Neue Audioaufnahmen belasten den im Fall des Mordes an Chiara Poggi angeklagten Andrea Sempio. Vor allem ein Satz weckte die Aufmerksamkeit der Carabinieri, die im vergangenen Jahr Sempios Selbstgespräche im Auto aufgezeichnet hatten: „Dieses Video ... ich habe es ... im USB-Stick ...“.<BR /><BR />Nach Ansicht der Ermittler spricht Sempio über ein intimes Video, das das Opfer gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Alberto Stasi aufgenommen haben soll. Den Ermittlern zufolge war der zum Tatzeitpunkt 19-jährige Sempio von Chiara Poggi besessen, nachdem er zufällig intime Amateuraufnahmen der jungen Frau und Stasis gesehen hatte. Dieser Umstand soll durch ein IT-Gutachten gestützt werden, das den Ermittlungsakten beigefügt wurde.<h3> Selbstgespräch als heiße Spur</h3>Die leise gesprochenen Worte in den von den Carabinieri aufgezeichneten Tonmitschnitten sind wegen starker Hintergrundgeräusche nur schwer verständlich. Für die Ermittler gelten sie dennoch als bedeutend, da Sempio damit auf einen Umstand hingewiesen haben soll, der den Behörden bis dahin unbekannt gewesen sei – nämlich darauf, dass sich das Video auf einem USB-Stick befunden haben könnte.<BR /><BR />Unmittelbar nach dem Selbstgespräch hält Sempio mit dem Auto an – im Mitschnitt sind Blinkergeräusche und das Öffnen einer Tür zu hören – , um eine Freundin einsteigen zu lassen. Zu ihr sagt er: „Ich bin ziemlich sicher, dass sie hier mithören ...“.<BR /><BR />Laut der in der Anklageschrift enthaltenen Rekonstruktion, die nach Darstellung der Ermittler durch zahlreiche Indizien und Beweise gestützt wird, soll Andrea Sempio Chiara Poggi in der Villa in der Via Pascoli in Garlasco getötet haben, nachdem die junge Studentin seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte. Er soll ihr mehrfach mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen haben. Anschließend habe er die Leiche in den Keller gebracht und ihr dort weitere vier bis fünf Schläge versetzt.<BR /><BR />Die Tonaufnahmen, die inzwischen von Medien veröffentlicht wurden, stammen vom 28. Februar vergangenen Jahres, einen Tag nach der Mitteilung über neue Ermittlungen gegen Sempio im Zusammenhang mit dem Verbrechen von Garlasco. Nach Angaben der Ermittler ist unklar, ob Sempio Selbstgespräche führte oder Sprachnachrichten aufnahm.<BR /><BR />Die Mitschnitte gehören zu mehreren heimlich aufgezeichneten Gesprächen. In den inzwischen veröffentlichten Dateien ist die Tonqualität schlecht, da Sempio während der Fahrt nur flüsternd spricht. <BR /><BR />Andrea Sempio hat jede Beteiligung an dem Verbrechen stets bestritten. Mehrfach erklärte er, Chiara Poggi lediglich flüchtig gekannt zu haben - als Freund ihres Bruders Marco. Dennoch bleibt er in diesem neuen, aufsehenerregenden Kapitel des Falls der einzige Verdächtige. Alberto Stasi ist bislang der einzige rechtskräftig Verurteilte in dem Fall. Seine Anwälte prüfen, ob die Aufrollung eines Prozesses gegen ihn beantragt werden soll. <h3> Parkticket wirft Fragen auf</h3>Im Zentrum der Ermittlungen steht erneut auch ein Parkticket aus Vigevano vom 13. August 2007, dem Tag des Mordes an Chiara Poggi. Sempio hatte angegeben, an diesem Vormittag in Vigevano gewesen zu sein und dort ein Ticket gezogen zu haben. Die Ermittler gehen inzwischen jedoch davon aus, dass dieses Alibi konstruiert wurde.<BR /><BR />Nach ihren Erkenntnissen wurde Sempios Mobiltelefon nie in das Funknetz von Vigevano eingeloggt. Zudem stießen die Ermittler auf Nachrichten zwischen seiner Mutter und einem Feuerwehrmann aus der Stadt, mit dem die Frau laut Aussagen regelmäßig Treffen vereinbart haben soll.<BR />Auch innerhalb der Familie geriet das Ticket offenbar zum Thema. <BR /><BR />In einer abgehörten Unterhaltung sagt Sempios Vater demnach zu seiner Frau: „Du hast den Strafzettel doch gemacht.“ Die Mutter bricht daraufhin in Tränen aus und erklärt: „Es ist meine Schuld, ich habe ihm gesagt, er soll den Zettel aufheben.“<BR /><BR />Die Staatsanwaltschaft hält zudem Sempios Darstellung seines damaligen Bewegungsablaufs für widersprüchlich. Zweifel bestehen insbesondere an seiner Aussage, zufällig am Haus der Familie Poggi vorbeigefahren zu sein und dort Polizei und Rettungskräfte bemerkt zu haben. Nach Ansicht der Ermittler lag die Straße nicht auf seiner Route.