Freitag, 15. Mai 2020

Psychiater Dr. Pycha: Was Entführungsopfer durchmachen

Silvia Romano, 18 Monate in den Händen islamistischer Terroristen in Kenia und Somalia, ist am vergangenen Samstag nach Italien zurückgekehrt. Sie ist zum Islam konvertiert und spricht teils positiv von ihren Entführern. Was steckt dahinter? Und woher kommt der Hass, der der jungen Frau entgegenschlägt? STOL hat sich darüber mit Dr. Roger Pycha, Chef des psychiatrischen Dienstes in Brixen, unterhalten.

Silvia Romano kurz nach ihrer Ankunft in Rom am Samstag. Nach 18 Monaten Gefangenschaft durfte sie  ihre Mutter Francesca Fumagalli in die Arme schließen.
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Silvia Romano kurz nach ihrer Ankunft in Rom am Samstag. Nach 18 Monaten Gefangenschaft durfte sie ihre Mutter Francesca Fumagalli in die Arme schließen. - Foto: © ANSA / FABIO FRUSTACI
Interview: Verena Stefenelli

STOL: Herr Dr. Roger Pycha, was geht in einem Menschen vor, der entführt wurde? Was sind da die ersten Gedanken?

Dr. Roger Pycha: Also als Erstes kommt eine extreme Existenzangst. Alle Regeln sind über Bord geworfen worden. Wir geraten in einen wahnsinnigen Stress. Dieser extreme Stress aber macht uns leistungsfähiger für Auswege: als Erstes kommt die Reaktion Flucht oder Kampf. Kampf ist in einer derartigen Situation meist ausgeschlossen und auch eine Flucht wird durch die Entführer vereitelt. Es bleibt damit eigentlich nur das verzweifelte Nachdenken über mögliche Auswege. Dieses verzweifelte Nachdenken schluckt sehr viel Energie, das Gehirn ist hellwach und bereit, auch auf die seltsamsten Auswege zu verfallen, Hauptsache: Ich überlebe!


STOL: Silvia Romano hat in ihrem ersten Gespräch mit den Ermittlern in Rom positiv über ihre Entführer gesprochen und hat erklärt, sie sei gut behandelt worden, man habe sie zu nichts gezwungen, auch nicht zur Konvertierung zum Islam und sie hätte relativ frei leben können. Kein böses Wort über die Terroristen. Wie weit kann man diesen Aussagen glauben oder wie kann man dies erklären?

Dr. Pycha: Dieses Verhalten ist in der Psychologie reichlich beschrieben. Es handelt sich hierbei um das sogenannte Stockholm-Syndrom* (wird ganz unten im Artikel genau erklärt, Anm.d.Red.), eine Anpassungsreaktion von Menschen in extremen Situationen, wie etwa bei einer Geiselnahme oder Entführung. Wie bereits erwähnt, sucht der Mensch verzweifelt nach Auswegen und einer der Auswege in einer solchen Situation ist Anpassung. Der Mensch ist äußerst fähig, sich auch an gefährliche Situationen und eine feindliche Umwelt anzupassen. Die beste Fähigkeit dazu ist das, was der präfrontale Kortex (Stirnhirn) liefert und zwar das Schmieden neuer Pläne, auch verzweifelter Pläne. Und was das Wesentliche beim Schmieden neuer Pläne ist, ist der Perspektivenwechsel. Ich muss also meine verzweifelte Lage aus einer anderen Perspektive heraus sehen. Dieser Perspektivenwechsel hilft uns, unser Leben zu retten. Wir verleugnen alles, wenn es ums blanke Überleben geht.

STOL: Und das war auch die Strategie von Silvia Romano?

Dr. Pycha: Ja, auf jeden Fall. Was musste sie dort 18 Monate tun, um zu überleben? Sie dürfte schwierigste, lebensbedrohliche Verhältnisse erlebt haben, musste sich massiv anpassen und hat aufgrund der Umstände Entscheidungen getroffen. Eine dieser Entscheidungen könnte auch die Konvertierung zum Islam gewesen sein, was an sich keine große Sache ist. Der Übertritt zum Islam ist äußerst einfach und nicht mit komplizierten Ritualen verbunden wie bei den meisten anderen Weltreligionen. Wenn sie den Übertritt zum Islam als Anpassungsreaktion vollzogen hat, als klugen Plan, um sich zu retten, kann es gut sein, dass sie im Laufe der Zeit diesen wieder rückgängig macht.

Natürlich ist es auch möglich, dass sie mit der Mission in den Westen gesandt worden ist und freigelassen worden ist, um dem Westen zu zeigen, dass es auch ein gutes Ergebnis von Gehirnwäsche geben kann. Aber wir wissen es bis dato nicht.

Umgekehrt kann es natürlich auch sein – das dürfen wir nicht außer Acht lassen – dass es keine Anpassungsreaktion war, sondern dass sie dort in Somalia in großer Armut gelebt und gesehen hat, dass den Menschen um sie herum dieser andere Glaube hilft. Es kann also sein, dass sie sich dann aus eigenem Willen mit dem Islam befasst hat und daraus Kraft schöpfen könnte und sich geschützt fühlte. Um dies besser verstehen zu können, müsste man allerdings wissen, ob sie auch vorher schon sehr religiös war und sich dann angesichts der Situation auf einen neuen Glauben eingelassen hat. Das wird uns Silvia aber vielleicht irgendwann alles selber beantworten, wenn sie ihre inneren Ängste überwunden hat. Die Angst vor den Verfolgern wird noch lange da sein. Terroristen funktionieren typischerweise nämlich so, dass sie den Opfern sagen: „Du bist nirgendwo sicher, egal wo du bist.“

STOL: Als Entführungsopfer steht man unter ständiger Todesangst. Silvia wird gewusst haben, dass islamistische Terrorgruppen nicht davor zurückschrecken, zu töten. Wie erträgt man das?

Dr. Pycha: Eine nicht ganz seltene Reaktion ist eine recht schnell eintretende Depression, die Lebenskraft schwindet, die Personen geben auf und werden apathisch. Das kann bis hin zum Totstell-Reflex führen, wo der Gefangene nicht mehr isst und trinkt und daran zu Grunde geht. Das war bei vielen Gefangenen im KZ der Fall. Es ist ein freiwilliges „Aus dem Leben gehen“, weil das Leben nicht mehr lebenswert ist. Doch viele entscheiden sich für einen anderen Weg, wie eben auch Silvia Romano. Sie schmiedete neue Pläne und hat es auf geniale Art geschafft, nach 18 Monaten frei zu kommen. Wir wissen nicht, ob Lösegeld bezahlt wurde oder ob sie es aus eigener Kraft geschafft hat, ihre Entführer davon zu überzeugen, sie als „neuen“ Menschen freizulassen. Das wäre ein Zeichen von genialer Anpassungsstrategie.

STOL: Können Sie uns weitere Beispiele für extreme Anpassungsstrategien bei Opfern geben?

Dr. Pycha: Da gibt es zum Beispiel den extremen Fall der Amerikanerin Patricia Hurst. Die damals 19-jährige Millionärstochter wurde 1974 von der linksradikalen Terrorgruppe Symbionese Liberation Army (SLA) entführt, 57 Tage lang in einen Schrank von 1 Mal 1,7 Meter Größe gesperrt, vergewaltigt und gefoltert. 2 Monate nach der Entführung schloss sie sich der Gruppe an und beteiligte sich über Jahre selbst an diversen Überfällen. Dieser Fall zeigt: Ein Mensch kann sich in einer extremen Situation langfristig so sehr anpassen, dass einem die Entführer als die Guten und die, die einen retten wollen, als die Bösen vorkommen. Das ist möglich als extreme Anpassungsreaktion.
Auch in der Geschichte finden wir unzählige Beispiele, wo zum Beispiel Gewalt angewandt wurde und diese Gewalt dann auch irgendwo akzeptiert wird. Bei den alten Römern etwa der Raub der Sabinerinnen. Die Römer überfallen einen anderen Stamm, rauben die Frauen, mit denen sie dann Kinder zeugen. Die Sabinerinnen bleiben bei ihnen. Es gibt also auch Lösungen der Anpassung, die auch biologisch notwendig sind.
Auch Menschen, die im KZ waren oder Menschen in russischer Kriegsgefangenschaft identifizierten sich zum Teil mit den Leuten, bei denen sie leben mussten, für die sie was tun mussten. Vermutlich ist es auch bei Kindersoldaten und Kinderprostituierten so.

STOL: Werden diese Menschen ihr Trauma jemals wieder los oder sind diese Opfer für immer gezeichnet?

Dr. Pycha: Das kann man nicht pauschal beantworten. Diese Menschen sind schwer traumatisiert. Ich persönlich hatte nie mit Entführungsopfern zu tun, allerdings mit 2 Folteropfern. Diese haben mir bestätigt, dass es unglaublich schwer ist, das Gefühl der Sicherheit wieder zu erlangen. Es gibt zum Beispiel eine Studie zu KZ-Überlebenden. Diese zeigt, dass ein Drittel der KZ-Insassen ihre posttraumatische Störung nie mehr losgeworden sind. Sie drehten fast durch, als sie Marschmusik oder nur schwarze Stiefel sahen. Das zweite Drittel erreichte durch Anti-Depressiva und Therapien ein relativ normales Leben und das dritte Drittel hat ein normales Leben ganz ohne Hilfe erreicht. Das sind die sogenannten Resilienten, die Widerstandsfähigen, die, die aus den Krisen lernen. Sie sind im Stande, sich ein neues Leben zu erarbeiten. Es ist also alles möglich.

STOL: Und im Fall von Silvia Romano?

Dr. Pycha: Das Wichtigste ist jetzt einfach, dass man diese Frau mit Würde behandelt und sie in Ruhe lässt, weil sie schwer traumatisiert ist. Man muss sie beglückwünschen, denn sie hat überlebt. Sie muss sich erholen und hat das Recht auf private Zurückgezogenheit. Falls sie gefoltert, gequält oder auch psychisch schwer unter Druck gesetzt worden ist, dann muss sie jetzt ein einziges Gefühl haben und zwar über Monate: Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Sie muss in Abgeschiedenheit das Gefühl zurückerlangen: „Mir passiert nichts. Ich darf frei denken, reden und empfinden.“ Und dann erst werden wir die wahre Geschichte erfahren.

So ähnlich war es auch bei Natascha Kampusch: Niemand hatte zunächst geglaubt, dass sie von ihrem Entführer tatsächlich nie vergewaltigt worden ist. Doch was sich nach und nach herauskristallisierte, war, dass es effektiv so war. Sie hat sich einfach extrem intelligent an die Gefangenschaftslage angepasst. Sie ist zum Großteil mitgegangen mit dem Entführer, hat seine größten Bedürfnisse nach menschlicher Gemeinschaft (fast partnerschaftlicher Gemeinschaft) befriedigt, um relativ unbeschadet aus der Lage herauszukommen.

STOL: Silvia Romano wird derzeit massiv angefeindet. Wie erklären Sie das?

Dr. Pycha: Das nennt man Transposition, ein soziologisches Phänomen, das derzeit durch die Coronakrise noch verstärkt wird. Die Angst vor dem Virus ist in jedem von uns vorhanden. Wir sind Corona-aufgewühlt, hochverängstigt. Diese Angst braucht einen Anhaltspunkt, wir übertragen diese neue Angst zum Teil nahtlos auf die Angst vor dem Terrorismus, die 2. große Angst in unserer Gesellschaft. Und in Silvia hat man nun unbewusst eine Art Sündenbock gefunden, wohin diese Angst paranoid verschoben wird.










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