Mittwoch, 12. Mai 2021

Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Südtirol stark gestiegen

Die Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller hat am Mittwoch den Jahresbericht 2020 über die Tätigkeiten ihres Amtes vorgestellt. 1173 Fälle wurden bearbeitet, viele Problematiken entstanden durch die Corona-Pandemie oder wurden dadurch verstärkt. Die Fälle von Gewalt an Kindern und Jugendlichen sind stark gestiegen.

Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller. - Foto: © manuelatessaro.it
„Das vergangene Jahr war geprägt von Monaten voller Herausforderungen und Schwierigkeiten. Unsere Arbeit hat sich insbesondere auf bereits bestehende Härtefälle konzentriert, welche sich durch die Notsituation weiter verschärft haben, und auf Problematiken, welche durch die Pandemie entstanden sind. Im Jahr 2020 verzeichnete mein Büro einen Anstieg neuer Fälle um 39,78 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, so Kinder- und Jugendanwältin Höller.

Im vergangenen Jahr bearbeitete die Kinder- und Jugendanwaltschaft insgesamt 1.173 Akten. Die Themen betrafen vor allem Schule, Zusammenarbeit mit anderen Behörden, Gesundheit, Trennung und Scheidung, unbegleitete ausländische Minderjährige, Situationen mit Mehrfachproblemen, Jugendschutz, Familienkonflikte, Gewalt und Missbrauch, Kindergarten, Mobbing und Cybermobbing, Amtsinternes, Internet, Adoption und Umzug. Der Erstkontakt wird meist von Müttern (28 %) und anderen Kontaktpersonen (15,7 %) aufgenommen.

Bildung und Schule

Die Themen, mit denen sich das Büro beschäftigte, betrafen vor allem das schulische Umfeld, das von der Pandemie besonders betroffen war. Die Schließung von Schulen und die Organisation des Fernunterrichts stellten eine Herausforderung für alle Schülerinnen und Schüler dar, insbesondere für Kinder und Jugendliche mit einer Beeinträchtigung oder mit besonderen Bildungsbedürfnissen.

Die Kinder- und Jugendanwältin und ihr Team befassten sich auch mit anderen Fragen, die mit dem Lockdown und der Pandemie im Allgemeinen zusammenhingen, wie z. B. der Ausübung des Besuchsrechtes infolge von Trennung und Scheidung der Eltern sowohl im Land als auch grenzüberschreitend, der Einhaltung von Schutz- und Quarantänemaßnahmen, Fragen der Kinderbetreuung und der Bewegungsfreiheit von Kindern und Jugendlichen sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf während des Lockdowns.

Indirekte Folgen der Pandemie

„Es war mir auch ein Anliegen, die Verantwortlichen und die Öffentlichkeit auf jene Kinder hinzuweisen, die sich bereits vor der Ausbreitung des Virus in einer schwierigen Situation befanden und die in einer Krisenzeit noch mehr Aufmerksamkeit benötigen, d.h. Kinder aus armutsgefährdeten oder armutsbetroffenen Familien, Kinder mit Migrationshintergrund oder mit psychischen Problemen.

Nicht zu unterschätzen sind auch die indirekten Folgen der Pandemie: Diskontinuität der medizinischen Dienste, weniger Zugänge bei der Ersten Hilfe und anderen Diensten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus und damit verbundene Verzögerungen bei der Diagnose, Unterbrechung der Therapien, eingeschränkter Zugang zu Sport- und Freizeitaktivitäten mit damit verbundenem Bewegungsmangel, Verschlechterung des Lebensstils und der Essgewohnheiten sowie Verschärfung der sozialen Ungleichheiten im Allgemeinen“, so Kinder- und Jugendanwältin Höller. Sich nur mehr zuhause aufhalten zu können, erhöht ebenfalls das Risiko von Gewaltsituationen; nicht zur Schule gehen zu können, ist ein besonders großes Problem für Minderjährige in schwierigen Situationen oder unbegleitete Minderjährige.

Gewalt

Im letzten Jahr gab es 27 Situationen, in denen sie es für notwendig erachtete, ihren Standpunkt in Form von Stellungnahmen zum Ausdruck zu bringen. Das Büro der Kinder- und Jugendanwältin stellte auch einen Anstieg der Meldungen über Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche fest, insbesondere nach dem Ende des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr (von Mitte Mai bis Ende Dezember 2020 gab es 36,4 Prozent mehr Meldungen als im gleichen Zeitraum 2019).

Für das Jahr 2020 hatte die Kinder- und Jugendanwältin zahlreiche Vorträge und Referate in Schulen und Jugendeinrichtungen geplant. Im Januar und Februar konnten diese regulär abgehalten werden, während jene in den Folgemonaten, nach Möglichkeit online abgehalten oder verschoben wurden. Dank dieser Treffen konnte die Kinder- und Jugendanwaltschaft trotzdem 820 Minderjährige erreichen.

Ein weiterer Bereich, in dem sich Daniela Höller und ihr Team engagierten, war der der freiwilligen Vormundschaft: 2020 wurde erstmals ein zweisprachiger Grundkurs für freiwillige Vormunde von nicht begleiteten ausländischen Minderjährigen organisiert. Darüber hinaus wurden drei Monitoringtreffen abgehalten.

Vernetzung

Auch die Vernetzung nahm einen wichtigen Raum in der täglichen Arbeit der Kinder- und Jugendanwältin ein, die an zahlreichen Arbeitsgruppen (hauptsächlich online) sowohl auf regionaler, nationaler als auch internationaler Ebene teilnahm. „Die Arbeitsgruppen sind von grundlegender Bedeutung, um Synergien und Strategien zwischen den Akteuren vor Ort im Interesse der Minderjährigen zu schaffen, und noch nie wurde so deutlich wie in diesem Jahr, wie notwendig es ist, dass die Institutionen zusammenarbeiten und ihre Kräfte bündeln, um den Bedürfnissen und Anliegen von Kindern und Jugendlichen Stimme und Gewicht zu verleihen.“

stol