Nicht anwesend war jedoch der Staatsanwalt von Brescia, Francesco Prete, der Venditti beschuldigt, 2017 nach Geldzahlungen die Einstellung des Verfahrens gegen Andrea Sempio begünstigt zu haben. Sempio, ein Freund von Chiaras Bruder Marco, wird inzwischen des Mordes verdächtigt. Die Ermittler haben Venditti inzwischen zum dritten Mal elektronische Geräte beschlagnahmt.<BR /><BR />Die Abwesenheit des Staatsanwalts vor Gericht ist zwar nicht ungewöhnlich, da er nicht verpflichtet ist, an der Verhandlung teilzunehmen. Doch genügte dieses Detail, um dem unendlichen „Fall Garlasco“ ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. „Dass der Staatsanwalt nicht erschienen ist, hat uns etwas verblüfft. Meiner Ansicht nach ist es ziemlich offensichtlich, dass er nichts mehr vorzubringen hat“, kommentierte der Anwalt Domenico Aiello, Vendittis Verteidiger, nachdem er erneut - zum dritten Mal - die Aufhebung des Beschlagnahmebeschlusses für Telefone und Computer beantragt hatte. Venditti selbst äußerte sich nach der Anhörung kritisch über die Staatsanwaltschaft von Brescia. „Zu meiner großen Überraschung war der Staatsanwalt nicht anwesend. Meiner Meinung nach war das ein schwerer Verstoß gegen die Regeln“, sagte der Ex-Staatsanwalt.<BR /><BR />Auch zu der gegen ihn erhobenen Korruptionsbeschuldigung nahm Venditti Stellung: „Ich soll der Bestochene sein, derjenige, der das Geld erhalten hat, der Endempfänger dieser Geldbewegungen. Diese Geldflüsse landeten jedoch bei den Anwälten von Sempio“. Unter diesen Anwälten war auch Massimo Lovati, ehemals Sempios Verteidiger, der während seiner fast vierstündigen Aussage einräumte, 15.000 Euro Schwarzgeld als Honorar erhalten zu haben. Sowohl Lovati als auch Venditti bekräftigten ihre Überzeugung, dass der 37-jährige Sempio nichts mit dem Tod von Chiara Poggi zu tun habe. „Er ist unschuldig“, so Venditti.<BR /><BR />Bis heute ist Alberto Stasi, Chiara Poggis Freund, der einzige rechtskräftig Verurteilte in dem Fall. Seine Anwältin Giada Bocellari erklärte, Stasi spreche „noch heute oft“ über Chiara. „Der größte Fehler der Ermittler war, dass sie sich in die These vom mörderischen Freund verliebt und sich ausschließlich darauf konzentriert haben, ohne andere Spuren ausreichend zu verfolgen. Mein Fehler? Dass ich die mediale Dimension des Falls unterschätzt habe. Alberto wurde sofort von der öffentlichen Meinung verurteilt“, sagte Bocellari.