Freitag, 09. Februar 2018

Faschingsumzug Terlan: „Das Chaos war vorhersehbar“

Dunkle Wolken ziehen über den Fasching in Südtirol: Statt von lustigen Umzugswägen und phantasievollen Kostümen wird nach dem Umzug in Terlan nur über Alkohol, Drogen und Eskalation gesprochen. Dabei wäre die Situation bereits nach dem Umzug im vergangenen Jahr absehbar gewesen, heißt es aus den Reihen der Einsatzkräfte.

Beim Umzug wurde noch kräftig gefeiert. Von wegen "Peace" - einige der Besucher schlugen später über die Stränge. Foto: hld
Badge Local
Beim Umzug wurde noch kräftig gefeiert. Von wegen "Peace" - einige der Besucher schlugen später über die Stränge. Foto: hld

„So eine extreme Situation habe ich noch nie erlebt“, berichtet einer der Einsatzkräfte im Gespräch mit STOL. Am Unsinnigen Donnerstag fand, wie bereits seit vielen Jahren, der Faschingsumzug in Terlan statt. Doch in diesem Jahr standen am Ende des Tages nicht die lustigsten Wägen oder die schrillsten Kostüme im Vordergrund. Schlagzeilen machten vor allem die Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftung oder wegen Drogenkonsum ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Und die Besucher, die durch ihr unverantwortliches Verhalten den Zugverkehr für mehrere Stunden blockierten.

„Wir waren nicht im Stande, die Situation zu verhindern“, erklärte Bürgermeister Klaus Runer am Freitag im Tagblatt „Dolomiten“. „Das stimmt so nicht“, meldet sich nun einer der Einsatzkräfte. Bereits im vergangenen Jahr sei der Umzug eskaliert, man war mit denselben Problemen konfrontiert worden, die nun in diesem Jahr das Terlaner Faschingstreiben überschatten.

Zwar sei damals verkündet worden, man wolle die Sicherheitsmaßnahmen erhöhen, um dem entgegenzuwirken, „doch viel ist nicht passiert“, berichtet der Augenzeuge. Dabei wären Maßnahmen in Sachen Sicherheit gerade in diesem Jahr dringend notwendig gewesen: Laut Bürgermeister Runer kamen heuer nämlich doppelt so viele Personen zum Umzug wie noch im Vorjahr, nämlich 9000 bis 10.000 Menschen. Die Hauptstraße blieb während des Umzugs für den Verkehr geöffnet, „und immer wieder liefen angetrunkene Menschen auf die Straße, auf der Autos fuhren.“

Auch die Einsatzkräfte wurden angegriffen

Auch dass der Zug eine große Gefahrenquelle berge, war bereits länger bekannt, so die Einsatzkraft. Auch hier hätte man besser vorbeugen können. „Jetzt im Nachhinein zu sagen, man hätte das nicht absehen können, ist einfach nicht richtig und schon gar nicht in Ordnung.“

Die Anzahl der Einsatzkräfte war im Verhältnis zu den anwesenden Besuchern viel zu gering. Auch seien weitaus mehr Verletzte zu beklagen gewesen, als offiziell bekanntgegeben.

Doch nicht nur die Autos auf der Hauptstraße und der Zug auf dem naheliegenden Gleis waren eine Gefahr für die Besucher, einzelne Umzugsteilnehmer wurden selbst zur Gefahr für die Einsatzkräfte: „Einige wurden handgreiflich, es kam so weit, dass wir uns wehren mussten.“ Auch die Einsatzfahrzeuge wurden angegriffen, eine Person stieg sogar in das Fahrzeug. Als der Umzug zur Hälfte vorbei war, wurde die Situation unüberschaubar. „Wir waren dem Ganzen einfach nicht mehr gewachsen – und das hätte nicht passieren dürfen.“

Auch am Tag danach haben einige der Einsatzkräfte Schwierigkeiten, das Erlebte zu verkraften. „Aus meiner Erfahrung muss ich einfach sagen, dass der Umzug schlecht organisiert war. Wir hatten keine Kontrolle mehr, die Situation ist in jeder Hinsicht völlig ausgeartet. Ich bin einfach nur schockiert.“

stol/liz

stol