Schwester Reinhardas Leben war kein Zuckerschlecken.<BR /><BR />„Ich hätte mir nie erträumt, dass ich diese Auszeichnung erhalte“, sagt sie. Gestern ließ man sie in der „Villa Carolina“ hochleben. Dass sie sich die Auszeichnung verdient habe, davon will Schwester Reinharda nichts hören. „Verdienen tut man nichts, alles ist geschenkt“, sagt sie mit ungekünstelter Bescheidenheit. Um dann hinzuzufügen: „Ich habe überall durchgehalten.“ Dabei war der Einstand ins Leben für die gebürtige „Goasingerin“ alles andere als gut für eine Kinderseele. <h3> Mutter verblutete nach einer Frühgeburt</h3>Mit 8 Jahren wurde sie zur Halbwaise, die Mutter verblutete nach eine Frühgeburt, der Vater („ein sehr feiner Mensch“) war Tischler und Zimmermann und musste, um die Familie mit 9 Kindern durchzubringen, auf die Stör. „Das älteste Kind 12 Jahre alt, das kleinste ein halbes Jahr alt. Unsere Schwester musste auf die Kleinen schauen“, erzählt sie. Sie selbst kam während der 8-jährigen Volksschulzeit bei weitschichtigen Verwandten in Mühlwald unter. Als 9-, 10-jähriges Mädchen musste sie am Hof in der Früh für alle – Knechte und Mägde inklusive – Brennsuppe oder „Muas“ kochen, bevor es in die Schule ging. Wegen der Faschisten musste sie die italienische Schule besuchen und den „Balilla“, der faschistischen Jugendorganisation beitreten, „damit ich Hefte bekommen habe“.<BR /><BR />Mit 14 wollte sie dann endlich eigenes Geld verdienen, „auch wenn mich die Familie, bei der ich während der Schulzeit war, adoptieren wollte“. Sie arbeitete 6 Jahre in einem Gasthaus in Gais, hat bedient, gekocht und geputzt. Eine Berufung fürs Ordensleben habe sie schon gespürt, „aber zuerst muss ich etwas verdienen“ und so habe sie die Arbeit zunächst der Berufung vorgezogen.<BR /><BR />Mit 22 trat sie schließlich in den Orden der Barmherzigen Schwestern ein und kam nach Gratsch. Am Tag der Profess hieß es zunächst, dass sie tags darauf nach Gröden müsse. Aber es kam anders: Schwester Reinharda wurde ins Lehrlingsheim nach Bozen geschickt mit 150 Buben. „Nach 14 Tagen habe ich die Küche übernommen – zum Glück konnte ich kochen“, sagt sie und schmunzelt.<BR /><BR />Ein gutes Jahr später ging’s für sie als Gouvernante nach Görz in ein Spital mit 400 Patienten – ein Stock nur mit Lungenkranken, ein Stock nur alte Menschen, betreut von 9 Schwestern und 8 Patres. „Ich wurde überall hineingeschmissen.“ Wegen der Lungenkranken musste sie alle 14 Tage geröntgt werden, bis ein Arzt meinte, die jungen Schwestern sollten das Spital verlassen, weil sie sonst erkranken könnten. Es folgte die Aufgabe als Köchin in einem Priesterseminar in Venetien und dann die Führung eines Kindergartens in Treviso.<BR /><BR />Anfang der 1970er Jahre öffneten sich für Schwester Reinharda die Türen der „Villa Carolina“ als Heimleiterin. „Angefangen haben wir als privates Haus, es gab keine Beiträge, die Leute hatten noch nicht solche Renten wie heute. So haben wir teils auch normale Gäste neben den Heimgästen beherbergt“, erzählt sie. Das Haus wurde ihr zur zweiten Heimat. „Schwester Reinharda hat unser Haus beseelt. In ihrem Sinne wollen wir weiterarbeiten“, bedankte sich „Villa Carolina“-Präsidentin Verena Kirchmaier.<BR /><BR />Die Heimgäste damals seien im Vergleich zu heute vielfach bei besserer Verfassung gewesen. Vielleicht sei das auch eine Auswirkung unseres guten, üppigen Lebens, meint Schwester Reinharda. Sie sei eine wunderbare Heimleiterin gewesen. „Hätte ich ein Hotel, ich hätte es Schwester Reinharda anvertraut“, sagte Klaus Kirchmaier, über 20 Jahre Präsident der „Villa Carolina“.<h3> „Ich turne jeden Morgen“</h3>Und wie hält sie sich fit? „Ich turne seit Jahrzehnten jeden Morgen. Und ich gehe spazieren, wenn ich Zeit habe. Und Arbeit tut gut, nur nicht ,lugg‘ lassen“, sagt sie. Seit sie Anfang 2018 in Pension gegangen ist, leistet sie im Provinzhaus in Gratsch immer noch an 6 von 7 Tagen den Pförtner- und Telefondienst für 5 Stunden. „Wenn ich zurückschaue, war es ein erfülltes Leben. Es gibt immer Sachen, die gut und weniger gut gehen. Das ist überall so, egal ob man verheiratet ist oder im Kloster. Ich habe überall durchgehalten, immer gute Menschen getroffen, dann lässt sich alles bewältigen – und ich habe gerne Verantwortung übernommen“, meint sie.