Nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels stehe vor allem das Gesundheitswesen vor enormen Herausforderungen, warnt der bekannte Meraner Primar im Interview. Einige Bereiche müssten völlig neu gedacht und neu aufgestellt werden, ist seine Forderung. <BR /><BR /><b>Welche Probleme kommen Ihrer Meinung in den nächsten Jahren konkret auf uns zu?</b><BR />Primar Dr. Christan Wenter: Wir fangen an, essentielle Dienste kaum mehr zu leisten – in sehr vielen Lebensbereichen. Die Personalknappheit ist so groß, dass wir schauen müssen, die Produktivität im Wirtschaftsbereich zu erhalten und dass die Dienstleistungen im gewohnten Ausmaß erhalten bleiben. Es wird immer schwieriger, den gewohnten Lebensstandard zu halten. Ein spezieller Bereich sind die Sozial- und Gesundheitsdienste.<BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Dr. Wenter: Weil gerade in diesen Bereichen der Betreuungsbedarf, der Pflegebedarf und der Behandlungsbedarf mit der weiter fortschreitenden Alterung weiter zunimmt. Parallel steigen die Erwartungen der Bevölkerung diesen Dienstleistungsangeboten gegenüber. Wir haben die jahrzehntelange demografische Entwicklung einfach passiv auf uns zukommen lassen und haben wenig darauf reagiert. Die Trends sind aber seit Anfang der 1970er Jahre ganz klar. <BR />Mitte der 1970er Jahre hat die Geburtenrate angefangen, auch in Südtirol einzubrechen. Seitdem und bis zum heutigen Tag nimmt die Geburtenrate langsam, aber stetig ab. 2022 hatten wir weniger als 5000 Geburten in Südtirol. Im gesamtstaatlichen Vergleich ist unsere Geburtenrate gut, im internationalen Vergleich ist Südtirols Geburtenrate aber im unteren Mittelfeld. Länder wie Frankreich oder die skandinavischen Länder haben eine deutlich höhere Geburtenrate. <BR />Dazu kommt, dass wir eine sehr langlebige Bevölkerung haben. Da tut sich eine Schere auf, die kaum mehr zu füllen ist. Uns fehlt der Nachwuchs – in den meisten Lebensbereichen, die auf Mitarbeiter angewiesen sind. Seit 2015 tun wir uns überall schwer – auch im Krankenhaus – Mitarbeiter zu akquirieren. Der lokale Markt ist ziemlich leergefegt, ebenso der nationale und der internationale Markt. Vor 10 Jahren hat man noch im oberitalienischen Raum fast von einer Ärzteschwemme gesprochen – nun hat sich die Dynamik so beschleunigt, dass es dort inzwischen einen Ärztemangel gibt, von einem Pflegermangel gar nicht zu sprechen. <BR />Es wird seit Jahren immer schwieriger, ausscheidende Mitarbeiter zu ersetzen – und es kommen immer wieder neue Dienste dazu. Die Mitarbeiter, die wir haben, werden bis aufs Äußerste belastet, und manche auch überlastet und dann flüchten sie.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="934777_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Was muss sich in den Bereichen der Fürsorge, der Betreuung und der medizinischen Behandlung ändern?</b><BR />Dr. Wenter: Wir müssen diese Bereiche völlig neu denken und neu aufstellen. Zu glauben, wir können so weiter machen wie bisher, ist nicht denkbar. Wir können künftig nicht mehr alles, was die Bürger brauchen, institutionell abdecken. Die Bürger müssen sich so weit als möglich mit eigenen Ressourcen versorgen. Das fängt mit der Betreuung und der Pflege in der eigenen Familie an. Es ist müßig, zu sagen – wie kürzlich bei der Vorstellung der Pflegelandschaft – wir brauchen bis 2030 tausend Heimplätze mehr, wenn uns jetzt schon das Personal für 500 bestehende Betten fehlt. <BR />Wir müssen dem Personal der Seniorenwohnheime einen anderen Stellenwert geben. Wir haben zurzeit viele Menschen mit geringem Betreuungsbedarf in den Seniorenwohnheimen. In diese Heime müssen jene Menschen kommen, die einen höheren Pflege- und Betreuungsbedarf haben, der sonst an ihrem Wohnort nicht zu leisten ist. Für die anderen Menschen brauchen wir andere Wohnformen mit geringeren Personalstandards. Die Leute müssen sich vorher so weit als möglich selber helfen. Das Ehrenamt spielt eine riesige Rolle und auch die Nachbarschaftshilfe. Das dürfen nicht einfach so Schlagworte bleiben – sie müssen auch in diesen Sektoren zu wesentlichen Säulen werden.<BR /><BR /><b>Wie steht es mit dem betreuten und begleiteten Wohnen für alte Menschen?</b><BR />Dr. Wenter: Es gibt kaum Initiativen für betreutes Wohnen. Solche Initiativen bräuchte es überall im Land. Es gibt Gesetze aus dem Jahr 2012, aber noch keine Durchführungsbestimmungen und keine Umsetzung. Beim begleiteten Wohnen, beim betreuten Wohnen, bei Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenhäusern und Pflege auf dem Bauernhof ist noch viel Luft nach oben.<BR /><BR /><embed id="dtext86-61067121_quote" /><BR /><BR /><b>Bedarf es auch einer Änderung beim Pflegegeld?</b><BR />Dr. Wenter: Das Pflegegeld muss meiner Meinung nach wirklich entweder zur Finanzierung von Pflegeleistungen oder für die Sicherung der Pflege herangezogen werden – verbindlich – und nicht eher breit gefächert als Kompensation für betroffene Menschen und ihre Familien. Mit diesem Geld muss wirklich Pflege geleistet werden. Die essentiellen Dienste müssen weiter finanziert werden. <BR /><BR /><b>Werden uns bald auch die „badanti“ ausgehen – die Pflegehelfer?</b><BR />Dr. Wenter: Wir haben bis zu 12.000 „Badantinnen“ im Land und es ist augenscheinlich, dass dieses Phänomen nachlässt. Wir werden den Radius der Akquirierung erweitern müssen mit allen Problemen, die damit zusammenhängen. Schon vor der Pandemie hat die Zahl der „Badantinnen“ in Südtirol abgenommen. Während der Pandemie sind viele „Badantinnen“ geflüchtet und nicht mehr zurückgekommen. Es ist sehr schwierig, „Badantinnen“ zu finden. Mit den bisherigen Kontakten, Wegen und Methoden sind wir jetzt schon nicht mehr imstande, ausreichend solche Betreuungskräfte anzuwerben. Die „Badantinnen“ sind eine wesentliche Säule unserer Betreuungslandschaft geworden – würden sie ausbleiben, wäre es eine Katastrophe. <BR /><BR /><b>Wenn wir künftig noch mehr sehr alte Menschen haben, werden dann auch die vielen notwendigen Eingriffe zu einem Problem für das Gesundheitswesen?</b><BR />Dr. Wenter: Pro Jahr ziehen sich 5 Prozent der über 90-Jährigen eine Oberschenkelhalsfraktur zu. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird sich diese Altersklasse – 85+ und 90+ – nahezu verdreifachen. Die Versorgungszahlen werden sich somit verdoppeln bis verdreifachen. Wenn wir nicht mehr imstande sind, diese Patienten zu versorgen – und wenn wir anfangen müssten, diese zu rationieren, dann wäre es eine Katastrophe. <BR />Im höheren Alter nehmen aber auch die Herz-Kreislauf-Erkrankungen exponentiell zu, ebenso die onkologischen Pathologien, gar nicht zu reden von den neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Diese Patienten muss man imstande sein, angemessen zu versorgen. Da müssen wir uns schon längst Sorgen machen, ob wir imstande sind, allen einen angemessenen Behandlungs-, Betreuungs- und Pflegestandard zukommen zu lassen.