Mittwoch, 24. Juni 2015

Falscher Schönheitschirurg „zum Glück aufgeflogen“

Ist er Täter oder ein Opfer seiner selbst? Fest steht: Das Geschäft des Scharlatans blühte. Ein junger Mann aus Regensburg gab sich als Schönheitschirurg aus und behandelte Dutzende Patienten. Vor Gericht räumt er die Taten ein – und hofft auf ein mildes Urteil.

Der Möchtegern-Chirurg spritzte ohne Bedenken Botox.
Der Möchtegern-Chirurg spritzte ohne Bedenken Botox.

Das puppenhafte Gesicht des Angeklagten steht im krassen Gegensatz zur schlichten blauen Gefängniskleidung. Die Wangenknochen des 31-Jährigen stechen unnatürlich hervor, die Gesichtshaut spannt und die Lippen sind aufgespritzt.

Sich selbst mehrfach operiert und 110 andere

Der Mann, der sein eigenes Gesicht vielfach verändert hat, nahm an anderen Schönheitsoperationen vor – ohne Arzt zu sein. Wegen gefährlicher Körperverletzung, Betrugs und Missbrauchs von Titeln in 110 Fällen muss er sich vor dem Landgericht Regensburg verantworten.

„Ich war überzeugt, dass es sichere Behandlungen sind, weil ich sie selbst an mir ausprobiert habe“, sagt der Angeklagte am Mittwoch vor Gericht.

 

Das Urteil gegen einen falschen Schönheitschirurgen wird später fallen als erwartet.

 

Nach eigenen Angaben hatte er sich mit gefälschten Dokumenten und Urkunden einen angeblichen medizinischen Werdegang zugelegt. Seine Abiturnote hatte er von 2,7 auf 1,4 verbessert und sich mit einem selbst gefertigten Stempel der Universität Regensburg als Facharzt für Plastische Chirurgie ausgewiesen.

Im Internet warb er mit seinen Fähigkeiten – und die Patienten kamen und zahlten.

Botox-Spritzen und Silikon-Lippen 

Erste Patientin war eine Clubsängerin aus Hannover. Die angeblich erfolgreiche Behandlung sprach sich in sozialen Netzwerken herum. Zwischen 2012 und 2014 spritzte er in Wohnungen in Hannover und Regensburg seinen männlichen und weiblichen Patienten Botox und Silikon in Lippen, Wangen und Stirn.

Das Geschäft blühte: „Ich habe deutlich mehr verdient, als in der Anklage steht. Nach Abzug der Kosten etwa 15.000 Euro im Monat“, sagt der 31-Jährige, der sich am Mittwoch vieles von der Seele redet.

Scharlatan zeigt Reue: 56 Geschädigte

Auch die Zahl der Patienten sei höher als in der Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft ging von 56 Geschädigten aus. „Viele ließen sich spontan behandeln. Eine Erfassung war aus zeitlichen Gründen nicht möglich“, sagt der 31-Jährige.

Der Angeklagte beteuert, er bedauere seine Taten inzwischen. „Es ist ein Glück, dass ich aufgeflogen bin.“

 

An Lippen, Wanger und Stirn setzte der Mann Silikon ein.

In dem Verfahren hatte der medizinische Sachverständige gesagt, dass die Patienten in großer Gefahr geschwebt hätten und Spätfolgen nicht auszuschließen seien. Zahlreiche Geschädigte hatten von schmerzhaften Schwellungen und Taubheitsgefühlen berichtet. Einige klagten nach der örtlichen Betäubung auch über Ohnmacht und Herzrasen.

„Ich bin froh, dass nicht noch Schlimmeres passiert ist“, sagt der Angeklagte.

Möchtegern-Chirurg war süchtig nach Bewunderung

Als junger Mann hatte er sich selbst mehrfach kosmetischen Operationen unterzogen und Korrekturen auch an sich selbst durchgeführt. Laut psychiatrischem Gutachten leidet der Mann unter einer Störung der Wahrnehmung des eigenen Leibes (Dysmorphophobie) und hält sich für hässlich und entstellt.

Zudem attestierte der Gutachter dem 31-Jährigen dissoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörungen. „Ich war süchtig nach Bewunderung. Durch die Patienten habe ich sie bekommen“, sagt der Angeklagte.

Aufgeflogen war der falsche Schönheitschirurg über eine besorgte Mutter aus Österreich. Sie hatte Zweifel an der Richtigkeit der Angaben zur Approbation des Mannes und schaltete die Behörden ein.

Ursprünglich sollte am Mittwoch das Urteil gesprochen werden.

Hat er auch Drogenprobleme?

Der Angeklagte hofft wegen seiner Kokainsucht auf eine Unterbringung in eine Entziehungsanstalt statt Haft. Ein Gutachter hatte allerdings keine Abhängigkeit festgestellt. Nachdem der Angeklagte am Mittwoch erstmals konkrete Angaben zu seinem Drogenkonsum und seinen Dealern machte, setzte die Vorsitzende Richterin weitere Termine an.

Die Kammer will nun die Eltern des Angeklagten, seinen Lebensgefährten und den Drogendealer als Zeugen laden.

dpa

stol