wissen, dass Mami die 12 Tage auf der Intensivstation in Bauchlage mit Beatmungsmaske verbringen musste. Trotzdem wurde die von Atemnot und Dekubitus-Wunden geplagt. Aber sie behielt sich ihr Lächeln und ihre Dankbarkeit.<BR /><BR /><b>Wie haben Sie diese Zeit, des Abgeschnitten-Seins von Ihrer Mutter erlebt?</b><BR /><BR />Lorenzetti: In dieser dramatischen, unmenschlichen Zeit hat es auch viel Licht und berührende Menschlichkeit gegeben. Krankenschwestern haben unsere Mami für uns umarmt, Ärzte haben das Möglichste getan, die Bettnachbarin auf der Covid-Normalstation hat sie aufgemuntert und ihr auf die Beine geholfen, als sie mit dem Beatmungshelm in der Nacht hingefallen ist. Es waren so viele Menschen, die Herz bewiesen haben. Eine Gebetsgruppe hat für sie jeden Abend Rosenkranz gebetet. Das gab uns allen Kraft.<BR /><BR /><b>Wie waren die letzten Tage?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Traumatisch. Meine Schwester und ich wurden am 10. Dezember von den Ärzten gerufen, weil sie Mami intubieren müssten. Wir durften vom Arztbüro aus noch kurz mit ihr telefonieren. Wir hörten ein Wimmern und „Die Kinder“, das waren ihre letzten Worte.<BR /><BR /><b>Dann ging’ s rasant bergab...</b><BR /><BR />Lorenzetti: Ja, nur einen Tag nach der Intubation, am 11. Dezember, bekamen wir den Anruf aus der Intensivstation, dass wir kommen müssten, man müsse überlegen, die Maschinen abzuschalten. Wir waren völlig durcheinander. Ich habe gebeten, noch zuzuwarten. Wir durften noch zu ihr. Sie lag ganz friedlich da, entspannt, die Hände voller Hämatome. Sie war sediert und intubiert. Aber sie hat gespürt, dass wir da sind. Wir haben ihr noch Grüße von allen ausgerichtet, ihr gesagt, dass sie die beste Mami der Welt ist und: Geh den Weg, der für dich der beste ist. Die ganze Nacht durch habe ich gehofft, auf ein Wunder gewartet. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748181_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das sich nicht einstellte...</b><BR /><BR />Lorenzetti: Nein, aber ein anderes stellte sich ein. Bei meiner Schwester daheim blühten am selben Tag die Barbara-Zweige. So früh, völlig unmöglich, sagte mir später ein Gärtner. Aber die Liebe geht ihre eigenen Wege und es sind nicht die, die wir uns vorstellen. Am 12. Dezember morgens kam dann der Anruf, dass der Sterbeprozess von selbst eingesetzt hätte. Wir sind ins Krankenhaus geeilt, haben mit Pater Peter in der Kapelle gebetet, unsere Mami nur 2 Zimmer weiter und trotzdem unerreichbar. Weil normalerweise die Messe über den Fernseher in die Krankenzimmer übertragen wird, haben die Ärztin und die Krankenpfleger den Fernseher eingeschaltet. So hatte sie „uns im Blick“ und wir waren doch irgendwie verbunden. Pater Peter war uns in dieser schweren Zeit ein wertvoller und wunderbarer Begleiter. <BR /><BR /><b>Durften Sie sich danach noch von ihr verabschieden?</b><BR /><BR />Lorenzetti: Ja, nur sehr kurz. Sie noch ein letztes Mal zu sehen, bevor der Körper schnell in einem Sack verschwindet, war uns sehr wichtig. Wegen der Infektionsgefahr haben wir einen Monat später 2 Kartone mit ihren letzten Habseligkeiten bekommen. Das war schwer zu ertragen. Da waren unsere ,Keksln„ drin, die 12 ,Sackln„ des Adventkalenders, ihre Schuhe, ihr Handy, unsere Briefe, der Pyjama mit Blutflecken drauf. Ihr Leid spürbar und wir konnten nicht bei ihr sein. Meine Schwester war wie paralysiert, mir stockte der Atem. Ich will mir nicht vorstellen, wie es jenen Menschen geht, die am Telefon erfahren, dass ihr Angehöriger bereits gestorben ist. Insgesamt eine traumatische Erfahrung, aber Mamis Liebe hat sogar diese aufgehellt.<BR /><BR /><BR />