Die EU sagt dem Rauchen den Kampf an – und das gleich auf mehreren Ebenen. Ein generelles Verbot von Filterzigaretten könnte schon in den kommenden Jahren Realität werden. <BR /><BR />Der Grund dafür liegt diesmal weniger im Gesundheitsschutz als im Umweltschutz: Zigarettenfilter bestehen aus Kunststofffasern, verrotten nur sehr langsam und gehören weltweit zu den häufigsten Abfällen. Jährlich landen Milliarden dieser Filter in der Umwelt – auf Straßen, Stränden und in Gewässern. <BR /><BR />Bis 2040 soll es in Europa laut EU-Kommission eine „tabakfreie Generation“ geben – ein ehrgeiziges Ziel. Um dieses zu erreichen, verfolgt die Kommission derzeit mehrere Vorhaben, die die Tabakpolitik der EU deutlich verschärfen könnten. <a href="https://www.stol.it/artikel/politik/eu-verbot-von-zigaretten-bis-wann-soll-es-umgesetzt-werden" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier lesen Sie mehr.</a><BR /><BR />Wir haben mit Evelin Mahlknecht, Koordinatorin Fachstelle für Suchtprävention und Gesundheitsförderung im Forum Prävention, über das geplante Verbot von Filterzigaretten gesprochen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1226367_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie bewerten Sie grundsätzlich den Plan der EU-Kommission, Filterzigaretten zu verbieten? Ein sinnvoller Schritt oder reine Symbolpolitik?</b><BR />Evelin Mahlknecht: Mit dem europaweiten Verbot von Filterzigaretten aus umweltpolitischer Sicht sind wir grundsätzlich einverstanden. Allerdings ist das Verbot zu kurz gedacht. Auch neuwertige Nikotinprodukte wie elektronische Zigaretten und vor allem Einwegprodukte wie Vapes belasten die Umwelt äußerst stark. Sowohl durch die Produktion als auch was die Entsorgung betrifft. Diese batteriebetriebenen Produkte gehören nämlich nicht in den Hausmüll, sondern fallen unter die Kategorie der Schadstoffe und müssen somit gesondert entsorgt werden.<BR /><BR /><b>STOL: Das heißt, die Diskussion sollte nicht nur klassische Zigaretten betreffen?</b><BR />Mahlknecht: Genau – wer über Umweltschutz spricht, darf nicht vergessen, dass neue Nikotinprodukte ebenfalls erhebliche ökologische Spuren hinterlassen.<BR /><BR /><b>STOL: Abgesehen vom Umweltschutz – welche gesundheitlichen Argumente sprechen für ein Verbot von Filterzigaretten?</b><BR />Mahlknecht: Aus einem gesundheitspolitischen Blickpunkt gesehen ist ein Verbot insofern sinnvoll, als dass brennbare Nikotinprodukte, die vor allem – aber nicht nur – die Lungen stark schädigen, vom Markt genommen werden. Andererseits zeigen aktuelle Daten zum Zigarettenkonsum bereits einen starken Rückgang, vor allem bei den jüngeren Zielgruppen. Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren aber der Konsum von neuen Formen des Nikotins weiter verbreitet. Bei diesen neuen Produkten ist zum einen die Nikotinzufuhr höher als bei Zigaretten, was die Wahrscheinlichkeit einer Nikotinabhängigkeit erhöht, und andererseits ist bislang noch nicht klar, wie sich der Konsum langfristig auf die Gesundheit auswirkt, u.a. verdichten sich Hinweise, dass genauso wie bei Zigaretten krebserregende Stoffe enthalten sind.<BR /><BR /><b>STOL: Viele sehen E-Zigaretten und Vapes als harmlose Alternative zur klassischen Zigarette – weit gefehlt?</b><BR />Mahlknecht: Ursprünglich war die Idee verbreitet, dass Raucher durch den Umstieg auf Verdampfer leichter den Ausstieg schaffen, was sich so allerdings nicht bestätigt hat. Im Gegenteil: es wurde relativ schnell klar, dass die Werbung der Tabakindustrie hauptsächlich junge Menschen anspricht: Jung, hip und als Teil des modernen Live-Styles. <BR /><BR /><b>STOL: Also eher eine Verlagerung des Problems als eine Lösung?</b><BR />Mahlknecht: Genau. Die Industrie schafft es, mit modernen Designs und Geschmacksrichtungen ein völlig neues Publikum anzusprechen – und das sind oft Jugendliche, die sonst vielleicht gar nicht mit Nikotin in Kontakt gekommen wären.<BR /><BR /><b>STOL: Einige EU-Staaten denken darüber nach, Tabakprodukte für alle ab einem bestimmten Geburtsjahr zu verbieten – also ein dauerhaftes Verkaufsverbot für jüngere Generationen. Die Erfahrung aus Neuseeland zeigt, dass ein solches Verbot auch Schattenseiten haben kann – etwa die Entstehung eines Schwarzmarktes. Wie groß schätzen Sie dieses Risiko für Europa ein?</b><BR />Mahlknecht: Die Maßnahme eines Verkaufsverbotes für bestimmte Altersgruppen, so wie es in Neuseeland der Fall ist, birgt effektiv das Risiko für die Entwicklung eines Schwarzmarktes. Bereits jetzt gibt es einen Schwarzmarkt, den u.a. auch junge Menschen, die vom Verkauf ausgeschlossen sind, nutzen. Dieser könnte sich dadurch weiter etablieren.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach langfristig wirksam, um den Tabakkonsum tatsächlich zu senken?</b><BR />Mahlknecht: Nach dem Nichtraucherschutz, rückt nun der Umweltschutz in den Fokus der Öffentlichkeit und Politik. Stellt sich also nur noch die Frage, wie der Schutz der Konsumierenden von modernen Nikotinprodukten aussehen soll. Langfristig wirksam kann also nur eine Kombination unterschiedlicher Maßnahmen sowohl auf struktureller als auch auf individueller Ebene sein. <BR /><b><BR />STOL: Das bedeutet konkret?</b><BR />Mahlknecht: Strukturell bedeutet, dass es Maßnahmen braucht, die die Rahmenbedingungen ändern, also in Form von gesetzlicher Regulierung, Preispolitik und Besteuerung, umfassenden Werbeverboten und neutralen Verpackungen, Regulierungen zum Jugendschutz, die Schaffung von rauchfreien Zonen bzw. Konsumzonen usw. Diese dienen dazu, den Zugang zu erschweren und somit den Einstieg in den Nikotinkonsum zu verhindern oder hinauszuzögern. Auf der individuellen Ebene, also Maßnahmen, die Einzelpersonen, aber auch Gruppen betreffen und z.B. darauf abzielen auf das Verhalten einzuwirken, braucht es weiterhin Aufklärungsarbeit in Bezug auf gesundheitliche Schädigungen, aber auch in Bezug auf Möglichkeiten alternativ Stress zu regulieren und ein allgemeines Gesundheitsbewusstsein zu schaffen. Denn wo Nachfrage besteht, entsteht immer auch ein Angebot, egal ob auf dem Schwarzmarkt oder auf dem freien Markt.