Tausende und Abertausende von Menschen sind von Essstörungen betroffen, darunter befinden sich viele Jugendliche, aber auch bereits Kinder. Ob Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder das Heißhungeressen („Binge Eating“) – der Umgang damit ist oftmals immer noch ein Tabu. Viele sind betroffen, viele wissen davon aber noch nichts bzw. erkennen nicht, dass eine Tochter oder ein Bruder betroffen sein könnte.<h3>Ein wichtiger Abend über ein wichtiges Thema</h3>Bei einem Info-Abend in der BASIS Schlanders wurde offen über Essstörungen gesprochen. Die Psychiaterin Margit Coenen sowie Sigrid Götsch und Heidemarie Tschenett von der Essstörungsambulanz Meran schilderten die medizinischen, psycho- und ernährungstherapeutischen Herausforderungen in der Behandlung von Essstörungen. Roger Pycha, stellvertretender Leiter des Südtiroler Netzwerks für Essstörungen, moderierte mit Elke Kalser (Infes-Fachstelle für Essstörungen im Forum Prävention) den Abend.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001299_image" /></div> <BR /><BR />Ein wesentlicher Punkt wurde mehrfach unterstrichen: Es gibt gerade im Westen des Landes bzw. im Vinschgau zu wenige Anlauf- und Hilfestellen für Betroffene. <h3>Mehr Anlauf- und Betreuungsstellen nötig</h3>Angesichts des Ausmaßes des Leids, das mit solchen Essstörungen einhergeht, seien weitere solcher Anlaufstellen wichtig – für minderjährige, aber auch erwachsene Betroffene. Essstörungen sind nicht zu unterschätzen, wenngleich sie oft recht harmlos beginnen, z. B. mit Diäten. Wenn die Kontrolle über das Essverhalten verloren geht, drohen nicht nur unkontrollierter Gewichtsverlust, sondern auch Beeinträchtigungen für die Gehirntätigkeit, Antriebslosigkeit, Gereiztheit oder gar der Tod. In Italien würden mehr Jugendliche und Kinder an Essstörungen sterben als bei Verkehrsunfällen, wurde erklärt.<BR /><BR />Essen sei wichtig, vor allem im sozialen Kontext wie in der Familie. Wenn Essen verweigert wird, wenn Butter und Olivenöl vermieden werden oder nur noch im Teller herumgestochert wird, könnten das Warnhinweise sein. Wenn sich alles nur noch um das Thema Essen und Essensvermeidung drehe und Essen keinen Genuss mehr darstelle, könne es dringend an der Zeit sein, sich Gedanken zu machen und eventuell auch Hilfe in Anspruch zu nehmen. <h3>Weibliche, vermehrt aber auch männliche Betroffene</h3>Es seien zu 90 Prozent Mädchen bzw. Frauen, die von Essstörungen betroffen seien, aber vermehrt auch junge Männer. Während Frauen eine Diät machten, um abzunehmen bzw. dem vermeintlichen „Idealbild“ zu entsprechen oder sich eigentlich gesund ernähren wollten, würden Essstörungen von jungen Männern oft mit dem Wunsch nach einem muskulösen Körper einhergehen.<h3>Sehr persönliche Berichte von Betroffenen</h3>Welch gravierenden Auswirkungen das auf Familien haben kann, zeigten 2 Mütter auf, deren Töchter von Magersucht betroffen sind. Die gesamte Familie würde leiden: Oma und Opa, Vater und Mutter, Bruder und Schwester. Sie berichteten von der Odyssee bei der Suche nach Hilfe, von Streit, Rückfällen und Ängsten. Ihre Ausführungen gingen den Gästen in der BASIS unter die Haut – und ihr Mut, sich öffentlich zu äußern, wurde mit sehr viel Applaus bedacht. <BR /><BR />Den Müttern war es aber wichtig, über ihre Erfahrungen zu berichten – und damit vielleicht anderen Familien zu helfen. Ihre Bereitschaft sei sehr wichtig gewesen, betonten die Referenten und Referentinnen. Ein Fazit des Abends war, dass Essstörungen wie Magersucht sehr schwere Erkrankungen seien – dass man sie aber behandeln und auch heilen könne.<h3> „Problem ist größer geworden“</h3>Psychiaterin Dr. Margit Coenen hat am Vortragsabend über Essstörungen in Schlanders teilgenommen. Wir haben mir ihr ein Interview geführt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001302_image" /></div> <BR /><BR /><b>Frau Coenen, im Rahmen des Themenabends wurde über Essstörungen gesprochen. Welche Formen von Störungen sind damit gemeint?</b><BR />Margit Coenen: Wir sprechen hier von der Anorexia Nervosa (Magersucht), Bulimia Nervosa (Ess/Brechsucht) und dem Binge Eating (Heisshungeressen), um die wichtigsten zu nennen. Diese 3 können auch mit der Zeit ineinander übergehen oder Mischsymptome von 2 Essstörungen gleichzeitig aufweisen.<BR /><BR /><b>Ein ganzer Abend nur zum Thema Essstörungen, war das nötig und wenn ja, warum ist das nötig?</b><BR />Coenen: Ja, wir sind sehr froh um die Möglichkeit, an diesem Abend die Bevölkerung aufklären zu können und für Fragen zur Verfügung zu stehen. Essstörungen sind weit verbreitet, betreffen immer jüngere Menschen, sie sind die psychischen Erkrankungen mit der höchsten Todesrate. In Italien sind die Essstörungen die erste Todesursache unter den 12- bis 17-Jährigen, noch vor den Unfällen und Tumorerkrankungen. Die Behandlung ist komplex, muss multidisziplinär erfolgen (Psychologen/Psychiater, Internisten/Pädiater, Diätologen/Ernährungstherapeuten), braucht Zeit. Vor allem ist die Prognose um so besser, je frühzeitiger die Behandlung beginnt.<BR /><BR /><b>Gibt es ausreichend Anlaufstellen für Betroffene und ihre Familien in Südtirol?</b><BR />Coenen: Es gibt in allen Bezirken ambulante Anlaufstellen des Sanitätsbetriebes, bei Dringlichkeiten bzw. schweren Fällen steht die Pädiatrie Brixen zur Verfügung und im Notfall auch die anderen Pädiatrien und internistischen Abteilungen im Land und je nach Bedarf die Psychiatrien bzw. die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gibt als Rehastruktur die Villa EEA in Bozen, es gibt Bad Bachgart (für Patienten ab 15 Jahren, die Unterernährung darf nicht zu stark sein). Es gibt nicht in allen Bezirken die Möglichkeit eines Day Hospital mit einem sogenannten Unterstützungstisch und es gibt keine fachspezifische Abteilung für Patienten ab 18 Jahren (für Minderjährige hat sich die Pädiatrie Brixen hierauf spezialisiert), und das wäre sehr wünschenswert. <BR /><BR /><b>Welche Alarmsignale gibt es? Und was können Betroffene, aber auch ihre Angehörigen und Freunde tun?</b><BR />Coenen: Alarmsignale sind plötzliche sichtbare Gewichtsverluste , sozialer Rückzug, nicht mehr mit der Familie am Tisch essen wollen, das Essen auf dem Teller hin- und herschieben, übermäßig viel Sport zu betreiben, immer mehr Lebensmittel gar nicht mehr zu sich zu nehmen, Gemütsschwankungen, ständig nur an das Essen/nicht essen zu denken, evtl. häufig zu erbrechen, bei der Magersucht, sich als viel zu dick zu sehen und ausgeprägte Angst davor zu haben, zuzunehmen, obwohl man in Realität sehr schlank ist. Angehörige und Freunde sollten das Problem bzw. ihre Sorge offen mit den Betroffenen ansprechen und eine der Anlaufstellen im Land kontaktieren. Als allererste Anlaufstelle, niederschwellig, um zu verstehen, ob eine Essstörung vorliegen könnte, gibt es die Infes (Infostelle für Essstörungen) in Bozen, welche Aufklärungsgespräche für Betroffene und Angehörige anbietet und Präventionskampagnen durchführt. <BR /><BR /><b>Ist das Problem in den vergangenen Jahren größer geworden? Wie hat sich der Umgang mit Essen geändert?</b><BR />Coenen: Ja, das Problem ist seit Covid deutlich größer geworden, wir sprechen hier europaweit (und auch hier bei uns in Südtirol) über eine Zunahme um zwischen 30 und 40 Prozent. Das ist enorm viel.<BR /><BR /><b>Spielt das Internet eine Rolle, wenn wir über Essstörungen sprechen?</b><BR />Coenen: Ja, das Internet spielt sicher eine Rolle, bombardiert es doch uns alle (und auch die Jugendlichen) ständig mit scheinbar perfekten Körpern, stets strahlend glücklichen Menschen. So entsteht schnell der Eindruck, selbst unzulänglich, nicht perfekt zu sein, nicht bedenkend, dass die ach so perfekten Körper mit Fotoshop bearbeitet wurden und das ewig strahlende Lächeln der Menschen dort auch nur gestellt ist. Das Internet kann zur Entstehung von Essstörungen beitragen, stellt aber nicht die einzige Ursache da.<h3> Info und Anlaufstellen</h3>Betroffene von Essstörungen bzw. deren Angehörige können sich an ihre <Fett>Hausärzte</Fett> und <Fett>Hausärztinnen</Fett> wenden, aber auch an das <Fett>Ambulatorium für Essstörungen Meran</Fett> (0473 251 250 oder diet.me@sabes.it). Auch die <Fett>Infes-Fachstelle für Essstörungen</Fett> unter www.infes.it oder info@infes.it kann Hilfeleistungen anbieten.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><BR /><BR />