Chiara Poggi war am 13. August 2007 in ihrem Elternhaus in Garlasco bei Pavia getötet worden. Zum Zeitpunkt des Verbrechens war sie allein zu Hause, da ihre Eltern auf Urlaub waren. Alberto Stasi wurde später wegen des Mordes rechtskräftig zu 16 Jahren Haft verurteilt.<BR /><BR />Die neuen Ermittlungen waren vor 18 Monaten wieder aufgenommen worden. Im Mittelpunkt stand der neue Verdächtige Andrea Sempio. Zudem wurden Beweismittel aus den ursprünglichen Ermittlungen erneut untersucht. Dabei wurden nach Angaben der Ermittler auch Fehler in den früheren Untersuchungen festgestellt.<h3> Keine Verlängerung der Frist</h3>Für die Ermittlungen standen den Staatsanwälten 18 Monate zur Verfügung. Eine Verlängerung um weitere sechs Monate wäre grundsätzlich möglich gewesen, die Staatsanwaltschaft entschied sich jedoch dagegen. Bereits im Mai hatte sie die bis dahin vorliegenden Ermittlungsakten zusammengestellt. Die formelle Beendigung der Ermittlungen wurde allerdings hinausgeschoben, um weitere Gutachten und Untersuchungen abzuschließen.<BR /><BR />Mit dem Ablauf der Frist können die Ermittler jetzt grundsätzlich keine neuen Maßnahmen wie etwa Abhöraktionen mehr durchführen. Die bisher gesammelten Unterlagen müssen den Verfahrensbeteiligten zur Verfügung gestellt werden. Zeugen oder andere Personen können weiterhin angehört werden. Die entsprechenden Aussagen müssen dann unmittelbar der Verteidigung zugänglich gemacht werden.<h3> Verteidigung prüft Ermittlungsakten</h3>Die Staatsanwälte unter Leitung von Fabio Napoleone halten die in den vergangenen 18 Monaten gesammelten Hinweise für ausreichend, um gegen Sempio einen Prozess anzustreben. Nach den gesetzlichen Vorgaben muss der Antrag auf Eröffnung eines Hauptverfahrens wegen Mordes innerhalb von neun Monaten nach Abschluss der Ermittlungen gestellt werden. <BR /><BR />Die Staatsanwaltschaft könnte diesen Schritt jedoch bereits vor Ende des Jahres unternehmen. Die Ermittlungsakten werden nun den beteiligten Parteien zugänglich gemacht. Dazu gehören neben Sempio und seinen Anwälten auch die Vertreter der Familie Poggi sowie Alberto Stasi.<BR /><BR />Sempios Anwälte Angela Taccia und Liborio Cataliotti haben anschließend rund 20 Tage Zeit, die Unterlagen und insbesondere die von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten zu prüfen. Sie können Stellungnahmen einreichen oder eine Vernehmung ihres Mandanten beantragen. Sempio hatte bislang zweimal darauf verzichtet, vor den Ermittlern auszusagen.<h3> Möglicher Prozessbeginn im kommenden Jahr</h3>Sollte die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens stellen, könnte die Vorverhandlung vor dem zuständigen Richter in Pavia in den ersten Monaten des kommenden Jahres oder im Frühjahr stattfinden. Der genaue Zeitpunkt hängt unter anderem von den Arbeitsbelastungen des Gerichts und der Komplexität des Verfahrens ab.<BR /><BR />Der Richter muss nach den neuen gesetzlichen Regelungen prüfen, ob die gesammelten Beweise einen späteren Prozess mit einer möglichen Verurteilung hinreichend wahrscheinlich machen. Erweisen sich die vorliegenden Erkenntnisse als nicht ausreichend, kann das Gericht ein weiteres Verfahren ablehnen.<h3>DNA-Spuren im Mittelpunkt</h3>Sollte Sempio vor Gericht gestellt werden, könnte er ein verkürztes Verfahren beantragen. Dabei entscheidet der Richter auf Grundlage der bereits vorliegenden Ermittlungsakten, ohne dass es zu einem regulären Hauptverfahren kommt. Im Gegenzug kann die Strafe um ein Drittel reduziert werden. Bei bestimmten Fällen von schwerem Mord ist ein solches Verfahren seit einer Gesetzesänderung von 2019 nicht mehr möglich. Im Fall Sempio könnte es jedoch weiterhin zulässig sein, da die Tat bereits 2007 begangen wurde.<BR /><BR />In einem möglichen Prozess dürften vor allem die wissenschaftlichen Beweismittel eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören insbesondere DNA-Spuren unter den Fingernägeln der Getöteten. Zu diesen Beweismitteln dürften die beteiligten Sachverständigen erneut Stellung nehmen.<h3> Revision der Verurteilung von Stasi</h3>Parallel zu den Ermittlungen gegen Sempio läuft die Prüfung einer möglichen Revision des Verfahrens gegen Chiaras Freund Alberto Stasi. Seine Anwälte haben bereits angekündigt, eine entsprechende Anfrage zu stellen. Sie wollten jedoch zunächst den Abschluss der Ermittlungen gegen Sempio abwarten, um über alle Informationen zu verfügen. Mit der möglichen Revision befasst sich auch die Generalstaatsanwältin Francesca Nanni. Sie prüft seit Monaten die Unterlagen, nachdem die Staatsanwaltschaft Pavia ihr im Mai entsprechende Informationen übermittelt hatte.<BR /><BR />Nanni könnte selbst einen Antrag beim Berufungsgericht in Brescia stellen. Das Gericht müsste zunächst über die Zulässigkeit einer solchen Revision entscheiden und gegebenenfalls eine Verhandlung ansetzen. Ein genauer Zeitplan steht noch nicht fest. Eine Entscheidung könnte jedoch zwischen Ende Oktober und November fallen.<BR /><BR />Sollte die Revision zugelassen werden und das Verfahren mit einem Freispruch für Stasi enden, würden seine Verurteilung und die damit verbundenen Nebenfolgen aufgehoben. Dazu gehörten auch die Entschädigungszahlungen an die Familie Poggi, die in diesem Fall zurückerstattet werden müssten. Stasis Anwälte könnten anschließend einen Antrag wegen ungerechtfertigter Haft stellen.