<b>STOL: Was geht in den Köpfen von Menschen vor, die eine Tragödie wie jene in Crans-Montana überleben?<BR /></b>Michele Piccolin: Wenn man etwas durchmacht, das das eigene oder das Leben anderer bedroht – sei es ein Brand wie in Crans-Montana, ein Verkehrsunfall, ein Erdbeben oder ein Überfall –, wird die Psyche einem Stress ausgesetzt, der die normalen Verarbeitungskapazitäten übersteigt. Anfangs kommt es meist zu akuten Reaktionen wie Flashbacks, Albträumen, übermäßiger Wachsamkeit, Vermeidung von allem, was an das Ereignis erinnert, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen. Damit versucht unser Geist, das Unakzeptable zu verarbeiten. Bei bis zu 20 – 30 Prozent der Überlebenden jedoch klingen diese schweren Traumata nicht spontan ab, es entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung, die Lebensqualität, Beziehungen und Arbeitsfähigkeit über Jahre beeinträchtigen kann. <BR /><BR /><b>STOL: Und wie ergeht es den Angehörigen der Opfer?<BR /></b>Piccolin: Ein plötzlicher und gewaltsamer Tod lässt keine psychologische Vorbereitung zu, die – so schmerzhaft sie auch sein mag – die Verarbeitung erleichtert. Hinzu kommen oft traumatische Details wie die Umstände des Todes, der Zustand der Leiche. Im Fall von Crans-Montana kommt ein weiterer zermürbender Faktor hinzu: das Warten auf die Identifizierung. Wenn ein Familienmitglied tagelang nicht weiß, ob sein Angehöriger unter den Opfern oder unter den nicht identifizierbaren Verletzten ist, befindet es sich in einem Zustand, der als „ambiguous loss“ bezeichnet wird. Es handelt sich um einen psychologischen Schwebezustand, der sowohl die Trauerbewältigung als auch das Aufrechterhalten der Hoffnung verhindert, was eine Verarbeitung erschwert, da kein klarer Abschied möglich ist.<BR /><BR /><b>STOL: Wie wichtig ist da psychologische Hilfe?<BR /></b>Piccolin: Sie ist grundlegend. Gleich nach dem Ereignis bietet die Intervention von Notfallpsychologen Halt und Hilfe bei der praktischen und emotionalen Bewältigung der Krise. Mittelfristig kann eine angemessene psychotherapeutische Unterstützung verhindern, dass die Symptome chronisch werden. Langfristig gibt es für diejenigen, die Krankheitsbilder entwickeln, bewährte Behandlungsmethoden wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie, die beide hervorragende Ergebnisse zeigen. Mit liegt am Herzen, zu betonen, wie notwendig es ist, eine Kultur der psychologischen Intervention in Notfällen zu fördern. Allzu oft wird psychologische Hilfe als nebensächlich, fast als Luxus empfunden. Das ist sie nicht: Unbehandelt kann ein psychologisches Trauma chronisch werden und dauerhafte, lebensbeeinträchtigende Folgen haben. In die psychische Gesundheit der Überlebenden und Angehörigen der Opfer zu investieren, ist nicht Großzügigkeit, sondern Gesundheitsvorsorge.<BR /><BR /><b>STOL: Welches Gewicht haben frühzeitige Diagnosen und Therapien im Fall späterer Schadenersatzansprüche? <BR /></b>Piccolin: Der psychische Schaden eine oft unterschätzte, aber absolut zentrale Komponente. Wir sprechen hier von echten Erkrankungen wie posttraumatische Belastungsstörungen, depressive Störungen, Angststörungen. Bei der forensischen psychologischen Begutachtung wird der Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis und dem Schaden festgestellt und ausgeschlossen, dass die Symptomatik bereits zuvor bestand, auch wird das Ausmaß des Schadens in Form einer dauerhaften Behinderung nach genauen Kriterien quantifiziert. Tragen die Überlebenden Narben davon, ist auch der ästhetische Schaden mit seinen psychologischen Auswirkungen zu berücksichtigen: Die Veränderung des Körperbildes kann erhebliches und anhaltendes Leid verursachen. Für die Angehörigen der Opfer hingegen entsteht ein Schaden durch den Verlust der elterlichen Beziehung.<BR /><BR /><b>STOL: Haben Sie eine Botschaft für Menschen, die mit den Folgen eines derart traumatischen Erlebnisses zu kämpfen haben?</b><BR />Piccolin: Denjenigen, die ein Trauma erlebt haben, entweder direkt oder durch den Verlust eines geliebten Menschen, sage ich vor allem: Sie durchleben normale Reaktionen auf außergewöhnliche Ereignisse. Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. So wie sich niemand schämen würde, eine körperliche Wunde behandeln zu lassen, sollte auch niemand zögern, sich um eine psychische Wunde zu kümmern. Denjenigen, die den Rechtsweg einschlagen, um den erlittenen Schaden anerkannt zu bekommen, möchte ich versichern, dass es strenge technische Instrumente gibt, um auch psychisches Leiden zu dokumentieren und zu quantifizieren. Psychischer Schaden hat die gleiche Wertigkeit wie jeder andere Gesundheitsschaden. Ihr Schmerz verdient nicht nur menschliche, sondern auch rechtliche Anerkennung.